Von Fiona Ehlers
Ihr wuchsen Kräfte zu, von denen sie früher nichts geahnt hatte: Sie begriff, Schönheit ist vergänglich, und leben ist besser als sterben. Sie war wieder ausgelassen wie früher, war glücklich über jeden Tag, dankbar für jede weitere Operation. Ihre Zuversicht hielt nicht an, es gab kein Entrinnen aus der Finsternis.
Präsident Ahmadinedschad hatte die Zahlungen an Amene eingestellt. In Barcelona konnte sie ihre Miete nicht mehr zahlen, wurde verklagt, zog zu Nonnen in ein Studentenwohnheim, flog auch dort raus. "Du kommst aus einem reichen Land, wir haben hier kein Öl, wir können dich nicht länger durchfüttern", sagte eine spanische Sozialarbeiterin und dass sie jetzt etwas Passendes gefunden habe. Amene zog ein weiteres Mal um, es roch nach Alkohol, Haschisch, Urin. Mit angezogenen Beinen saß sie auf dem Bett, hörte, wie sie lallten, randalierten, die ganze Nacht. Sie war im Obdachlosenheim, sie verschwand am nächsten Morgen. Sie fand ein Zimmer bei einer Spanierin, die spricht kaum ein Wort, liegt den ganzen Tag im Bett und raucht. Dort lebt sie bis heute.
Ein paar Tage nachdem sie eingezogen war, merkte Amene, wie warme, weiche Flüssigkeit über ihre rechte Wange lief. Sie dachte, es sei die vom Arzt verschriebene Fettcreme, sie tupfte sie ab mit einem Taschentuch. Es war ihr rechter Augapfel. Er hatte sich entzündet. Ein Infekt, eingefangen im Pennerasyl.
Dr. Medel setzte ihr ein Glasauge ein. Er hatte kein schwarzes mehr, Amene sagte, dann nehme ich Ihre Augenfarbe, Graublau. "Sitzt mein Glasauge noch?", fragt sie oft, reibt daran und rückt es gerade.
Sie war jetzt völlig erblindet, es gab keine Hoffnung mehr. Ihre ältere Schwester reiste aus Teheran an, sollte sie pflegen, amüsierte sich lieber und ließ sie allein. Amene dachte viel nach, besprach Kassetten, eine Art Tagebuch, die Grundlage für das Buch über ihr Leben. Es sind mehrere Dutzend Kassetten, sie verwahrt sie in einem Schränkchen zusammen mit dem Koran und Selbstporträts von früher.
Sie hatte Barcelona gesehen, langsam verblassten die Bilder, sie ging kaum noch vor die Tür. "Stellen Sie sich vor, ich lebe im Paradies, ich weiß, wie schön es hier ist", sagt sie, "als Blinde ist es die Hölle." Es muss in dieser Zeit gewesen sein, als ihr Wunsch auf Rache reifte.
Im März 2008 flog sie zurück nach Iran. In der 71. Kammer des Strafgerichts wurde Madschid der Prozess gemacht. Er gab das trotzige Kind, das auf den Boden stampfte und unfähig schien zur Reue. Seine Familie wartete vor der Tür, wurde nicht mal verhört. Das Publikum im Gerichtssaal lachte Madschid aus. Es weinte, als Amene ihre Geschichte erzählte, mit fester Stimme, unter Tränen aus toten Augen. Sie hatte das Mitleid auf ihrer Seite, wie sollte es auch anders sein.
Am Ende der Verhandlung wünschte sich Madschid den Tod: "Dann hängt mich doch!" Das war der Moment, als sie sicher war. "Er hat den Tod nicht verdient", sagt sie. "Er darf nicht einfach weg sein. Er soll leiden wie ich."
Auf Amenes ausdrücklichen Wunsch wurde ihr das Recht auf Vergeltung eingeräumt. Der Fall ging um die Welt, er entspricht den üblichen Klischees von Iran, der repressiven Republik. In westlichen Ländern sind Körperstrafen abgeschafft, eine Vollstreckung durch das Opfer ist ausgeschlossen. Hier jedoch will ein Opfer selbst Hand anlegen, das mag man vielleicht sogar verstehen, aber darf ein moderner Staat das zulassen?
Dieser Staat lässt es zu, aber er unternimmt auch Versuche, Amene umzustimmen. Die Entscheidung in letzter Instanz ließ vier Jahre auf sich warten, sie ist umstritten, auch in Iran. Der mächtige Justizchef Ajatollah Schahrudi empfing Amene und ihre Mutter. Er war höflich, aber bestimmt, sagt die Mutter, er bat Amene, zu verzeihen und das Geld anzunehmen. Auch eine Anwältin aus der Kanzlei von Friedensnobelpreisträgerin Schirin Ebadi rief an, sie sagte, der Ruf Irans stehe auf dem Spiel. Aber Amene ließ sich nicht erweichen. Weil sie eine Frau ist, eine Frau in Iran, sind ihre beiden Augen nur so viel wert wie eines von Madschid, sie beschloss, sein zweites Auge dazuzukaufen, damit er wirklich blind sein wird wie sie.
Iran hat ein drakonisches Rechtssystem. Es gibt hier Menschenrechtler und Anwälte, die glauben, es sei kein Zufall, dass Amenes Wunsch gerade jetzt entsprochen wurde. Seit die Fundamentalisten an der Macht sind, sagen sie, gebe es wieder Richter aus reaktionären Religionsschulen, die Opfer zur Gewalt überreden. Die es gern sähen, wenn Iraner an diese falsch verstandene Gerechtigkeit glaubten. Kisas dient der Disziplinierung der Gesellschaft. Diese Aktivisten kämpfen dagegen, fordern eine Reform des Rechtssystems. Sie kämpfen noch gegen ganz andere Strafmaßnahmen: Einkerkerung von Regimekritikern, Erhängen Minderjähriger, Steinigung. Sie sagen: Rachejustiz sät Gewalt, sie unterbindet sie nicht. Sie glauben, das Urteil sei politisch motiviert. Sie glauben: Strenge Regeln und Verbote führen zu solchen Taten, Verschleierung, Geschlechtertrennung, kein Sex vor der Ehe. Sie haben viele Erklärungen für diesen Fall. Lösen kann ihn nur Amene.
Sie sieht sich als Kämpferin für die Rechte der Frauen. Sie ist es leid, dass Männer ihr vorwerfen, sie sei schuld an der Tat. "Männer wie Madschid müssen erzogen werden. Er ist ein Barbar, er versteht nur die Sprache der Barbaren", sagt sie. Sie schadet uns Frauen, sagt eine Anwältin aus dem Kreise Ebadis, am 12. Juni ist Präsidentschaftswahl in Iran, erstmals sind Frauenrechte Wahlkampfthema. Sie sagt, Amenes Rache sei kein Fortschritt, sondern Rückschritt, ein falsches Zeichen, in der Sprache der Männer, des Mittelalters. Amene sagt: "Da macht man einmal was Positives für die Frauen in Iran, und alle regen sich auf."
Und sie sagt auch: "Hätte er mich um Verzeihung gebeten, würde mir seine Familie zwei Millionen Euro bieten, ich würde es mir überlegen."
"Sie will den Preis in die Höhe treiben, sie will mehr Blutgeld, deshalb beharrt sie auf Kisas", sagt Madschid.
Seit fünf Jahren lebt Madschid in einer Acht-Mann-Zelle im Gefängnis von Karadsch, einem mächtigen Flachbau, umgeben von Stacheldraht. Seine Mithäftlinge machen ihm das Leben unerträglich, sagen die Eltern, er ist der assid paschi, Abschaum. Jeden Dienstag besuchen sie ihren Sohn, sein Haar ist geschoren, sie sprechen durch eine Glaswand. An diesem Dienstag kommen sie spät nach Hause, er hat ihnen einen 19-seitigen Brief mitgegeben, jede Seite musste genehmigt werden, sein Fingerabdruck prangt unter vielen Stempeln. Es sind Rechtfertigungen mit blauer Tinte, er zitiert Paragrafen, verweist auf andere Säurefälle, die milder entschieden wurden, fleht die Richter an, den Fall neu zu untersuchen. Es sind die trotzigen Worte eines Jungen, der sich selbst als Opfer sieht.
Dann klingelt das Telefon. Es ist Madschid, er will sich erklären, er weiß, ausländische Journalisten sind bei seinen Eltern.
Er hat eine leise, dünne Stimme, er sagt: Er habe Amene nur erschrecken wollen. Er sagt, dass er eine Strafe verdient habe. Aber nicht diese Strafe. Dann überschlägt sich seine Stimme, er verspielt seine Glaubwürdigkeit, wie damals vor Gericht: "Sie kann sehen, sie lügt, sie darf mich nicht blenden. Sie hat das Urteil unterschrieben, wie kann sie das, ich denke, sie ist blind?" Dann appelliert er an Amene, es klingt wie eine Drohung: "Ich kenne sie, sie hat ein gutes Herz. Sie will es nicht wirklich tun, wenn doch, dann gnade ihr Gott."
Die Zeit ist um, ein Tuten, dann ist die Leitung tot. Madschids Eltern weinen leise neben dem Telefon. Auch diese Familie ist verwüstet, krank vor Angst um ihr verlorenes Kind. Sie brauchten psychologische Hilfe und Geld für die Ausgleichszahlung, sie haben es nicht. Wie Amenes Eltern haben auch sie früh geheiratet, im Alter von 13 und 15 Jahren, eine arrangierte Ehe. Sie wollten alles richtig machen, ihre Kinder sollten studieren, selbst wählen, wie sie leben wollen. Madschid war überfordert mit der Freiheit, und wahrscheinlich war er unter Druck durch all die sexuellen Verbote. Man könnte sagen, auch er ist ein Opfer der Zeit.
Am Abend, als alles gesagt ist, machen die Mowahedis ein Angebot, eine Art Ablasshandel, es klingt so irrwitzig wie die Tat. "Wenn es stimmt, dass Amenes Familie sie als Last empfindet, dann würden wir sie aufnehmen." Würde sie ihn blenden, wäre er frei, so lautet das Gesetz. "Wir pflegen sie beide", sagen sie, "dann könnten sie endlich heiraten."
Am darauffolgenden Morgen betritt Amenes Mutter das Teheraner Strafgericht, schummrige Flure, Verbrecher werden vorbeigeführt in Handschellen. In Raum 108 hängen Bilder von Revolutionsführern, eine blinde Justitia hält ihre Waagschalen. Darunter sitzt Amenes Richter, westlicher Anzug, Sonnenbrille im Haar, auskunftsbereit.
Die Mutter ist nicht zum ersten Mal hier, sie will wissen, wann der Vollstreckungstermin ist. Sie sagt, sie habe den Eindruck, man halte sie hin. Der Richter sagt, das werde dauern. Bisher habe sich kein Arzt bereit erklärt, Madschid zu betäuben und die Blendung zu beaufsichtigen.
Aber das Urteil sei doch rechtskräftig, sagt die Mutter. Der Richter zuckt mit den Schultern, Justizchef Schahrudi müsse es unterzeichnen, noch zögere der. Er spricht von Blutgeld, er sagt: "Überzeugen Sie Ihre Tochter, das Geld anzunehmen. Das wäre die beste Lösung für alle." Bis zum letzten Moment könne sie sich entscheiden, auch noch wenn Madschid betäubt vor ihr liege.
Amenes Mutter nickt. Blutgeld, sie flüstert das Wort, sie schämt sich. Sie sagt: "Meine Tochter ist fest entschlossen, wie soll ich sie überzeugen, sie wird denken, ich hätte sie verraten."
Derweil sehnt Amene in Barcelona den Tag der Vergeltung herbei. Vergangenen Dienstag ist sie zum 18. Mal operiert worden. Sind die Wunden verheilt, wird sie nach Teheran fliegen, sie rechnet mit September. Seit sie blind ist, lebt sie nur noch für dieses eine Bild in ihrem Kopf, Madschids Blendung, ihre Rache. Sie soll in dem Buch über ihr Leben am Anfang stehen. Das böse Ende zuerst, aus dramaturgischen Gründen.
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