Von Nikolaus von Festenberg
Der Ritus ruft, das Krisengezeter darf mal die Lautstärke dimmen, ein wichtiger Alter wird achtzig. Der Gratulationschor für Jürgen Habermas, die schlaue Eminenz der 68er-Revolte, übte sich schon vor dem Jubeltag an diesem Donnerstag in allen Tonlagen ein.
Der New Yorker Rechtsphilosoph Ronald Dworkin ruft Habermas in der "Zeit" zum "berühmtesten lebenden Philosophen der Welt" aus.
Die "FAZ" rätselt besorgt-andächtig, was wohl das Heben der Arme des anwesenden und ansonsten schweigenden Jubilars zu bedeuten gehabt habe, als eine zu seinen Ehren stattfindende Tagung der TH Zürich auf die Disputation von Habermas mit Joseph Ratzinger, dem heutigen Papst, zu sprechen kam. "Gott ist kein Diskurspapst", beruhigt die Überschrift, als könnte nun auch im Himmel nach Kenntnissen in "kommunikativer Kompetenz", dem Steckenpferd des Philosophen, gefragt werden.
Karl-Heinz Bohrer, essayistischer Sympathisant einer ästhetisch radikalen Moderne, erlaubte sich im "Merkur", Habermas, dem strengen Durchdringer des kunterbunten Strukturalismus der französischen Meister- und Geisterdenker ("Der philosophische Diskurs der Moderne"), Korrekturen anzuempfehlen. Bohrer schafft es, sein Anliegen in der Musik von damals vorzutragen, in der Verschraubtheit einer Sprache, wie sie der Geehrte meistens seinen Lesern zumutet. Achtzig Jahre - der Habermas-Sound ist nicht tot.
Nicht nur Polemik gibt es gegen den großen Mann, auch eine gewisse Reserve ist erstaunlicherweise nicht selten. Da klingt etwas von der Enttäuschung über begrabene Ideale an. Der Name Habermas weckt Erinnerungen an geistige Höhenflüge, an geniale Definitionen und prägende Begriffe. Es war ein Lernen aus freiwilliger Leidenschaft, nicht aus dem Druck dessen, was im Studium Stoff war, ein Erleben von Erkenntnis. Und oft nachfolgender Tristesse, wenn man nicht verstand oder entdeckte, dass der Welt mit solcher Art Aufklärung letztlich nicht beizukommen ist.
Habermas gehört ins Zentrum, wenn sich eine Generation erinnert. Wer bin ich? Wer war ich? Selbstbefragung ist ja mehr als ein herbstliches Wort, das in evangelischen Akademien blüht und für die stillen Momente im Leben herhält. Immer wieder werden einem die Fotos von früher vor Augen gehalten, Bilder von der Anti-Schah-Demonstration, vom todbringenden Polizisten Kurras, diesem doppelt Falschen im Falschen, vom Deutschen Herbst. Und nicht nur man selbst wundert sich, auch die Kinder - es kommt tatsächlich selten vor - fragen: Das war also 68?
Dieses Räuber-und-Gendarm-Geschiebe, diese schwarzweiß verschatteten Ingrimmsgesichter, diese unerbittlich-hemdsärmelige Wärme, in der auf Vollversammlungen deutsche Studenten mit jüdischen Emigranten verschmolzen, als hätte es kein Auschwitz gegeben. Diese unbeirrbare Protestentschlossenheit mit Humoranwandlungen: "Bürger, lasst das Gaffen sein, kommt herunter, reiht euch ein. Lasst den Kuchen, lasst die Sahne, kommt und folgt der roten Fahne."
Aber martialische Bilder sagen nicht die ganze Wahrheit, vor allem nicht die innere Wahrheit, die die Zeitzeugen von damals befähigte, sich selbst als Generation des Übergangs zu beobachten. 68 war kein Pop, keine voraussetzungslose Selbstinszenierung, sondern eine Art vielbändiger Bildungsroman. Das 68er-Leben bestand auch aus Büchern, die heute zerfranst, zerlesen, zwischen Einbänden verblasst in den Regalecken der 60-Jährigen stehen. Da, wo die blauen Marx-Engels-Ziegel modern, die Psycho-Sexbücher dämmern, Hegel den ewigen Schlaf hält.
Wirklich studiert - mit Bleistift übereifrig unterstrichen, Zeugnis höchster Verständnisqual - wurden besonders die frühen Werke von Habermas: "Strukturwandel der Öffentlichkeit", "Erkenntnis und Interesse".
© DER SPIEGEL 25/2009
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