AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 25/2009
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SPD "Gekläffe kommt nicht an"

Bundesfinanzminister Peer Steinbrück, 62, über die Lehren aus der Niederlage seiner Partei bei der Europawahl, die Strategie für die heiße Phase des Bundestagswahlkampfs und sein schwieriges Verhältnis zu Wirtschaftsminister Guttenberg.

SPIEGEL: Herr Steinbrück, wir wollen mit Ihnen in Ihrer Eigenschaft als stellvertretender SPD-Chef reden.

Steinbrück: Hatte ich mir schon gedacht.

SPIEGEL: Angenommen, die SPD wäre ein Warenhaus, wo stünde sie da jetzt: kurz vor der Insolvenz oder schon mittendrin?

Steinbrück: Den Vergleich zwischen der SPD und einem Warenhaus finde ich grotesk.

SPIEGEL: Wir nicht. Bei der Europawahl hat die SPD magere 20,8 Prozent der Stimmen bekommen. Offenbar hat sich das Geschäftsmodell Ihrer Partei überholt, ähnlich wie bei Karstadt.

Steinbrück: Liebe Leute, Warenhäuser sind nicht generell aus der Mode, genauso wenig wie die SPD. Es gibt sehr erfolgreiche Warenhäuser, denken Sie an die Galeries Lafayettes in Frankreich oder Harrods in England. Bei Karstadt waren es vor allem Managementfehler, die viel kaputtgemacht haben.

SPIEGEL: Noch eine Parallele. Bei der SPD gab es auch viele Managementfehler.

Steinbrück: Nichts ist fehlerfrei. Mein Eindruck ist aber, dass sich die internen Verhältnisse der SPD gefestigt haben. Wir sind solider geworden nach den schmerzhaften Ereignissen rund um den Rücktritt von Kurt Beck am Schwielowsee.

SPIEGEL: Warum steht die SPD dann trotzdem so schlimm da?

Steinbrück: Fehleranalyse betreibe ich mit meinen eigenen Leuten.

SPIEGEL: Ist die Bundestagswahl nach einem solchen Desaster denn noch zu gewinnen?

Steinbrück: Eine Bundestagswahl hat ihre eigenen Regeln. Es gibt ganz andere Wahlbeteiligungen als bei einer Europawahl, das hilft der SPD. Außerdem entscheiden sich fast die Hälfte aller Wählerinnen und Wähler erst in der letzten Woche, ob sie wählen gehen und wen sie wählen.

SPIEGEL: Was haben Sie gedacht, als Sie vom Ergebnis der Europawahl erfuhren?

Steinbrück: Dass die Startrampe für die Bundestagswahl gerade beschädigt worden ist.

SPIEGEL: Merkwürdige Sachen denken Sie. Härtet man als Sozialdemokrat eigentlich irgendwann ab? Sie haben ja eine irrsinnige Erfahrung mit Tiefschlägen.

Steinbrück: Man härtet nicht ab, aber man ist trainiert.

SPIEGEL: Wie wollen Sie Ihre Anhänger jetzt noch motivieren, mit heißem Herz in den Wahlkampf zu ziehen?

Steinbrück: Im "Tagebuch einer Schnecke" über den Wahlkampf 1972 von Günter Grass gibt es eine Seite, die ich allen nur zur Lektüre anempfehlen kann. Sinngemäß lautet die Passage: Wenn Grauwacke deine Taschen beutelt, wenn dir die Füße schwer sind, wenn dir die Worte im Mund ersticken, dann stehe auf und fange an, dich zu bewegen. Dann stehe auf und fange an, dich zu bewegen!

SPIEGEL: Verlieren Sie nicht irgendwann die Lust am Aufstehen?

Steinbrück: Niemals. Dies ist keine Zeit für Langschläfer und Larmoyanz. Was wir jetzt brauchen, ist: Kurs halten, Beständigkeit, Konstanz! Die Menschen haben von ritualisierten Auseinandersetzungen ziemlich die Schnauze voll. Sie können auch ein bloßes Gekläffe nicht nachvollziehen.

SPIEGEL: Meinen Sie das Gekläffe, das Ihre SPD in den Fällen von Arcandor und Opel vorgeführt hat?

Steinbrück: Angreifen darf man. Das tun die politischen Gegner auch. Aber die Tonlage eines kleinen Hundes, der einem an die Beinkleider geht, kommt bei vielen Wählerinnen und Wählern nicht an.

SPIEGEL: Bei Opel und Arcandor hat die SPD versucht, eine Retterrolle zu übernehmen. Warum hat sich diese Strategie für Ihre Partei nicht ausgezahlt?

Steinbrück: Ich finde es sehr ehrenwert, dass sich meine Partei für die Rettung von Arbeitsplätzen einsetzt. Es entspricht der Werteorientierung der SPD, für den Erhalt von Arbeitsplätzen zu kämpfen. Das bleibt richtig, unbenommen der Erfahrung, dass unsere Position zu Opel vor 20 Jahren vom breiten Publikum noch begrüßt worden wäre. Heute sind viele Menschen im Umgang mit Steuergeld skeptischer.

SPIEGEL: Ihr Kabinettskollege, Wirtschaftsminister Guttenberg, wurde vor der Wahl scharf von Ihren Genossen attackiert. Gerhard Schröder lästerte über den "Baron aus Bayern". Dabei ist der Mann ziemlich beliebt. War das ein Fehler?

Steinbrück: Immer wenn ein SPD-Politiker eine Attacke gegen einen Unionspolitiker reitet, dann werden die Benimmregeln bemüht. Wenn Herr Seehofer aber mir an den Karren fährt, dann ist das offenbar sportlich. Ich finde, das Theaterlicht sollte mal die ganze Bühne beleuchten.

SPIEGEL: Haben Sie Ihrem Kollegen Guttenberg zu seinem öffentlichen Erfolg schon gratuliert?

Steinbrück: Nein, genauso wenig, wie er mir zu meinen Erfolgen gratuliert.

SPIEGEL: Das waren ja in den letzten Wochen nicht allzu viele.

Steinbrück: Ich glaube schon, dass wir auf den Finanzmärkten eine Menge zustande gebracht haben.

SPIEGEL: Was glauben Sie denn, warum Guttenberg zurzeit so populär ist?

Steinbrück: Der Mann hat Neuigkeitswert. Er kann sich auf dem Parkett bewegen. Er ist ein Exot, er ist bunt. Jeder, der ein bisschen gegen den Strich seiner eigenen Partei bürstet, ist damit erkennbarer.

SPIEGEL: Da haben Sie ja Erfahrung.

Steinbrück: Ihnen entgeht die Arbeitsteilung, die Herr Guttenberg und die Kanzlerin bei der Opel-Rettung inszeniert haben. Angela Merkel und drei CDU-Ministerpräsidenten haben mit auf die Tube gedrückt, um Opel in die jetzt gefundene Lösung zu überführen, während der Kollege Guttenberg sich als letzter Ritter und Lordsiegelbewahrer der puren Ordnungspolitik darstellte. Das hat verfangen, ist aber nicht ganz redlich.

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