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Ausgabe 27/2009
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29.06.2009
 

Gesellschaft

Heimweh nach der Diktatur

Von Julia Bonstein

2. Teil: "Für mich war das damals weniger Diktatur als das, was wir heute haben."

Das heutige Deutschland wird als "Sklavenstaat" oder "Diktatur des Kapitals" bezeichnet, einige Briefeschreiber lehnen die Bundesrepublik ab, weil sie kapitalistisch oder diktatorisch, jedenfalls nicht demokratisch sei. Schroeder hält solche Äußerungen für bedenklich: "Ich befürchte, dass sich eine Mehrheit der Ostdeutschen nicht mit dem heutigen gesellschaftspolitischen System identifiziert."

Es sind Wendeverlierer und Ewiggestrige, die sich zu Wort gemeldet haben, aber auch Menschen wie Thorsten Schön.

Nach 1989 reihte sich für den Handwerksmeister aus Stralsund zunächst ein Erfolg an den anderen. Den Porsche, den er sich nach dem Mauerfall leisten konnte, hat er zwar längst ausgemustert. Aber die Löwendame liegt noch auf dem Wohnzimmerboden. In Südafrika hatte er das Fell damals erworben, auf einer der Urlaubsreisen, die den Parkettlegermeister in den vergangenen 20 Jahren durch die ganze Welt geführt haben. "Ich habe Glück gehabt, keine Frage", sagt der 51-Jährige heute. Ein Großauftrag hatte in der Wendezeit den Sprung in die Selbständigkeit erleichtert. Aus dem Fenster seines Reihenhauses blickt Schön direkt auf den Strelasund.

Im Wohnzimmer hängt Wandschmuck aus Bali, neben dem DVD-Spieler hat eine Miniatur der Freiheitsstatue ihren Platz gefunden. Auf dem Sofa sitzt Thorsten Schön und schwärmt von alten DDR-Zeiten: "Früher war der Zeltplatz ein Ort, an dem alle gemeinsam ihre Freiheit genossen", sagt er. "Diese Menschlichkeit" sei es, was er heute am meisten vermisse, "und der Zusammenhalt". Die Mangelwirtschaft samt Tauschgeschäften sei "eher wie ein Hobby gewesen". Ob er eine Stasi-Akte habe? "Das interessiert mich nicht", sagt der Handwerksmeister, "die Enttäuschung wäre auch zu groß."

Sein Urteil über die DDR steht fest: "Für mich war das damals weniger Diktatur als das, was wir heute haben." Gleiche Löhne und gleiche Renten fordert er für den Osten. Und wenn Thorsten Schön dann beginnt, über das vereinigte Deutschland zu schimpfen, schwingt in seiner Stimme auch die Begeisterung über den eigenen starken Auftritt mit: Gelogen und betrogen werde hier allerorts, Unrecht werde heute nur hinterlistiger begangen als in der DDR, Hungerlöhne und zerstochene Autoreifen habe es dort jedenfalls nicht gegeben. Von eigenen schlechten Erfahrungen im heutigen Deutschland kann Schön nicht berichten. "Es geht mir heute besser als früher", sagt er, "aber zufriedener bin ich nicht."

Um kühle Logik geht es bei diesem Auftritt weniger, eher um Abrechnung. Denn unzufrieden macht Thorsten Schön vor allem "das falsche Bild vom Osten, das der Westen heute verbreitet". Die DDR, das sei für ihn "kein Unrechtsstaat" gewesen, sondern "die Heimat, in der meine Leistung anerkannt wurde". Beharrlich wiederholt Schön, wie er sich jahrelang durchgeboxt habe, um sich 1989, wohlgemerkt vor der Wende, selbständig machen zu können: "Wer sich angestrengt hat, konnte es auch in der DDR zu etwas bringen", dies sei eine der Wahrheiten, die in den Talkshows kaputtgeredet werden, wenn Westler so täten, "als wären die Ostdeutschen alle etwas dämlich und müssten zum Dank für die Wiedervereinigung heute noch einen Kniefall machen". Was es da überhaupt zu feiern gebe, fragt sich der Handwerksmeister.

"Der besonnte Blick der Erinnerung ist stärker als die Statistiken über Republikflucht und Ausreiseanträge, stärker sogar als die Akten über Todesschüsse an der Mauer und politische Unrechtsurteile", sagt der Historiker Wolle.

Es sind Erinnerungen von Menschen, deren Familien im SED-Staat nicht verfolgt und schikaniert wurden. Menschen wie dem 30-jährigen Birger, der heute sagt: "Wenn die Wende nicht gekommen wäre, hätte ich auch ein gutes Leben gehabt."

Nach dem Studium hätte er sicher eine "Leitungsfunktion in irgendeinem Unternehmen" übernommen. Ähnlich wie der Vater vielleicht, der LPG-Vorsitzender war. "Die DDR hat im Leben eines DDR-Bürgers keine Rolle gespielt", fasst Birger zusammen. Diese Sichtweise teile sein gesamter Freundeskreis, allesamt Zonenkinder mit Hochschulabschluss, Jahrgang 1978. "Wende oder nicht Wende", so hätten sie neulich gemeinsam festgestellt, das sei für sie doch im Grunde egal gewesen. Die Reiseziele wären dann eben nicht London und Brüssel gewesen, sondern Moskau und Prag. Und der eine Kumpel, der heute Beamter in Mecklenburg ist, der wäre in der DDR wohl einfach ein linientreuer Parteisoldat gewesen.

Nüchtern und wortkarg trägt der junge Mann seine Meinung vor. Nur gelegentlich guckt er etwas trotzig und sagt: "Ist nicht so interessant, was ich erzähle, ich weiß. Opfergeschichten lassen sich besser darstellen."

Normalerweise spricht Birger nicht über seine Herkunft. In Duisburg, wo er arbeitet, weiß kaum jemand, dass er aus Ostdeutschland stammt. Aber an diesem Nachmittag möchte Birger der "Geschichtsschreibung der Sieger" einmal widersprechen: "In der öffentlichen Wahrnehmung gibt es nur Opfer und Täter, aber die breite Masse fällt hinten runter."

Hier spricht einer, der sich persönlich betroffen fühlt, wenn Stasi-Terror und Repression beim Namen genannt werden. Ein Akademiker, der zwar weiß, "dass man die Mauertoten nicht gut finden kann", dem zum Schießbefehl an der Grenze allerdings auch einfällt: "Wenn da ein großes Schild steht, sollte man da auch nicht hingehen. Grob fahrlässig war das doch."

Und so stellt sich eine alte Frage neu: Gab es ein richtiges Leben im falschen? Die Verharmlosung der Diktatur wird in Kauf genommen als Preis für die Wahrung der eigenen Selbstachtung. "Die Menschen verteidigen ihr eigenes Leben", so beschreibt der Politologe Schroeder die Tragik eines geteilten Landes.

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