SPIEGEL: Wenn wir keine Terroristen mehr jagen, was suchen wir dann noch in Afghanistan?
Todenhöfer: Wir kämpfen in Afghanistan gegen einen nationalen, antiwestlichen Aufstand. Afghanistan ist geostrategisch interessant, weil man von dort Russland, Indien, Pakistan und auch China kontrollieren kann. Auch rohstoffpolitisch ist das Land ein fabelhafter Standort. Schließlich wollen die Amerikaner eine Erdgaspipeline durch Afghanistan bauen.
SPIEGEL: Sie glauben doch nicht wirklich, dass deutsche Soldaten für wirtschaftliche Interessen sterben?
Todenhöfer: Ich glaube, dass unsere Soldaten in Afghanistan aus falsch verstandener Solidarität zu den USA sterben. Und dass unsere Politiker das ganz genau wissen.
Struck: Unsere Soldaten stehen nicht aus wirtschaftlichen Gründen am Hindukusch. Wir wollen verhindern, dass dieses Land ein "failed state" wird, ein gescheiterter Staat, von dem wieder Terrorgefahr für den Westen ausgeht. Deshalb werde ich mich, solange ich noch im Bundestag bin, dafür einsetzen, das Mandat fortzusetzen. Ich bin allerdings ziemlich enttäuscht von Präsident Karzai. Es ist ihm nicht gelungen, die Korruption wirksam zu bekämpfen.
Todenhöfer: Die internationalen Hilfsorganisationen sind doch viel korrupter. Westliche Firmen arbeiten dort mit Renditen von 400, 600 und manchmal 1000 Prozent. Über die afghanische Regierung läuft nur ein Bruchteil der Gelder, der Rest versickert privat. In Kabul hat eine westliche Firma zehn Millionen US-Dollar in Rechnung gestellt - für einen 1,5 Kilometer langen Metallzaun um den Zarnigar-Park. Karzai hat das überprüfen lassen. Das Ergebnis zeigte, dass dieser Zaun allenfalls 70.000 Dollar wert war. Das stärkt nicht gerade das Vertrauen der Afghanen in westliche Entwicklungshilfe.
SPIEGEL: Auch in der deutschen Bevölkerung schwindet mit jedem neuen Gefallenen die Akzeptanz für den Einsatz.
Struck: Das stimmt. Die Soldaten leiden sehr darunter, dass ihr Einsatz von der Bevölkerung nicht anerkannt wird. Afghanistan ist weit entfernt, und die Gefahren, die von dort ausgehen, sind nicht in die Köpfe eingedrungen.
SPIEGEL: Ist es nicht Ihre Aufgabe als Politiker, der Bevölkerung diesen Einsatz zu erklären?
Struck: Dafür ist die Bundeskanzlerin verantwortlich. Frau Merkel muss klarstellen, dass die Soldaten in Afghanistan jeden Tag ihr Leben riskieren, weil wir sie dorthin geschickt haben.
SPIEGEL: Den Deutschen wird der Einsatz bis heute als Friedensmission verkauft, von Krieg will keiner sprechen. Die Bundeswehr gewissermaßen als Technisches Hilfswerk im Tarnanzug.
Struck: Ich habe mich daran nicht beteiligt. Das war falsch. Es ist eine Verharmlosung der tatsächlichen Situation gewesen.
SPIEGEL: Ist es denn nun ein Krieg?
Struck: Im herkömmlichen Sinn ist es kein Krieg, der wird nur zwischen Staaten geführt. In Afghanistan kämpfen die Taliban gegen das afghanische Volk und versuchen, uns ihren Krieg aufzuzwingen.
Todenhöfer: Einer der Hauptgründe für die Fehleinschätzungen des Westens ist die Unkenntnis der muslimischen Welt. Deshalb bin ich für systematischen Schüler- und Studentenaustausch zwischen westlichen und muslimischen Ländern. Außerdem sollte jeder Abgeordnete, der für den Krieg stimmt, vier Wochen mit an die Front. Die sollten einmal in einem Schützenpanzer die Gefahr spüren, die sie unseren Soldaten und den Afghanen zumuten. Die Zahl der Kriege würde dramatisch sinken.
Struck: Kein Abgeordneter stimmt dem Mandat leichtfertig zu. Die Gefahren, denen die deutschen Soldatinnen und Soldaten ausgesetzt sind, sind jedem bewusst. Trotzdem bin ich sehr dafür, dass möglichst viele Parlamentarier nach Afghanistan fahren. Ich fordere meine Fraktion immer dazu auf. Viele nutzen das auch.
SPIEGEL: Wann ist das Ziel des Einsatzes erreicht? Wann war der Einsatz erfolgreich?
Todenhöfer: Wenn die afghanischen Sicherheitskräfte so stark sind, dass sie mit den Taliban und den Drogenbaronen selbst fertig werden und die Afghanen ihr Land so aufbauen, so gestalten können, wie sie es selbst wollen.
Struck: Ich glaube, dass wir unsere Erwartungen deutlich herunterschrauben müssen. Ich sehe aber keinen Grund, jetzt aufzugeben und zu sagen: Es tut mir leid, die über 30 deutschen Soldaten sind leider umsonst gestorben, wir gehen raus.
SPIEGEL: Wann werden die Deutschen denn abziehen?
Struck: Ich befürchte, das kann noch zehn Jahre dauern.
Todenhöfer: Wenn es so lange dauert, bleibt es nicht bei 35 toten deutschen Soldaten, dann werden es Hunderte sein. Und wir werden unseren Kredit in der muslimischen Welt total verspielen. Unsere Politiker müssen den Deutschen vor der Bundestagswahl eine ehrliche Exitstrategie vorlegen. Damit wir in spätestens zwei, drei Jahren aus diesem Schlamassel herauskommen.
SPIEGEL: Herr Struck, Herr Todenhöfer, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Gespräch führten die Redakteure Ulrike Demmer und Konstantin von Hammerstein
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Wie naiv muß man sein, um solches Zeug von sich zu geben? Ihre THW-Leute wären im günstigsten Falle aus Geiselhaft freigekauft worden. Die Brunnen und Schulen, die diese hätten bauen sollen/ gebaut hätten würden nicht mehr [...] mehr...
Wie viel Naivität muß man aufbringen um von allem Anfang an zu glauben das man zum Brunnen bohren, Schulen errichten Soldaten braucht.Hat man mit der Aufstellung der Isaf gleichzeitig Gehirnwäsche betrieben? Es war von Anfang [...] mehr...
Na endlich, lieber Falke, werden Sie deutlich. Sie verlassen also die "konventionelle" Moral und zimmern sich offensichtlich Ihre eigene, wenn es erforderlich ist. Das ist natürlich eine sehr bequeme Vorstellung von [...] mehr...
Ja, heute weiß jedes Kind, dass es damals nicht zum Einsatz von Atomwaffen kam, aber vielleicht weil damals allen Beteiligten/ Verantwortlichen bewusst war, dass es bei einem Kriegsausbruch keine Überlebenden geben würde. Eben [...] mehr...
Realitätsgerechte Moral kann doch durchaus als Instinkt im Menschen verankert sein: Auch Affen verhalten sich altruistisch gegenüber Mitgliedern der eigenen Gruppe und kämpfen gegen die anderer Gruppen. Und warum [...] mehr...
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© DER SPIEGEL 27/2009
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