Von Beate Lakotta
In einer anderen Klinik sollen sie noch eine Zweitmeinung einholen. "Behindert ist er schon", sagt dort der Arzt. "Aber einen Abbruch machen wir nicht, und in der 35. Woche brauchen Sie auch nirgendwo anders mehr hinzugehen."
"Gesunde Kinder darf man abtreiben, aber uns zwingt man, mit einem behinderten zu leben?" - Claudia Senge versteht nicht, wo da die Gerechtigkeit bleibt. Am folgenden Tag gehen sie zu einer Anwältin. Dort erfahren sie: Es gibt kein einklagbares Recht auf eine Abtreibung.
In der Ethikgruppe sitzt neben Franz Kainer und der Psychologin der Kinderarzt, als Anwalt des ungeborenen Kindes. Auch eine Stationsschwester ist dabei und eine Hebamme. Man habe Verständnis für ihre Not, eröffnet Kainer den Senges, aber die Prognose des Kindes sei ja ungewiss. Das Kind habe nach Auffassung der Runde bereits ein eigenes Recht zu leben, darüber hätten die Eltern nicht zu entscheiden. "Sie müssen es ja nicht behalten. Sie können es zur Adoption freigeben."
"Es ging denen nur um die Ethik und um das Kind", sagt Claudia Senge. "Wir waren denen egal."
Sie gehen zur Adoptionsstelle. Auf dem Amt ist man entgeistert: Hochschwanger und das Kind nicht wollen? Schon für ein Kind mit Down-Syndrom finden sich extrem selten neue Eltern. Aber für ein Kind, wie die Senges es erwarten? Nicht mal mit einer Pflegefamilie könne man bei schweren Behinderungen dauerhaft rechnen, bestenfalls mit einer Übergangspflege. Danach bliebe nur ein Heim. Ein Sachbearbeiter auf dem Sozialamt rät: Machen Sie doch eine anonyme Geburt.
"Bitt schön, was?", ruft Herr Senge. "Wir haben Berge von Unterlagen. Das ist doch kein anonymes Kind mehr!" Sie wollen sich auch nicht aus ihrer Verantwortung stehlen oder etwas Unrechtes tun, das passt nicht zu ihnen. Schließlich wollten sie das Kind ja, bis zur Diagnose. Aber was, wenn es sonst auch niemand haben will?
In der Klinik entfährt es Herrn Senge einmal, wenn man sie partout zu diesem Kind zwingen wolle, könne es vielleicht mal vom Tisch fallen. "Nicht, dass ich's gemacht hätte. Es waren Gedanken aus der Hilflosigkeit."
Jeden Tag muss seine Frau zum Ultraschall in die Klinik. Die Gehirnventrikel des Kindes werden kontrolliert, es soll keinen weiteren Schaden nehmen, es soll möglichst lange im Bauch der Mutter bleiben. Aber Frau Senge hält es nicht mehr aus. Das sagt sie auch, bei einer Untersuchung. "Wir sind hier nicht in China", fährt die Ärztin sie da an, wo man Kinder abtreibe, nur weil sie das falsche Geschlecht haben.
In der 37. Woche kommt das Kind zur Welt, mit einem Kaiserschnitt. Sie schauen es nicht an. Eine Schwester nimmt es gleich und bringt es weg.
Claudia Senge hatte nicht bei den anderen Müttern liegen wollen. Ihre Zimmergenossin ist eine alte Frau. Ab und zu kommt jemand, um Frau Senges Blutdruck zu messen und ihren Bauch anzuschauen. Ein Gespräch sucht niemand mehr.
Das Kind liegt zwei Treppen weiter unten im Brutkasten. Wie soll sie jemals darüber hinwegkommen, wenn sie es weggibt? Sie stellt sich das Kind vor, wie es in einem Heim herumliegt, und keiner kümmert sich.
Nach zwei Tagen hält Reinhard Senge es nicht mehr aus. Er geht nachschauen. Das Kind, das noch keinen Namen hat und ihm auf der Kinderintensivstation als seines vorgestellt wird, atmet ohne Hilfe. Es trinkt aus der Flasche, es schläft.
Es sieht genauso aus wie sein erster Sohn, findet Herr Senge.
Die Klinik hat bereits eine Übergangs-Pflegemutter organisiert. Die soll kommen, bittet er, "damit ein bisserl körperliche Nähe da ist fürs Neugeborene".
"Auch wenn wir ihn nicht zu uns holen, er ist trotzdem unser Kind", sagt er zu seiner Frau. "Schau ihn dir wenigstens mal an." Aber sie hat Angst, das Kind danach nicht mehr weggeben zu können.
Als es in die Kinderklinik verlegt wird, braucht es einen Namen. Die Eltern nennen es Ludwig, nach der Ludwig-Maximilians-Universität, deretwegen es auf die Welt gekommen ist. In der Kinderklinik recherchiert ein Arzt alles, was man über Balkenmangel-Kinder weiß. Als Erster gibt er ihnen Hoffnung. Nach zehn Tagen steht Claudia Senge am Bett ihres Sohnes. Sie schaut ihn kaum an, irgendwann hat sie ihn zum ersten Mal im Arm. Es ist kein glücklicher Moment. Wenig später nehmen sie Ludwig mit nach Hause. Ein Versuch.
Wer die Familie Senge in ihrem weißen Reihenhaus am Rand von München besucht, betritt ein kleines Idyll. Vor der Tür ein Geländewagen, drinnen alles hell und freundlich, an der Wand Kinderfotos, der Ludwig ist immer dabei, und immer lacht er.
Stolze Eltern wollen ihre Freude mit der ganzen Welt teilen. Senges warten mit der Geburtsanzeige ein halbes Jahr, bis sie sicher sind, dass sie den Ludwig behalten. Neben seinem Bild steht auf der Karte ein Ausspruch von Richard von Weizsäcker, sie haben ihn in einem Prospekt der Kinderklinik gefunden: "Es gibt keine Norm für den Menschen, es ist normal, verschieden zu sein." Sie verschicken nicht viele Anzeigen.
Im ersten Winter leben die beiden von einem Tag auf den anderen. Im Wohnzimmer brennt der Adventskranz, es gibt Lebkuchen und Kaffee. Mal nimmt er den Ludwig auf den Schoß, mal sie. Man sieht ihm die Behinderung nicht an. Er hat ein freundliches Wesen, findet Herr Senge. "Er macht sich super. Wenn er sich so weiterentwickelt, dann wird er noch gesund."
Claudia Senge schaut zweifelnd auf das schlafende Kind in ihrem Arm, die ganze Zeit streichelt sie seine Hand. Ihr Mann überlegt, ob sie schon etwas merken würden, wenn sie nichts gewusst hätten von Ludwigs Behinderung. "Wir hätten uns auf die Geburt gefreut. Sein Zimmer wäre hergerichtet gewesen, Liebe, Wärme, ein Nest. So war nichts vorbereitet. Die ersten Monate waren wie ein Loch."
Die Erinnerung daran regt Herrn Senge auf. Beim Erzählen trommelt er mit den Fingern auf die Tischplatte. Zum Beispiel, wie sie anfangs versucht hatten herauszufinden, ob der Ludwig sieht oder hört, ob sein Gehirn überhaupt irgendwelche Signale verarbeiten kann und ob sie jemals Kontakt zu ihm würden aufnehmen können. Manchmal beobachten sie das Kind beinahe wie Forscher im Labor. Herr Senge entfernt sich ein paar Schritte und klatscht in die Hände: "Da! Wieder keine Reaktion." Zwar lächelt der Ludwig immerfort, aber kann das nicht auch ein sinnloser mimischer Reflex sein?
Anderthalb Jahre nach Ludwigs Geburt ist für Claudia Senge die Welt klein geworden. Im Wohnzimmer steht eine blaue Sitzgruppe, von dort kann man in den Garten schauen, der von einer hohen Hecke umgeben ist. Dort hat sie große Kürbisse aufgereiht, ein Spielhaus steht darin, eine Sandkiste, ein Plastiktrecker, der gehört Felix, dem älteren Sohn. Ob der Kleine mal verstehen wird, was ein Trecker ist?
Herr Senge macht sich Sorgen um seine Frau. Je mehr sie sich in ihrer Wahrnehmung auf den Ludwig beschränkt, desto besser geht es ihr. Sie sieht dann nur seine Fortschritte, das ist schön. Wenn sie Felix, ihren Fünfjährigen, vom Kindergarten abholt, trifft sie andere Mütter, die Kinder in Ludwigs Alter dabeihaben. Sie erträgt den Anblick dieser gesunden Kinder nicht. Ihr Mann holt jetzt oft den Felix ab. Nur mit ihm spricht sie darüber.
Sie würde gern in eine Mutter-Kind-Gruppe gehen, aber außer ihr hat dort niemand ein behindertes Kind.
Für Felix war sie zwei Jahre zu Hause geblieben. Dann hatte sie wieder gearbeitet. Aber an dieses andere Kind, so empfindet sie, wird sie gekettet sein bis an ihr Lebensende. Und was soll aus dem Ludwig werden, wenn sie mal nicht mehr sind? Muss sich dann sein Bruder opfern?
Bald werden die Leute auch fragen: "Läuft er denn schon?" - "Redet er denn noch nicht?" Sie fürchtet sich jetzt schon vor den mitleidigen Blicken. Und auch dem Felix wird dann vielleicht sein Bruder peinlich sein: "Man schämt sich ja, auch wenn keiner was dafür kann."
Vor Jahren hatten sie im Italien-Urlaub am Strand Eltern gesehen, grauhaarig, die ihren erwachsenen Sohn im Rollstuhl zum Wasser schoben. Alle hatten hingestarrt. So sieht sie sich jetzt mit dem Ludwig: umgeben von glotzenden Leuten. Vielleicht wird sogar mal einer sagen: So ein Kind, das muss doch heute nicht sein. "Die Leute sind eben auch unserer Meinung", sagt sie. "Man hätte das verhindern können."
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