Mittwoch, 10. Februar 2010

Kultur



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22.06.2009
 

Schauspieler

"Diktatur der Schlamperei"

Der Film- und Theaterregisseur Leander Haußmann über seine Freak-Jugend im Sozialismus, das Berufsverbot für seinen Vater und die Inkonsequenz des SED-Staats

SPIEGEL: Herr Haußmann, in Ihren Filmen "Sonnenallee" und "NVA" haben Sie sich intensiv mit der DDR-Geschichte beschäftigt. Jetzt arbeiten Sie neben Ihrem Regiejob an einer Autobiografie, die Ihr Leben in der DDR behandelt. Können Sie von dem Thema nicht lassen?

Haußmann: Doch, kann ich sehr gut. Die meisten meiner Arbeiten haben mit der DDR gar nichts zu tun. In der Biografie will ich jetzt aber erzählen, dass die DDR farbiger war, als es in den Geschichtsbüchern steht. Dass die jungen Leute, zu denen ich gehörte, 1980 oder 1985 wirklich cool waren. Und dass wir ein mindestens so subversives, unangepasstes und aufregendes Leben führten wie viele junge Westdeutsche damals. Im Westen gab es Punk, Friedensbewegung und Rebellion, im Osten aber auch.

SPIEGEL: Ihre Auflehnung wirkt weniger wie politischer Protest und mehr wie ein Kampf gegen die DDR-Spießigkeit.

Haußmann: Das kann man so nicht sagen. Wir waren in einer Szene, die sich hinter geschlossenen Türen traf. Wir fühlten uns als Bohemiens, als Freaks. Wir waren stark beeinflusst von der Beatnik-Literatur, von Kerouac und Ginsberg, von den Existentialisten, Sartre und Camus, denn nichts liest man so gern wie quasi verbotene Bücher. Wir hatten diese Theatergruppe, das Berliner Boheme Theater. Wir zogen spielend und musizierend durch das Land.

SPIEGEL: Es ging also vor allem ums Feiern?

DER SPIEGEL 26/2009


TITEL
Rebellion gegen die Radikalen
Woran der islamische Fundamentalismus scheitern muss

Haußmann: Ja, stellen Sie sich vor! Was wollten Sie denn in diesem Alter? Zugegeben, wir waren eine merkwürdige Truppe, Außenseiter. Hedonistische Kasperköppe. Wir wollten Rock'n'Roll. Heute würde ich behaupten, das war ein wirkungsvoller Protest. Wir waren wie der Mörtel, der abbröckelte und am Ende das Haus mit zum Einsturz brachte. Wir lebten die offene Anarchie. Damit konnten die nicht umgehen. Es gibt ja nichts Blöderes für einen Geheimdienst als einen Gegner, der sich die ganze Zeit völlig unkonspirativ verhält.

SPIEGEL: Wie hat sich Ihre Untergrundtruppe damals zusammengefunden?

Haußmann: Wenn's mal echter Untergrund gewesen wäre - dann könnte ich heute schön damit hausieren gehen. Zusammengeführt hat uns der Staat. Ich bin hier im Südosten Berlins zur Schule gegangen, in Hirschgarten. Zwei Jahre vor dem Abschluss, mit 14, bekam man eine Berufsberatung. Da guckten Leute auf dein Zeugnis und sagten, was man damit so werden konnte: Bei mir war das nicht viel. Wir einigten uns auf Tiefdrucker. Ich las ja gerne. Zwei Jahre später kam ich in die Berliner Druckerei, wo man unter anderem "Neues Deutschland" druckte. Eine neue Welt. Kein Slade und Sweet mehr. Eine Welt voll mit Leonard Cohen, Bob Dylan, den Rolling Stones.

SPIEGEL: Wie kam das?

Haußmann: Weil in diese Druckereischule alle kamen, die bei der Berufsberatung gesagt hatten, sie läsen gerne oder wollten Schriftsteller werden. Also Verweigerer, Künstlertypen. Ich habe nicht einen getroffen, der Drucker werden wollte! Und plötzlich waren ganz andere Mädchen da als an der Schule. Plötzlich waren die hübsch.

ZUR PERSON

Leander Haußmann wurde 1959 in Quedlinburg geboren. Er studierte nach gescheiterten Berufsanfängen als Drucker Schauspielerei, wurde noch zu DDR- Zeiten von Frank Castorf gefördert. Von 1995 bis 2000 war er Intendant in Bochum, arbeitet inzwischen aber fast ausschließlich als Kinoregisseur ("Sonnenallee", "Herr Lehmann"). Im Dezember soll sein jüngstes Werk "Dinosaurier" anlaufen, eine Finanzkrisen- Komödie über Senioren, die gegen ihre Bank kämpfen.
SPIEGEL: Hatten Sie irgendetwas, womit Sie denen imponieren konnten?

Haußmann: Mit meiner "Leck mich am Arsch, ich hasse den Staat"-Haltung. Und damit, dass meine Großmutter mal drei Jahre lang mit Hermann Hesse verheiratet war, bevor sie meinen Opa traf.

SPIEGEL: Ihre Rebellion war also vor allem der Jagd auf Mädchen geschuldet?

Haußmann: Na und? Heute sehe ich in den Talkshows Typen, mit denen ich studiert habe und die stolz in ihren FDJ-Blusen herummarschierten. Die erzählen heute von ihrem Widerstand: Da staune ich. Nicht die großen Künstler und Staatsschauspieler, die bei der Demo auf dem Alexanderplatz mit getragener Stimme vor die Kameras traten, haben die Mauer zu Fall gebracht. Das waren außer den Bürgerrechtlern und den Ausgereisten eher die Punkmusiker und die Künstler. Die haben das System wirksam unterhöhlt.

SPIEGEL: Wie früh haben Sie Ihre Ablehnung des Spießerstaats DDR artikuliert?

Haußmann: Schon in der Schule und in der Armee. Überall habe ich gesagt, dass ich den Osten unerträglich finde. Man ließ mir das als Humor durchgehen. Viele Offiziere waren auch nur froh, dass sie mit Technik spielen durften.

SPIEGEL: Das haben Sie im Film "NVA" verarbeitet. Wie schon bei "Sonnenallee" wurde Ihnen Verharmlosung vorgeworfen.

Haußmann: Sehen Sie, 90 Prozent der männlichen Bevölkerung war bei der Armee. Wenn wir an der Grenze gestanden hätten - haben wir aber nicht, weil man uns da nicht hingeschickt hätte -, wir hätten nicht geschossen. Wir hätten das gar nicht gekonnt und haben das auch immer gesagt. Die NVA war eine demotivierte Gurkentruppe. Das habe ich versucht, in "NVA" zu schildern, aus meiner Sicht. Wir haben rumgehockt, Karten gespielt, onaniert und versucht, aus Pilzen Drogen herzustellen.

SPIEGEL: Wann immer Sie über die DDR reden, wirkt das Land rührend niedlich. Das Monströse verschwindet bei Ihnen völlig.

Haußmann: Interessant, dass Sie beide als Westdeutsche ständig das Monströse suchen. Was es natürlich gegeben hat. Diese Exempel, die der Staat an Menschen statuiert hat: Die haben uns natürlich eine Höllenangst gemacht. Bautzen und Hohenschönhausen waren die Begriffe dafür. Da wollten wir auf keinen Fall hin.

SPIEGEL: Immerhin ist Ihr Vater, der Defa-Schauspieler Ezard Haußmann, an der DDR beinahe zerbrochen.

Haußmann: Mein Vater war ein einziger lebender Widerspruch, weshalb er bei der Defa immer nur schleimige Adlige und Faschisten spielen durfte. Er war der Schurke, der in dem damals berühmten Film "Das Lied vom Trompeter" den Helden erschießt. Wenn bei uns zu Hause einer zufällig Ostfernsehen guckte, war mein Vater sofort zur Stelle und schaltete auf Westfernsehen um. 1968 hat er vor der tschechoslowakischen Botschaft einen Blumenkranz niedergelegt, um gegen den Einmarsch der Russen in Prag zu demonstrieren. Er bekam zehn Jahre Berufsverbot. Darauf reagierte er mit Humor, aber er bekam auch schwere Depressionen, die er mit Alkohol und Tabletten zu betäuben versuchte.

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