SPIEGEL: Und dann macht ausgerechnet sein Sohn "Sonnenallee", einen Film, der den Verdacht erregt, die DDR zu verniedlichen.
Haußmann: Tatsächlich war mein Vater anfangs nicht begeistert. Aber nach vielen gescheiterten Versuchen, die ostdeutsche Geschichte zu dramatisieren, war "Sonnenallee" überhaupt der erste erfolgreiche Film zu diesem Thema. Eigentlich handelt er gar nicht so sehr von der DDR, genauso wenig wie "Das Leben der Anderen". Beide Filme benutzen die DDR vor allem als Hintergrund und Metapher.
SPIEGEL: Sie meinen, der erste Erfolgsfilm über die DDR musste eine Komödie sein, so wie Charlie Chaplin es mit dem Dritten Reich in "Der große Diktator" schaffte?
Haußmann: Man muss sich erst lockern, bevor man sich den Greueltaten widmen kann. Und doch gibt es schon in "Sonnenallee" denjenigen, der den Freund an die Stasi verrät. Nur drücke ich da nicht drauf. Oder es gibt den kleinen Jungen, der unbedingt die Stones-Platte "Exile on Main Street" haben will - und deswegen fliehen möchte und erschossen wird.
SPIEGEL: Der sieben Jahre später entstandene Film "Das Leben der Anderen" von Florian Henckel von Donnersmarck zeichnet die DDR als monströse Diktatur. Nichts ist da lustig, alles ist beklemmend.
Haußmann: In Donnersmarcks Film geht es, salopp gesagt, um jemanden, der anderen beim Geschlechtsverkehr zuhört und dadurch ein besserer Mensch wird. Was für ein Stoff für ein Komödie! Ich hätte eine daraus gemacht, aber wahrscheinlich hätte ich keinen Oscar dafür bekommen.
SPIEGEL: Offenbar kann jemand, der wie Sie unter der DDR gelitten hat, heute eher über diesen Staat lachen als ein West-Regisseur wie Donnersmarck, der ja einen sehr ernsten Film gedreht hat.
Haußmann: "Das Leben der Anderen" ist in seinem Humanismus interessant: der Annahme, dass Menschen sich ändern können. Wenn aber ein solcher Film zum Schulstoff wird, müssen wir anders diskutieren. Da geht es um historische Genauigkeit, da werde ich zum Korinthenkacker. Mich stört schon der leere Dachboden, den es in der DDR nirgends gab, und die harmlose Strafe, die der Stasi-Offizier für seinen Hochverrat bekommt. Als Metapher ist das okay, im historischen Kontext aber Unsinn.
SPIEGEL: Was halten Sie von dem Ostalgiker-Argument, das politische System der DDR sei menschenverachtend gewesen, der Alltag im Land aber lebenswert?
Haußmann: Wegen des bezahlten Mutterjahrs? Derlei hat den Staat doch in den Bankrott geführt! Oder wegen der berühmten Kinderbetreuung? Durch sie hielt der Staat vor allem die Kinder unter Kontrolle. Meine Kindergartenzeit war schrecklich. Mich hat die Kindergärtnerin mal gefragt, warum ich nicht im Westen sein möchte. Ich spürte, dass von meiner Antwort etwas abhängt. Ich dachte eine Weile nach und antwortete dann: weil dort der Straßenverkehr so durcheinander ist. An der Reaktion der Kindergärtnerin konnte ich sehen, dass sie sich über meine Antwort freute. Später im Staatsbürgerkunde-Unterricht habe ich mir den Satz angewöhnt: "Wir befinden uns in der Epoche des Übergangs vom Sozialismus in den Kommunismus." Das kam immer sehr gut an.
SPIEGEL: Sie können nun hier den Gesine-Schwan-Fehler vermeiden und sagen, dass die DDR ein Unrechtsstaat war.
Haußmann: Sie war ein Unrechtsstaat. Aber - Pech für die DDR, Glück für uns: Sie war nicht wirklich konsequent, sie schmückte sich mit menschlichen Facetten. Und sie schreckte am Ende vor Gewalt zurück. Dafür hat sie meine Sympathie. Gerade im Vergleich zu Nordkorea. Oder China, wo sie sich keinen Kopp machten und Demonstranten einfach niederschossen.
SPIEGEL: Was die Widerständler dort zu Märtyrern macht.
Haußmann: Ja, wäre ich ein Zyniker, würde ich sagen: Am Ende hätten wir es gern ein bisschen härter gehabt.
SPIEGEL: Das meinen Sie bitte nicht ernst.
in der Geschichte der Revolutionen ja nie hervorgetan. Wenn man zum Beispiel den spärlichen Widerstand gegen die Nazi-Gewaltherrschaft betrachtet: Da hätte es sich doch wirklich gelohnt. In der DDR wurde Gewalt nach dem 17. Juni 1953 öffentlich nie mehr sichtbar. Und so hatte das Leben dort viele rührende Momente.
SPIEGEL: Zum Beispiel?
Haußmann: Zum Beispiel Milchtüten: Sie lagen morgens um sechs vor den Kaufhallen in blauen Plastikbehältern. Vollkommen ungesichert. Jeder konnte sich bedienen. Was wir nach Suffnächten auch regelmäßig taten. Unglaublich. Ein Staat, der wertvolle Milch einfach so vor den Kaufhallen herumstehen ließ, musste sich ja irgendwann in Luft auflösen. Das hatte nichts mit Sozialismus zu tun. Es war einfach nur Gleichgültigkeit, eine Diktatur der Schlamperei. Nur die Maueropfer sind mit Präzision und Hingabe abgeknallt worden.
SPIEGEL: In Ihrer gerade entstehenden Autobiografie heißt es, Sie schämten sich, in einem Land zu leben, in dem es Woodstock nie geben würde. Wieso gerade dafür?
Haußmann: Weil etwas wie Woodstock nur ohne die Mauer und die Toten dort möglich gewesen wäre. Im Übrigen wären wir bis zu einem gewissen Grad zu kaufen gewesen. Mit gutsortierten Platten- und Bücherläden, mit einem bestimmten Maß an scheinbarer Freiheit, wie sie in Jugoslawien existierte, hätte der Staat vielleicht überlebt. Aber die waren eben blöde.
SPIEGEL: Fühlten Sie sich nie bedroht?
Haußmann: 1988 habe ich einen Ausreiseantrag gestellt, zusammen mit meiner damaligen Frau. Sie wurde in der Folge offen observiert. Du solltest spüren, sie haben dich im Visier. Wir hatten unzählige Vorladungen, wo einem gedroht und das Blaue vom Himmel versprochen wurde. Das war Psychoterror, aber auch ein Witz. Bei einer der frühen Demos im Herbst 1989 waren wir dann bei einer Kirchenbesetzung im Prenzlauer Berg dabei, hinter uns schlossen sich die Polizeiketten. Kaum waren wir in der Kirche, gingen die Türen zu. Meine damalige Frau meinte: Leander, das wird zu brenzlig. Da habe ich komischerweise gesagt: Nee, ich bleibe hier. Irgendwann wurden wir in Hinterhöfe getrieben und waren in der Falle. Und ich habe mir in dem Moment gewünscht, dass man mich zuführt.
SPIEGEL: Zuführt?
Haußmann: Ja. Ein Begriff aus der Volkspolizeisprache. So etwas wie eine vorübergehende Festnahme. Das hieß, alle werden in einen Wagen gesperrt, weggefahren und müssen dann mit gespreizten Beinen in den Gängen stehen. Ich wollte das! Weil ich wusste: Das Ding ist sowieso am Zusammenbrechen. Und ich sah mich schon als romantischen Helden, dem von einer schönen Frau die blutende Nase abgetupft wird.
SPIEGEL: Bekamen Sie Ihre Zuführung?
Haußmann: Nein. Wir rannten ein Treppenhaus hoch und klopften an eine Tür.
SPIEGEL: Waren Sie erleichtert, als im November 1989 alles vorbei war?
Haußmann: Es war mal wieder komisch. Als man dann die Deutschlandfahnen rausholte und das DDR-Emblem rausschnitt, traten viele Intellektuelle zurück. Das wurde eine Straßenfestgeschichte. Wir fühlten uns, als bekämen wir ein Weihnachtsgeschenk, das man schon kennt. Der andere erwartet, dass man sich freut. Doch die Freude stellte sich nicht wirklich ein. Blödes Gefühl.
SPIEGEL: Hält dieses Gefühl bis heute an?
Haußmann: Für mich ist die Geschichte gut ausgegangen. Ich bin mit großer Erleichterung in den Westen gegangen. Ich kann heute machen, was ich will. Im nächsten Film, den ich mache, geht es um das Moskauer Hotel Lux, in dem die Komintern logierte. Er wird ein 13-Millionen-Euro-Budget haben. Was soll ich jammern? Aber für andere ist es eben nicht gut ausgegangen. Die DDR hat gegen viele Menschen eben doch gesiegt: gegen Maler, die nicht mehr gemalt haben, gegen Regisseure, die nicht mehr inszenierten, gegen Schriftsteller, die sich totgesoffen haben.
SPIEGEL: Herr Haußmann, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das SPIEGEL-Gespräch führten die Redakteure Wolfgang Höbel und Philipp Oehmke.
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Wird höchste Zeit, dass das klargestellt wird, die DDR Diktatoren waren als solche schon restlos überfordert. mehr...
Hätte der Titel aus Gründen der Seriosität nicht heißen müssen: Hedonistische Kasperköppe? Und was wird wohl Wolf Biermann, der doch eigentlich immer Erster und Bester ist, dazu sagen, daß Herr Haußmann den "Laden" [...] mehr...
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