Von Erik Eggers und Michael Wulzinger
Der bisherige Generalsekretär Peter Mühlematter gehört zu den wenigen, die sich hinausgewagt haben. Er ist ein Funktionär aus der Schweiz. Vor den Delegierten bezichtigt Moustafa seinen Generalsekretär, der auf dem Podium neben ihm sitzt, gezielt Indiskretionen gestreut und eine Kampagne gegen ihn gestartet zu haben - was Mühlematter, der von den massiven Angriffen wie benommen wirkt, in einer wirren Replik von sich weist.
Mühlematter ist schon länger zermürbt. Moustafa ließ ihm vor ein paar Monaten die Schlüssel für das Büro in der Basler Verbandszentrale abnehmen. Er demütigte seinen Generalsekretär, wann immer er konnte. Weil der Ägypter ein militanter Nichtraucher ist, rauchte Mühlematter in Basel oft draußen vor der Tür. Als ihm Moustafa dabei einmal über den Weg lief, verbarg er die brennende Kippe in der hohlen Hand in seiner Manteltasche. Moustafa bemerkte den Qualm. Er griff nach Mühlematters Arm, nahm ihm die Zigarette weg und drückte sie wortlos auf der Kühlerhaube eines Mittelklassewagens aus. Es war Mühlematters Auto.
Nach den Attacken Moustafas im Saal Tutanchamun will ein Delegierter des Schweizer Handballverbands Mühlematter zur Seite springen, aber das Saalmikrofon funktioniert nicht. Der Funktionär, ein Anwalt, wedelt mit den Armen und will ein Ersatzgerät. Niemand rührt sich. In der Kaffeepause debattieren die Schweizer mit ihren Kollegen vom Deutschen Handball-Bund. Die Frage ist, ob sie aus Protest den Saal verlassen. Sie bleiben. Die Deutschen kneifen. Ohne Moustafas Unterstützung hätte die WM vor zwei Jahren nie in Deutschland stattgefunden.
Am Ende stimmen 23 Delegierte für Mühlematter, 113 für seinen Konkurrenten, einen Franzosen. Kaum leuchtet das Ergebnis auf, nimmt Mühlematter seine Aktentasche und steigt wie ein Verurteilter vom Podium hinab. Moustafa schaut ihm verächtlich hinterher. Zu seiner Linken sitzt der Wahlleiter Raymond Hahn, Mühlematters Vorgänger als Generalsekretär. Die beiden sprechen kurz miteinander, aber Hahn hat vergessen, sein Mikrofon auszuschalten. Der ganze Saal kann mithören. "So, den sind wir los", sagt Hahn.
Wie sein Vorbild Sepp Blatter, der Boss des Fußball-Weltverbands, regiert Moustafa sein Reich, indem er sich die Verbände exotischer Länder gewogen hält. Sie sind sein Stimmvieh, die Stützen seines Systems.
Wenige Wochen vor dem Kongress hat Moustafa bei der IHF durchgesetzt, dass den Funktionären aus den ärmsten Nationen die Flüge nach Ägypten bezahlt werden. Acht neue Mitglieder nimmt Moustafa in Kairo in die "Familie des Handballs" auf. Unter dem Applaus der Delegierten betreten die Funktionärsnovizen den Saal, jeder mit einer kleinen Landesfahne in der Hand. Mit dabei ist auch ein Vertreter von St. Kitts und Nevis, zwei Inseln der Kleinen Antillen in der Karibik. Dort ist Handball so bedeutend wie Weitwurf mit der Kokosnuss in Schleswig-Holstein, aber die Stimme von St. Kitts und Nevis zählt jetzt so viel wie die des deutschen Verbands.
Der Einmarsch der Zwergverbände ist einer der Momente, in denen sich Horst-Dieter Esch, Chef des Handball-Verbands der USA, vorkommt "wie in der ,Muppet Show'". Zwei Tage lang sitzt er in einer der hinteren Reihen, neben dem Vertreter aus Venezuela. Kairo ist sein erstes Fronterlebnis als Funktionär.
Esch trägt eine große Yves-Saint-Laurent-Brille aus den Achtzigern, sie wirkt wie eine Reminiszenz an sein erstes Leben. Er hat 1983 mit seinem Baumaschinenkonzern IBH einen der spektakulärsten Firmen-Crashs der Nachkriegsgeschichte fabriziert. Etwas mehr als vier Jahre saß er im Gefängnis. Danach wanderte er in die Vereinigten Staaten aus und kaufte sich in eine Model-Agentur ein. Zu Beginn dieses Jahres hat er seine Anteile verkauft, er ist wieder ein reicher Mann.
Esch will nun die Sportarenen der USA mit Handball beglücken, seiner Leidenschaft. Eine Profi-Liga will er aus dem Boden stampfen von der Ost- bis zur Westküste, er sprüht vor Ideen und wittert schon wieder ein großes Geschäft: "Das kann ein Riesending werden."
Das Problem ist nur, dass kaum einer im Welthandballverband tickt wie er. Wenn sich seine Verbandskollegen an den Kongressabenden von Kairo in abgeschotteten Zirkeln zuprosten, sitzt Esch in der Lobby des Marriott Hotels, trinkt Pfefferminztee und spöttelt über die Rituale der Veranstaltung: das Blockverhalten der Verbände bei den Wahlen, die Hinterzimmerdiplomatie und das Geschachere mit Hassan Moustafa um Posten und Pöstchen.
Esch weiß um den Ruf des Präsidenten, den selbstherrlichen Führungsstil und all die Vorwürfe um Mauscheleien bei der Buchführung. Er sucht nach Lösungen, weil er will, "dass endlich wieder positiv über den Handball berichtet wird".
Warum zum Beispiel, fragt er sich, bezieht Moustafa kein angemessenes Gehalt für seinen Job und reicht stattdessen für alles, was ihm zu erstatten ist, Quittungen ein, die sich kaum überprüfen lassen? Am nächsten Morgen trägt er seine Idee der Versammlung vor. Als er vom Podium tritt, gibt es nicht mal lauwarmen Applaus. Genauso gut hätte Esch in seinem ersten Leben vor das Politbüro in Moskau treten und vorschlagen können, der Herr Breschnew möge doch bitte den Kalten Krieg beenden, damit er, Herr Esch, Baumaschinen in die Sowjetunion verkaufen könne.
Moustafa sagt: "Danke, Dieter."
Der Kongress endet mit einer Nilfahrt. Es ist eine warme Nacht, Moustafa will seiner Handballfamilie noch etwas zeigen von Kairo. Mühlematter fehlt. Es gibt Dosenbier, billigen Rotwein und den Bauchtanz einer brustvergrößerten Schönheit, die einen früheren Schiedsrichter aus Mazedonien so in Wallung bringt, dass er mit der Dame tanzt, was nicht sonderlich sexy aussieht. Moustafa trinkt Mineralwasser.
Zu dem Gespräch auf dem Oberdeck hat er einen Begleiter mitgebracht, den er als den stellvertretenden Sportminister Ägyptens vorstellt. Der Politiker sagt, Moustafa sei ein Ehrenmann, selbstlos, ohne Fehl und Tadel. Dann spricht er über jene 1,6 Millionen Franken, die angeblich fehlen in den Kassen. Er sagt, das Geld sei ordnungsgemäß von der IHF nach Ägypten transferiert worden. Alle, die Moustafa Betrug oder Untreue nachgesagt hätten, seien bei dem Kongress glücklicherweise abgewählt worden. Dann empfiehlt er sich.
Moustafa sagt: "Da haben Sie's."
Schließlich taucht auch die Buchhalterin auf, die in der Basler IHF-Zentrale die Spesen abrechnet, eine hübsche junge Frau aus dem Elsass. Moustafa legt ihr eine Hand über die Schulter, dann berichtet sie, dass dem Präsidenten niemals zu viel Geld für die Erstattung von Reisekosten überwiesen worden sei.
"Danke, Anne", sagt Moustafa.
Und die Geschichte von der Tiefgarage des millionenteuren IHF-Neubaus in Basel, die eigens erweitert werden musste, weil Moustafas Dienstwagen, ein schwarzlackierter Mercedes mit weißem Lederinterieur, nach einem vom Präsidenten angeordneten Tuning nicht mehr durchs Tor gepasst haben soll?
"Lächerlich", antwortet Moustafa, "kommen Sie nach Basel, wir legen alles offen, wir haben nichts zu verbergen."
Das könnte interessant werden. Als vor zwei Jahren ein deutscher Journalist in Basel beim Welthandballverband recherchierte und den damaligen IHF-Geschäftsführer besuchte, begegnete ihm im Treppenhaus zufällig Moustafa. Der Ägypter warf den Journalisten auf der Stelle raus.
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