Von Beate Lakotta
Fragt man Franz Kainer zwei Jahre später nach der Familie Senge, macht der Pränataldiagnostiker ein bekümmertes Gesicht. Kainer ist ein schmaler, asketisch wirkender Mann. Er spricht leise, bisweilen wird er sarkastisch.
"Vor zehn Jahren haben die Politiker das Gesetz so geändert, dass man ein behindertes Kind bis zum Geburtstermin abtöten kann. Würden wir das ernst nehmen, hätten wir eine Menge Fetozide. Also tun wir einfach so, als gäbe es das Gesetz nicht." Selbst die Politiker täten so: Kainer hat mal einen sagen hören, er könne sich nicht vorstellen, dass so was Schlimmes in seiner Umgebung gemacht würde.
Nun hätten sie dort in Berlin ja gerade ein neues Gesetz gemacht. Ursprünglich sollte es "Gesetz zur Vermeidung von Spätabtreibungen" heißen. Am Ende stand darin, dass Ärzte alle Frauen, die ein behindertes Kind erwarten, über Lebensperspektiven mit dem Kind beraten müssen. Und dass mindestens drei Tage zwischen der Diagnose und dem Abbruch liegen müssen.
"Deswegen werden nicht mehr Frauen behinderte Kinder zur Welt bringen wollen", sagt Kainer, "an unserer Realität geht das vorbei." Beraten wird ohnehin immer, und gerade bei den späten Abbrüchen dauert es selten weniger als drei Tage, bis alle Untersuchungen beendet sind. Trotzdem entscheidet sich vor der 22. Woche nur ein Bruchteil aller Frauen für das Kind. Danach gibt es für die Frauen nichts mehr zu entscheiden - jedenfalls nicht in Bayern.
Nicht, weil es für die Frauen das Beste wäre oder für die Kinder; es sind auch Fehlbildungen darunter, die einen dramatischen Leidensweg für das Kind bedeuten. Aber die Kollegen haben Angst, am Pranger zu stehen. Das Ansehen der Klinik könnte Schaden nehmen, die Geldströme der Staatsregierung könnten versiegen.
Kainer, für den jeder Schwangerschaftsabbruch einer zu viel ist, kann gut leben mit dieser Gemengelage: "Mich würde es ja treffen, wenn wir entscheiden würden, auch diesen Frauen helfen zu wollen." Aber eines ärgert ihn doch: In Regensburg oder Passau und anderswo wollen die geschätzten Kollegen zwar an der vorgeburtlichen Diagnostik verdienen. "Aber entdeckt man dort etwas nach der 12. Woche, dann heißt es: Wir machen so was Schmutziges nicht, da müssen Sie schon nach München." Dann bekommt er es aufgehalst, bis zur 22. Woche. "Danach bleiben nur die ganz bösen Kollegen in Bonn, Hamburg oder Berlin." Oder, für diejenigen, die es bezahlen können, die Flieger nach London oder Rotterdam.
"Da sind wir nicht ehrlich", findet Kainer: "Wenn die Gesellschaft der Frau diese Entscheidungsmöglichkeit geben will, sollte sie nicht in ganz Deutschland herumreisen müssen, um jemanden zu finden, der den Eingriff macht." Und: Bei 115.000 Abtreibungen von gesunden Kindern pro Jahr könne man schon fragen, welchen Sinn es habe, ausgerechnet das Leben einiger hundert schwer fehlgebildeter Ungeborener gegen den Willen ihrer Mütter zu schützen.
Bislang hat niemand versucht herauszufinden, was aus diesen Kindern wird. Die Sozialarbeiterin der Klinik schätzt, dass jedes Jahr etwa vier Frauen ihr Kind nicht annehmen. Es wurden auch schon behinderte Kinder in Babyklappen gefunden.
"Vielleicht sind diejenigen, die nicht gut damit zurechtkommen, sogar die größte Gruppe", vermutet Kainer. "Aber man sieht sie nicht. Auch weil die Behindertenverbände es nicht gern haben, wenn jemand sagt, das Leben mit einem behinderten Kind stelle ein Problem dar."
Aber wenn Eltern ihr Kind schon vorher so deutlich ablehnen? "Dann hören wir lieber nicht so genau hin, wie wir vielleicht sollten", sagt Kainer. "Weil wir wissen: Für den Abbruch gibt es sowieso keine Zustimmung." Und es sei ja auch so: "Es passiert einem nichts, wenn man es nicht macht. Irgendwann fahren die mit dem Kind nach Hause, und wir sind das Problem los."
"Die Senges", sagt Kainer, "die haben es so laut gesagt, dass man es hören musste. Das war mutig."
Dann eilt Kainer im weißen Kittel hinüber zum Kreißsaal, eine schwierige Geburt steht bevor, ein Kind mit einem riesigen Wasserkopf.
Anfang dieses Jahres haben die Eltern Glück: Reinhard Senge findet einen Platz für Ludwig in der "Integrativen Kinderkrippe Kleeblatt". Die Krippe gehört zu einem großen Behindertenzentrum. Ludwig bekommt hier Physio- und Ergotherapie. Es gibt auch eine Schule, Werkstätten, betreutes Wohnen. Vielleicht könnte er sogar sein Leben lang bleiben.
In der Woche packt Frau Senge seither den Ludwig ins Auto und fährt mit ihm durch die Stadt, wenn er nicht gerade krank ist. Irgendein Infekt, ein unerklärliches Fieber, auch das kommt bei behinderten Kindern häufiger vor. Die Krippe ist Claudia Senges Hoffnung. Sie möchte wieder unter Menschen. Auch der Ludwig soll sehen, dass es andere Menschen gibt.
Nur der Bezirk Oberbayern muss noch seine Zustimmung geben. Drei Stellungnahmen haben Ärzte und Heilpädagoginnen schon geschrieben: Ludwig könne mit knapp zwei Jahren weder frei sitzen noch zeige er Ansätze zum Sprechen: "Die Aufnahme in die integrative Kinderkrippe ist daher dringend angeraten."
Zehn Kinder, darunter drei behinderte, besuchen das "Kleeblatt". Claudia Senge trägt den Ludwig hinauf in den ersten Stock, zum Morgen-Stuhlkreis. Seit drei Monaten hat sie schon versucht, ihn an die Krippe zu gewöhnen. Aber noch schreit er, sobald er die Mutter aus den Augen verliert. Keiner braucht so lange zum Eingewöhnen wie er.
"Am Ende ist er gar nicht krippentauglich", sorgt sie sich gegenüber ihrem Mann. Herr Senge sitzt am Tisch und trommelt mit den Fingern: "Lass ihm halt seine Zeit, er wird's schon lernen." Und wirklich: Am nächsten Morgen drückt sie der Heilpädagogin den Ludwig in den Arm, und zum ersten Mal schreit er nicht, als sie fortgeht.
Dann kommt der Brief vom Bezirk Oberbayern. Die Sachbearbeiterin schreibt, Ludwigs Behinderung habe "keine so gravierenden Auswirkungen auf die Teilhabe am Leben in der Gesellschaft, dass eine besondere Förderung in der Kindergrippe erforderlich wäre". Krippe mit "g", steht dort, Antrag abgelehnt.
Frau Senge bricht in Tränen aus, dann wird sie wütend. "Erst hat uns der Staat gezwungen, ihn auf die Welt zu bringen, aber wenn es um seine Förderung geht, ist keiner mehr zuständig."
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