Von Julia Bonstein
Das Leben von Birger aus Mecklenburg taugt eigentlich zur gesamtdeutschen Erfolgsgeschichte: Die Mauer fällt, als der Junge zehn Jahre alt ist. Nach dem Abitur geht er nach Hamburg: Studium der Volks- und Betriebswirtschaftslehre, Aufenthalte in Indien und Südafrika, dann die Festanstellung in einem Duisburger Unternehmen. Heute ist Birger 30 Jahre alt und plant einen Segeltörn auf dem Mittelmeer. Die DDR ist für den Betriebswirt "ein negativ besetztes Label", mit dem sein richtiger Name nicht in Verbindung gebracht werden soll.
Jugendliche in der DDR (1990): "Aus heutiger Sicht glaube ich, wurden wir mit dem Mauerfall aus dem Paradies vertrieben"
Birger ist kein ungebildeter junger Mann. Er weiß von Bespitzelung und Repression und findet es "nicht gut, dass man da nicht rauskam und viele Leute unterdrückt wurden". Schnöde Ostalgie, sagt er, sei für ihn kein Thema: "Ich habe zu Hause keinen Schrein aus Spreewaldgurken stehen." Aber wenn die Heimat seiner Eltern kritisiert wird, dann regt sich in ihm Widerspruch: "Man kann nicht sagen, die DDR war ein Unrechtsstaat, und heute ist alles gut."
Der junge Mecklenburger macht sich zum Fürsprecher der untergegangenen ostdeutschen Diktatur - und vertritt damit eine Mehrheitsmeinung: 20 Jahre nach dem Mauerfall verteidigt heute eine absolute Mehrheit von 57 Prozent der Ostdeutschen den untergegangenen SED-Staat: "Die DDR hatte mehr gute als schlechte Seiten. Es gab ein paar Probleme, aber man konnte dort gut leben", sagen 49 Prozent. Weitere 8 Prozent der Ostdeutschen wollen schlicht gar keine Kritik an der alten Heimat gelten lassen, sie stimmen der Aussage zu: "Die DDR hatte ganz überwiegend gute Seiten. Man lebte dort glücklicher und besser als heute im wiedervereinigten Deutschland."
Diese Umfrageergebnisse wurden am Freitag vergangener Woche in Berlin vorgestellt; sie zeigen: Die Verklärung der DDR hat die Mitte der Gesellschaft erfasst. Längst sind es nicht mehr nur Ewiggestrige, die der DDR hinterhertrauern. "Es ist eine neue Form der Ostalgie entstanden", sagt der Historiker Stefan Wolle: "Die Sehnsucht nach der heilen Welt der Diktatur geht weit über die ehemaligen Funktionäre hinaus." Heute werde die DDR sogar von jungen Leuten idealisiert, die sie selbst kaum mehr erlebt haben. "Es geht um den Wert der eigenen Biografie", sagt Wolle.
So reden sich Menschen die Diktatur schön, als würden Vorwürfe gegen den Staat auch ihre Lebensgeschichte in Frage stellen. "Viele Ostdeutsche begreifen jede Kritik am System als Angriff auf ihre eigene Person", sagt der Politologe Klaus Schroeder, 59, Leiter des Forschungsverbundes SED-Staat an der Freien Universität Berlin.
Er warnt vor der Verharmlosung der SED-Diktatur durch Jugendliche, die ihr Wissen über die DDR eher aus Familiengesprächen als aus dem Schulunterricht bezögen. "Nicht einmal die Hälfte der ostdeutschen Jugendlichen bezeichnet die DDR als Diktatur, eine Mehrheit hält die Stasi für einen normalen Geheimdienst", zu diesem Ergebnis kam Schroeder 2008 in einer Schülerstudie: "Diese jungen Leute können und wollen die Schattenseiten der DDR gar nicht kennen."
Mit Äußerungen wie diesen hat sich der Wissenschaftler Feinde gemacht. Mehr als 4000 teils wütende Zuschriften erhielt Schroeder als Reaktion auf die Berichterstattung über diese Studie. Auch der 30jährige Birger hatte sich ursprünglich in einer E-Mail an Schroeder gewandt. Eine Auswahl typischer Zuschriften hat der Politologe nun zusammengestellt, um das Meinungsklima zu dokumentieren, in welchem in Ostdeutschland über die DDR und das vereinigte Deutschland diskutiert wird. Das Material bietet teilweise erschreckende Einblicke in die Gedankenwelt enttäuschter und wütender Bürger. "Aus heutiger Sicht glaube ich, wurden wir mit dem Mauerfall aus dem Paradies vertrieben", heißt es da etwa; ein 38-Jähriger schreibt beispielsweise, "Gott sei Dank" habe er die DDR noch einige Zeit erleben dürfen, Existenzangst, Bettler und Obdachlose habe er schließlich erst nach der Wende kennengelernt.
© DER SPIEGEL 27/2009
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