SPIEGEL: Die Bundeswehr-Operation wird immer mehr zum reinen Kampfeinsatz, bei der bisher 35 deutsche Soldaten starben. Ist die deutsche Strategie des militärisch abgesicherten Wiederaufbaus gescheitert?
Struck: Eindeutig nein! Die Kampfhandlungen im engen Umfeld von Kunduz haben zugenommen. Im Rest der großen Nordregion ist es überwiegend ruhig. Aber natürlich bereitet uns die Situation in Kunduz Sorgen.
SPIEGEL: Es ist doch längst zu gefährlich geworden, Brunnen zu bauen und Mädchenschulen zu gründen.
Struck: So pauschal stimmt diese Aussage nicht. An vielen Orten geht der Aufbau voran, zugegeben zu langsam. Die internationale Gemeinschaft müsste mehr dafür tun. Aber dass es im Norden bisher ruhiger war, hat schließlich etwas mit unserer Art und Weise zu tun, wie wir den Afghanen dort begegnen. Uns war der zivile Aufbau immer wichtig, und er bleibt wichtig.
Todenhöfer: Da wird aber viel zu wenig getan.
SPIEGEL: Tatsächlich wurden in den vergangenen Jahren von der internationalen Gemeinschaft pro Tag nur sieben Millionen US-Dollar für den Wiederaufbau ausgegeben. Dagegen kostet allein der Einsatz des US-Militärs täglich 100 Millionen. So wichtig scheint der zivile Aufbau nicht zu sein.
Struck: Militär kostet Geld, da hilft nun alles nichts. Dass die Relation zwischen Wiederaufbauhilfe und militärischen Ausgaben nicht stimmt, ist allerdings wahr. Aber es ist halt keiner davon ausgegangen, dass wir so lange dort bleiben. Wir dachten, wir gehen kurz rein, stabilisieren das Land und können dann wieder gehen. Eine Fehleinschätzung.
SPIEGEL: War es ein Fehler, überhaupt hineinzugehen?
Struck: Nein, das war kein Fehler. Nach 9/11 mussten die Amerikaner reagieren. Erinnern Sie sich: Die Taliban hatten sich geweigert, Osama Bin Laden auszuliefern und Dutzende von Terrorcamps dichtzumachen.
Todenhöfer: Natürlich mussten die Amerikaner auf diesen Anschlag reagieren. Aber mussten sie deswegen Kabul bombardieren? Es ist doch absurd, ein Land zu bombardieren, um eine Handvoll Terroristen zu bekämpfen, die nicht einmal Afghanen waren. Die USA hätten Spezialkommandos einsetzen sollen, um Osama Bin Laden auszuschalten. Stattdessen haben sie ihn wie in einem Slapstick aus Tora Bora entkommen lassen. Und Mullah Omar ist ihnen auf einem Motorrad davongefahren.
SPIEGEL: Was muss in Afghanistan passieren, damit sich die Nato zurückziehen kann?
Struck: Alle Beteiligten sind sich darüber einig, dass wir uns bei der Ausbildung der afghanischen Armee und der afghanischen Polizei mehr engagieren müssen. Leider lief das in der Vergangenheit nur sehr schleppend. Heute leistet die Bundeswehr da entscheidend mehr.
Todenhöfer: Die Afghanen sind geborene Krieger. Sie sind jahrtausendelang überfallen worden. Jeder 14-jährige Junge kann dort mit einer Waffe umgehen. Die brauchen keine lange Ausbildung, die brauchen Geld. Warum sollte ein arbeitsloser junger Afghane zur Nationalarmee gehen, wo er für weniger als 100 US-Dollar im Monat dienen muss, wenn er bei den Taliban 400 bis 600 Dollar bekommt? Wir müssen die afghanische Nationalarmee besser bezahlen. Nur Afghanen können Afghanen besiegen.
SPIEGEL: Die Amerikaner tragen den Krieg jetzt nach Pakistan. Ist es richtig, dass sich die Aufmerksamkeit stärker auf das ebenfalls instabile Nachbarland verlagert?
Todenhöfer: Die Angriffe der USA schwächen die pakistanische Regierung, weil sie in den Augen ihrer Bevölkerung zunehmend als Gehilfe, als Lakai der Amerikaner erscheint. Die amerikanischen Drohnenangriffe in Pakistan töten ständig Zivilisten. Erst letzte Woche wurden mehrere Dutzend Trauergäste totgebombt. Die Alternative zu diesem Irrsinn ist, dass Afghanistan und Pakistan gemeinsam gegen die Taliban vorgehen.
Struck: Das sehe ich auch so. Ohne Pakistan ist eine afghanische Lösung nicht möglich. Es muss uns gelingen, die pakistanische Regierung dazu zu bringen, gemeinsam mit den Afghanen die Taliban zu bekämpfen. Angesichts der geografischen Gegebenheiten halte ich eine militärische Lösung allerdings für ausgeschlossen. Ich glaube, es geht nur diplomatisch.
SPIEGEL: Sie wollen mit Taliban sprechen, Herr Struck?
Struck: Ja, dieser Ansatz ist richtig. Ich habe in Kunduz schon mit Taliban gesprochen. Wir müssen alle einbeziehen - jedenfalls die gemäßigten Taliban. Jemanden wie Mullah Omar würde ich ausschließen. Ich habe mir seinen Lebenslauf angesehen. Das ist ein Massenmörder.
Todenhöfer: Dann müssten ja auch die Afghanen, deren Angehörige im amerikanischen Bombenhagel umgekommen sind, Gespräche mit den Amerikanern ablehnen. Wenn Sie radikale Taliban von Verhandlungen ausschließen, ist das so, als hätten die Amerikaner in den Friedensverhandlungen mit Vietnam gesagt: Wir reden nur mit den gemäßigten Vietcong. Das ist doch lächerlich. Wir brauchen eine Versöhnungs-Loya-Jirga, eine Stammesversammlung, an der alle Aufständischen teilnehmen.
SPIEGEL: Würden Sie auch mit al-Qaida verhandeln?
Todenhöfer: Al-Qaida spielt in Afghanistan keine Rolle mehr. Das sagt selbst der amerikanische Oberbefehlshaber, General Petraeus. Wer behauptet, dass wir bei einem Abzug das Land al-Qaida überlassen, erzählt Märchen. Verbrecher kehren selten in die Verstecke zurück, aus denen sie gerade vertrieben worden sind.
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Wie naiv muß man sein, um solches Zeug von sich zu geben? Ihre THW-Leute wären im günstigsten Falle aus Geiselhaft freigekauft worden. Die Brunnen und Schulen, die diese hätten bauen sollen/ gebaut hätten würden nicht mehr [...] mehr...
Wie viel Naivität muß man aufbringen um von allem Anfang an zu glauben das man zum Brunnen bohren, Schulen errichten Soldaten braucht.Hat man mit der Aufstellung der Isaf gleichzeitig Gehirnwäsche betrieben? Es war von Anfang [...] mehr...
Na endlich, lieber Falke, werden Sie deutlich. Sie verlassen also die "konventionelle" Moral und zimmern sich offensichtlich Ihre eigene, wenn es erforderlich ist. Das ist natürlich eine sehr bequeme Vorstellung von [...] mehr...
Ja, heute weiß jedes Kind, dass es damals nicht zum Einsatz von Atomwaffen kam, aber vielleicht weil damals allen Beteiligten/ Verantwortlichen bewusst war, dass es bei einem Kriegsausbruch keine Überlebenden geben würde. Eben [...] mehr...
Realitätsgerechte Moral kann doch durchaus als Instinkt im Menschen verankert sein: Auch Affen verhalten sich altruistisch gegenüber Mitgliedern der eigenen Gruppe und kämpfen gegen die anderer Gruppen. Und warum [...] mehr...
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