AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 25/2009
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15.06.2009
 

Philosophie

Erkenntnis und Tristesse

Von Nikolaus von Festenberg

2. Teil: Image "alteuropäischen Denkens"

Wer Mitte der Sechziger an die Uni kam, begegnete Habermas als einem, der in der Lage war, die Hermetik der Adorno-Kunststücke auf methodisch-nachvollziehbare Grundlagen zu stellen. Der Heidegger-Zertrümmerer und Adorno-Assistent empfahl sich der suchenden Jugend nicht durch seine biografische Erscheinung, sondern durch gelehrte Aufklärung, die den neuen Zeitgeist kristallisierte. "Strukturwandel der Öffentlichkeit", in damaligen Seminaren zur Demokratielehre eigentlich nur der Vollständigkeit halber auf die Agenda geraten, entpuppte sich als Renner.

Es war die Aufbietung linker und liberaler Vergangenheit gegen die konservative Adenauer-Gegenwart. Es ging von "Wilhelm Meister" aus gegen die Massenpresse, vom Räsonnement der Salons des 18. und 19. Jahrhunderts aus gegen die vermachtete Presselandschaft der Springer-Jahre. Es handelte von "Refeudalisierung", dem wieder geforderten Kniefall journalistischer Freiheit vor dem Staatsinteresse und - wichtig -, es war der Hinweis, dass der Mensch, der verändern will, historisch nicht allein ist.

Was Habermas streng nüchtern dozierte, unterschied sich völlig von dem, was das deutsche Gymnasium jener Jahre vermittelte: Von Strukturen, die Verhältnisse prägen, hatten die Lehrer kaum erzählt, von Zusammenhängen zwischen wirtschaftlicher Basis und ideellem Überbau auch nicht. Das Geschichtsbild, das die Schule vermittelte, handelte von staatsbürgerlicher Ruhepflicht und der Willkür dunkler Mächte. Athen und Rom waren in moralischem Verfall untergegangen, und die Nazi-Zeit war eine Orgie undurchdringlich dunkler Mächte gewesen.

Der heute 80-Jährige brachte Bewegung in diese erstarrte Geistesverabreichung, er entführte auf anstrengende Luftreisen von Hegel zu Marx, von Dilthey zu Freud. Das war 68, nicht an der Haschpfeife ziehend, nicht mit den Stones zuckend, nicht von Glück und Uschi träumend, sondern über dem Fichte-Satz brütend: "Das höchste Interesse und der Grunde alles übrigen Interesses ist das für uns selbst. So bei dem Philosophen. Sein Selbst im Räsonnement nicht zu verlieren, sondern es zu erhalten und zu behaupten, dies ist das Interesse, welches unsichtbar alles sein Denken leitet." Alles klar?

Drei Aspekte sind von heute aus imponierend an dieser Denklektion: Da ist der kritische Respekt vor Tradition und Vorläufern. Dann das vorsichtige und ruhig belehrende Weitertreiben eines Gedankens und schließlich die Heimholung der Freudschen Psychoanalyse aus dem Ghetto einer bloßen therapeutischen Methode in eine aufklärungsfähige Verständigungsstrategie. Psycho-Jargon und die gefürchteten Beziehungsgespräche - vielleicht sind sie hier geboren worden.

Der heute nervende, aber damals beim Mitreden überlebenswichtige Zwang des Ableitens, des Erklärens alles Neuen durch Altes prägte endlose studentische Diskussionen. Ein neues Stück, ein neuer Film - hatte nicht alles schon bei Walter Benjamin gestanden?

Zwar hatte Habermas 1967 auf dem Kongress nach der Erschießung Benno Ohnesorgs davor gewarnt, aus Frust über das "Spannungsverhältnis zwischen Theorie und Praxis" in Aktionismus oder ein "regressives Festhalten an der Situation von Studienanfängern" zu verfallen, aber genau das geschah.

Mit der Zauberformel, "welches erkenntnisleitende Interesse" steckt hinter dieser oder jener Fachveranstaltung, sprengten die Studenten (Stichwort: "Gegenuniversität") Seminare und Vorlesungen. Rote Zellen Romanistik ("Rotzrom") etwa wollten - statt Racine zu lesen - erst mal die klassenbedingten Grundlagen klassischer Dichtung aufklären, vertieften sich in Marx' "Kapital", unterbrachen, angeturnt vom Begriff "Dialektik", diese Lektüre, griffen zu Hegels "Phänomenologie des Geistes" und ertranken in den Tiefen der Vorrede. Examen haben die meisten dann doch gemacht.

Die Erfahrungen mit Habermas konnten im Nebel enden. Seine linguistische Wende, die Suche nach einem in der Sprache begründeten Wahrheitsbegriff, das Auffinden von Moral und Vernunft im Modell eines Diskurses mit kommunikativkompetenten Teilnehmern - bei vielen ließ das Interesse für den Bau dieser Gedankengebäude mit dem Eintritt ins Berufsleben nach.

Dafür ging der Stern des Systemtheoretikers Niklas Luhmann auf. Subsysteme haben ihre eigene Logik, das passte zur Erfahrungsgrundlage im Beruf; am Ganzen und an einer durch Sprachstrukturen zusammengehaltenen Gesellschaft war bald niemand so recht interessiert.

Habermas wurde öffentlich immer berühmter, sein von dem Politologen Dolf Sternberger übernommenes Wort "Verfassungspatriotismus" prägte die Diskussion über deutsche Nachkriegsidentität. Aber seine Lehre bekam das Image "alteuropäischen Denkens". Luhmann riet höhnisch, die an der Vernunftidee orientierte Aufklärungstradition im "Museum für soziologische Altertumskunde" abzustellen. Ein schnöder Satz, denn sein 1971 geführtes Duell mit Habermas ("Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie") stellt einen grandiosen theoretischen Ringkampf dar, bei dem keineswegs klar ist, wer auf Dauer Verlierer und wer Gewinner ist.

Der Glaube an eine in der Eigenlogik von Funktionssystemen steckende Vernunft hat ja seit der Wirtschaftskrise deutlich abgenommen. Auch Wirtschaftskompetenz muss sich einem Diskurs aller aussetzen. Habermas ist alt - aber unaktuell?

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