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Ausgabe 25/2009
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15.06.2009
 

Protestanten

Fleißig, treu, durchgefallen

Von Andrea Brandt

Die rheinische Landeskirche will etliche ihrer Pfarrer in sozialen Diensten loswerden - mit einem Eignungstest, an dem bis jetzt die Hälfte der Kandidaten scheiterte.

Der Tag, der über die Zukunft von Matthias Heine in der evangelischen Kirche entscheiden sollte, begann mit einem Rollenspiel. Der Pfarrer möge doch mal vormachen, wie er bei einem Beerdigungskaffee um einen Kirchengegner werbe, erklärten ihm die Prüfer.

Heine, 54, ergrautes Haar, Backenbart und Brille, war irritiert. Seit 24 Jahren arbeitet er in der rheinischen Landeskirche, bei Beerdigungen sei es ihm immer "eher um Trost und Lebenshilfe" als ums Missionieren gegangen. Dennoch diskutierte Heine mit seinem Rollenspiel-Kontrahenten lebhaft über Kirchensteuer, Kreuzzüge und allerlei kirchenkritische Klischees.

"Kommunikationsstark" sei der Krankenhauspfarrer aus Frechen bei Köln, notierte die Prüfungskommission, "theologisch ordentlich" und "sehr engagiert im kirchlichen Umfeld"; außerdem "stetig, fleißig, treu und zuverlässig in seiner Arbeit". Doch leider zeige der Kirchenmann "wenig Esprit", er "begeistert nicht, reißt nicht mit" und sei "nicht ausreichend konfliktfähig". In der Rubrik "Selbstpräsentation" mäkelten die Prüfer: "Wirkt glatt." Das Gesamturteil: durchgefallen.

"Zentrales Auswahlverfahren" nennt die Evangelische Kirche im Rheinland die Prozedur, der sich bislang jeder zweite der 120 Pfarrer ohne eigene Gemeinde unterziehen musste. Der Begriff ist ein kalter Euphemismus, denn die Absicht des Tests bestreiten nicht mal seine Initiatoren: Die Kirche ist in Geldnot, und da sie zu viele Pfarrer im Dienst hat, sollen die schwächer Beurteilten ihre Beschäftigung in Krankenhäusern oder Hospizdiensten verlieren - und binnen drei Jahren in den billigeren Vorruhestand wechseln. Bislang fiel etwa die Hälfte der Geprüften durch.

Solch rabiate Auslese durch eine Institution, die des Sonntags Moral und Menschlichkeit predigt, mag überraschen. Ob sie juristisch in Ordnung ist, wird nun geprüft. Mehr als ein Dutzend Pfarrer, darunter Seelsorger Heine, haben Klage eingereicht. In erster Instanz wird ein Kirchengericht entscheiden, aber etliche aufmüpfige Geistliche sind auch bereit, bis vor den Europäischen Gerichtshof zu ziehen.

Unterstützung bekommen die Pfarrer aus Berlin. Die evangelische Kirche, kritisiert Hans-Michael Goldmann, kirchenpolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, "setzt ihre Glaubwürdigkeit aufs Spiel, wenn sie auf so zweifelhafte Weise mit Mitarbeitern umgeht". Seine Unions-Kollegin Ingrid Fischbach mahnt die "Vorbild-Funktion" an, der die Kirche gerecht werden müsse, und Josef Winkler von den Grünen urteilt, langjährige Beschäftigte in einem Ein-Tages-Verfahren zu testen, "grenzt an Sittenwidrigkeit". Der Modus müsse dringend überprüft werden.

Klaus Weber, Vorsitzender des evangelischen Pfarrerverbands, der bundesweit rund 20 000 Geistliche vertritt, sieht in dem Streit um das Auswahlverfahren gar einen Präzedenzfall: "Wir müssen grundsätzlich klären, wie Kirche unter Sparzwang mit ihren Beschäftigten umgehen darf." So jedenfalls nicht, meint Weber. Bis in die letzte Instanz will er die klagenden Kollegen unterstützen. Sonst kämen womöglich noch andere Landeskirchen auf die Idee, das "extrem problematische" Vorgehen abzukupfern.

Die Einwände gegen den Geistlichen-TÜV sind zunächst mal sehr individuell, etwa wenn die Durchgefallenen ihn als "lebensfremd" empfinden, sich "tief gekränkt und traumatisiert" fühlen, ihre Lebensleistung "ignoriert und abqualifiziert" sehen oder die Bewertung für unfair halten - so zählten Arbeitszeugnisse nur dreifach, die Performance am Prüftag hingegen sechsfach, woraus Pfarrer Heine den Schluss zieht: "Die Prüfung ist darauf angelegt, möglichst viele von uns loszuwerden."

Die Kritik ist aber auch grundsätzlich. Christian Kirchberg, Fachanwalt für Verwaltungsrecht, sieht die rheinische Landeskirche überhaupt nicht berechtigt, abweichend vom Dienstrecht einen Sondertest zu verordnen - der verletze den Vertrauensschutz ebenso wie die Fürsorgepflicht des Arbeitgebers.

Die Landesorganisation der Protestanten weist alle Vorwürfe zurück. Es sei auf anderem Wege "bislang nicht gelungen", die Zahl der Pfarrer ohne Gemeinde "abzusenken", heißt es in einer Stellungnahme der Kirche. Zudem sei es kein ungewöhnliches Verfahren, dass nur diejenigen, die ihre Qualifikation in einem aktuellen Auswahlverfahren nachweisen könnten, eine Chance auf eigens eingerichtete Stellen bekämen.

In ihren Ausführungen erwecken die Kirchenfunktionäre gern den Eindruck, es werde nur die Eignung von Problem-Personal überprüft, das nach Streitigkeiten aus der Gemeinde abberufen wurde. Doch Frauen wie die Kölner Pfarrerin Gabriele Spieker wissen es besser. Nach der Geburt ihrer Zwillinge vor zehn Jahren habe sie ihre Pfarrstelle freiwillig aufgegeben, "weil Teilzeitarbeit dort nicht möglich war". Im Halbtagsjob baute sie für die Kirche in ihrem Stadtteil einen ambulanten Hospizdienst auf. Heute zieht sie ihre Kinder allein groß, arbeitet als Krankenhaus-Seelsorgerin - und verklagt "abgrundtief enttäuscht" ihre Kirche.

Der Krefelder Pfarrer Andreas Geuer, 50, mag die juristischen Scharmützel nicht abwarten. Zwecks Berufswechsels absolviert er in seiner Freizeit nun Fortbildungen in einer leicht verwandten Branche. Empfahl Geuer seinen Kunden bisher Gottvertrauen, so möchte er ihnen künftig den Schutz von Versicherungspolicen andienen.

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