Von Gerhard Pfeil
Zwei Radfahrer in kurzen Hosen und Badelatschen schlängeln sich durch den Berufsverkehr auf der Prinzregentenstraße in München, sie haben ein Surfbrett unter dem Arm, eine Frau in einem Cabrio pfeift den Männern hinterher. Durch den Hofgarten hinter der Bayerischen Staatskanzlei läuft eine Gruppe Surfer, auch aus dem U-Bahnhof Lehel kommen junge Wellenreiter, einer hat schon seinen Gummianzug an.
Es ist neun Uhr am Morgen, die Temperatur in der Münchner Innenstadt liegt bei 24 Grad, der Himmel ist strahlend blau. "Ein perfekter Tag", sagt der Mann im Surfanzug. Er ist barfuß unterwegs.
Deutschland hat die Küsten der Nordsee und der Ostsee, aber das beste Surfrevier liegt in München. Gleich neben dem Haus der Kunst fließt der Eisbach in den Englischen Garten. Hinter der Himmelreichbrücke strömt das Wasser über eine Bodenwölbung und bildet eine gut einen Meter hohe stehende Welle.
An warmen Tagen pilgern aus allen Ecken der Stadt Surfer zum Eisbach. Sie springen von der betonierten Uferkante auf ihr Brett, die Strömungsgeschwindigkeit des Eisbachs, rund ein Meter pro Sekunde, sorgt für genug Auftrieb, damit die Boards auf dem Wasser gleiten.
Es ist nicht das klassische Wellenreiten, es fehlen wesentliche Elemente des Originals, das Paddeln im Meer, das schnelle Aufstehen, der Schub des heranrollenden Brechers. Man spricht daher vom Flusssurfen.
Dank des Eisbachs ist Surfen in der bayerischen Landeshauptstadt eine Boomsportart. Es gibt Surfläden in der City, und in den Clubs werden Surferpartys gefeiert. An Wochenenden stehen bis zu 50 Wellenreiter am Eisbach Schlange und warten auf den nächsten Ritt. Es versuchten sich schon Profis aus Hawaii und Kalifornien auf der Münchner Welle. Die meisten blamierten sich. Könner flitzen minutenlang auf ihrem Brett auf der schmalen Wasserrampe hin und her und zeigen Trickmanöver. Wer den Halt auf dem Board verliert, wird von der Strömung mitgerissen und muss sich wieder hinten anstellen.
Bereits Ende der siebziger Jahre entdeckten die ersten Surfer den Eisbach als Revier, und genauso lange wird die Frage diskutiert, ob der ganze Spaß nicht eigentlich zu gefährlich sei. Der kleine Seitenarm der Isar gilt als tückisches Gewässer. 2007 ertranken drei Menschen im Eisbach. Im Bereich des Englischen Gartens herrscht striktes Badeverbot.
Die Surfer haben sich nie daran gehalten. Für die Stadtverwaltung waren sie deshalb lange ein Ärgernis. Manche Politiker forderten ein Surfverbot, es gab auch den Plan, die Welle durch eine Veränderung des Bachbetts einfach verschwinden zu lassen.
Doch die Stimmung hat sich geändert. Denn die Surfer vom Eisbach sind mittlerweile eine Münchner Attraktion wie der Chinesische Turm oder der Tierpark Hellabrunn. Ausflugsbusse haben die Himmelreichbrücke in ihre Route aufgenommen, an Wochenenden gucken Hunderte Touristen, die auf dem Weg zum Haus der Kunst vorbeikommen, den Sportlern zu. Statt den Spielplatz der Surfer zu zerstören, sucht die Politik jetzt nach einem Weg, das Spektakel zu legalisieren. Aber das ist nicht so einfach.
In der städtischen Bade- und Bootverordnung ist Wellenreiten nicht geregelt. Man könne den Sport jedoch als "zulässigen Gemeingebrauch eines Gewässers" ansehen, erklärte schon im vorigen Jahr Kreisverwaltungsreferent Wilfried Blume-Beyerle. Das Referat für Gesundheit und Umwelt will noch in diesem Jahr ein Modell für erlaubtes Surfen vorlegen. Allerdings müsse gesichert sein, dass im Fall eines Unfalls weder die Stadt noch der Staat haften müssen.
Die Rechtsverhältnisse um den Eisbach sind kompliziert. Dem Freistaat Bayern gehört der Grund, die Verantwortung für das Wasser trägt die Stadt. Aber es bahnt sich eine Lösung an.
Der bayerische Finanzminister Georg Fahrenschon, der sich bereits während des letzten Landtagswahlkampfs für die Surfer eingesetzt hatte, hat dem Münchner Oberbürgermeister Christian Ude einen Deal vorgeschlagen. Fahrenschon, dessen Ministerium nur wenige Minuten von der Surferwelle entfernt liegt, will der Stadt den Eisbach als "Eigentum übertragen", so könne die als alleiniger Besitzer ein Konzept für sanktioniertes Surfen durchsetzen. Ude ist nicht abgeneigt. Grundstücke lasse er sich "in der Regel gern schenken", erklärte er, man werde den Vorschlag "wohlwollend prüfen".
Der Vorgang steckt nun in den Behördengängen fest. Es könne noch bis zum Winter dauern, heißt es in Verwaltungskreisen, bis das Wellenreiten in München von Amts wegen erlaubt ist.
So lange können die Surfer nicht warten. Die Saison hat begonnen, das Wasser im Eisbach wird immer wärmer. Für den Sommer sind Wettbewerbe geplant.
Einer hat den Behörden deshalb vorgegriffen und am Ufer neben der Welle ein Holzschild aufgestellt mit der Aufschrift: "Baden verboten! Surfen erlaubt!!!"
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