AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 27/2009
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Karrieren Der Straßenkämpfer

2. Teil: Jovialer Menschenfeind

In Wirklichkeit ist Wowereit, trotz aller Nonchalance und hemdsärmeligen Zugänglichkeit, ein seltsam zurückgezogener, in sich gekehrter Mensch, der seinen Charme so schnell ausschalten kann, wie er ihn zuvor angestellt hatte. Als "jovialen Menschenfeind" bezeichnet ihn eine Mitarbeiterin aus der Senatskanzlei, die seit langem mit ihm zu tun hat.

Die Senatsvorbesprechungen, bei denen sich der Bürgermeister mit den SPD-Senatoren abstimmt, sind bei den Beteiligten gefürchtet. Wowereit kann furchtbar sarkastisch sein, er empfindet eine geradezu diebische Freude, anderen Fehler nachzuweisen. Anders als man vermuten könnte, ist er ein fleißiger Aktenleser, Zahlen haben ihn immer interessiert, aus der genauen Kenntnis der Verwaltungsvorgänge bezieht er einen Teil seiner Macht. "Es ist fast unheimlich, wie Wowereit bei der Lektüre einer Vorlage sofort auf die Schwachstellen stößt", sagt sein Kulturstaatssekretär André Schmitz, "er hat einen nahezu siebten Sinn für die angreifbaren Punkte, das gilt auch bei Menschen."

Die Stadt hat davon durchaus profitiert. Wowereit trotzte dem Öffentlichen Dienst gleich am Anfang zehn Prozent Gehaltsverzicht ab und strich wie nebenbei noch 30.000 Stellen, was die Haushaltslage deutlich verbessert hat. 2007 musste das Bundesland zum ersten Mal in seiner Finanzgeschichte keine neue Schulden aufnehmen. Wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hat, kann Wowereit enorm stur sein; jede Verhandlung wird für ihn zur Machtprobe, deshalb nimmt er auch jede ernst.

"Es heißt oft, ich sei ein Spieler, aber das stimmt so nicht", sagt er, "ich weiß immer, welche Karten ich auf der Hand habe. Ich gehe ans Limit, aber ich spiele nicht Hasard."

Ein Missverständnis hat aus Wowereit einen Linken gemacht. Weil er der erste Sozialdemokrat war, der die Linkspartei außerhalb eines klassischen Ostlandes in eine Koalition nahm, glauben viele, dass er auch ihre Ziele teile, dabei hat er die Sozialisten in erster Linie genommen, weil sie aus seiner Sicht weniger Ärger machen als die Grünen. Die Politik des Neides, die bei den Linken hoch im Kurs steht, liegt Wowereit fern. Er ist sogar erstaunlich neidfrei, der Erfolg oder Reichtum anderer stoßen ihn nicht ab, sie faszinieren ihn eher. Er kann im Detail die Vorteile der verschiedenen Zimmer im "Oriental" in Bangkok benennen, was eine für einen Sozialdemokraten überraschende Kennerschaft der Luxushotellerie verrät; sein ungezwungener Umgang mit dem Berliner Glamourmilieu hat ihm früh den Ruf des Partylöwen eingetragen.

Die Schattenlage von Berlin war lange von Vorteil für Wowereit, hier konnte er sich ungestört entfalten, aber wenn er weiter will, braucht er Verbündete. Deshalb hat er sich jetzt mit Andrea Nahles zusammengetan, der Anführerin der Parteilinken in der SPD. Es war eine naheliegende Option, vielleicht sogar die einzige. Die Funktionäre um Steinmeier und Finanzminister Peer Steinbrück haben nie etwas für ihn übriggehabt, an ihrem Tisch ist kein Platz für den Mann aus Berlin. Als er vor zwei Jahren in den Parteivorstand einziehen wollte, wurden die Stellvertretersitze von fünf auf drei gekürzt; Wowereit glaubt, dass es darum ging, ihn dort rauszuhalten.

Er bleibt jetzt im Hintergrund. Er spielt keine Rolle auf Bundesebene, es gibt kein Thema, für das er zuständig wäre, nun trifft ihn auch keine Schuld, wenn es im Herbst schiefgehen sollte. Die Leute in der Führung hoffen, dass es zumindest für eine Fortsetzung der Großen Koalition reicht. Dann wären die Posten sicher, die sie sich erobert haben, sie sind zu alt, um auf eine zweite Gelegenheit warten zu können. Die Jüngeren setzen auf ein Ende der Koalition. Wenn die SPD von der Macht getrennt ist, schlägt ihre Stunde.

Die besten Chancen hat dann, wer eine Machtperspektive bietet, mit der die SPD zurück an die Regierung gelangen kann. Die Alternative zur Ampel, bei der die FDP die Seiten wechseln müsste, ist eine Koalition mit Linkspartei und Grünen, genau dafür steht Wowereit. Er hat in Berlin vorgemacht, dass man mit den Sozialisten regieren kann, nun muss er die Vorbehalte in der Partei überwinden. Diejenigen, die Wowereit verhindern wollen, verweisen darauf, dass er noch nicht besonders viel geleistet habe oder mit großen Ideen aufgefallen sei. Da ist etwas dran, selbst in Berlin wüssten im Augenblick wenige genau zu sagen, wofür er eigentlich steht. Aber das ist nicht der Punkt. Erstaunlich ist, wie viele sein Jungengesicht wiedererkennen, das immer etwas übernächtigt wirkt.

Wowereit funktioniert auch außerhalb der Politik, er braucht die Partei weniger als sie ihn, das ist sein Kapital. Bei einer Umfrage in der vergangenen Woche, wer Franz Müntefering als Parteichef nachfolgen sollte, führte er mit weitem Abstand vor den genannten Alternativen Umweltminister Sigmar Gabriel, Arbeitsminister Olaf Scholz und Parteivizin Nahles.

Sein größtes Problem ist die Langeweile. Es gibt derzeit keinen Grund, daran zu zweifeln, dass es 2011 für die Wiederwahl reicht, dafür sorgt schon die Schwäche der Berliner CDU, die über keinen ernsthaften Herausforderer verfügt. Aber jedes Mal wird es schwieriger, die eigenen Leute zur Wahl zu bewegen; in einer Legislaturperiode sammelt sich viel Ärger an.

Alle Wahlkämpfer brauchen die Aufregung der Auseinandersetzung, um auf Touren zu kommen, die Zeit der Stille ist für sie die größte Qual. Auch deshalb hat Wowereit die Volksabstimmungen über die Zukunft des Flughafens Tempelhof und den Religionsunterricht zu persönlichen Abstimmungen gemacht, aber das brachte nur vorübergehende Linderung.

Auch aus dem engeren Umfeld sagen sie ihm nach, er sei lustlos, nicht mehr richtig bei der Sache. Er stolpert durch Ausstellungen und Begrüßungstermine, er macht seine Witzchen, aber es gibt wenig, was ihn wirklich interessiert. Er darf sich jetzt nicht hängenlassen. Er muss so tun, als ob er sich für Berlin noch so begeistert wie am ersten Tag.

"Ich habe doch ein tolles Amt", sagt Wowereit und grinst sein Wolfsgrinsen. Die SPD-Spitze kann froh sein, wenn es ihn noch ein wenig in Berlin hält.

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insgesamt 310 Beiträge
brainforce 30.06.2009
Steinmeier ist ein hervorragender Kanzlerkandidat, dagegen ist Wowereit eine Provinzposse. Sein Führungsstil und sein Demokrtieverständnis lassen zu wünschen übrig, er hat auch sonst weder Stil noch irgendetwas, mit dem er punkten [...]
Steinmeier ist ein hervorragender Kanzlerkandidat, dagegen ist Wowereit eine Provinzposse. Sein Führungsstil und sein Demokrtieverständnis lassen zu wünschen übrig, er hat auch sonst weder Stil noch irgendetwas, mit dem er punkten könnte. Insofern passt er gut zu Merkel - aber nicht als Kanzlerkandidat!
e-ding 30.06.2009
Stimme zu aber wo genau war da jetzt der Unterschied zu Steinmeier?
Zitat von brainforce....dagegen ist Wowereit eine Provinzposse. Sein Führungsstil und sein Demokrtieverständnis lassen zu wünschen übrig, er hat auch sonst weder Stil noch irgendetwas, mit dem er punkten könnte. Insofern passt er gut zu Merkel - aber nicht als Kanzlerkandidat!
Stimme zu aber wo genau war da jetzt der Unterschied zu Steinmeier?
Fritz Katzfuß 30.06.2009
Aha, einen gegnre haben wir ausgemacht, Beck müsste auch einer sein, wo sind die Unterstützer?
Aha, einen gegnre haben wir ausgemacht, Beck müsste auch einer sein, wo sind die Unterstützer?
Berlinjoey 30.06.2009
Alles was den Nichtskönner aus Berlin treibt, ist mir recht. Ausserdem kann er gern die vermutlich größte Oppositionspartei leiten, oder was auch immer er machen will bei den Sozen. Hauptsache er kann Berlin nicht weiter vor [...]
Zitat von sysopMiese Umfragewerte, ein blasser Kanzlerkandidat: In der SPD hat das Nachdenken über die Zeit nach Frank-Walter Steinmeier begonnen. Ganz oben auf der Liste der Nachfolger steht Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit. Wer ist der beste Kanzlerkandidat der SPD?
Alles was den Nichtskönner aus Berlin treibt, ist mir recht. Ausserdem kann er gern die vermutlich größte Oppositionspartei leiten, oder was auch immer er machen will bei den Sozen. Hauptsache er kann Berlin nicht weiter vor die Wand fahren.
webfritz 30.06.2009
Es geht nicht um Wowereit oder gar Steinmeier - egal wer Kandidat der SPD ist oder wird - es geht darum Frau Nahles zu verhindern!
Es geht nicht um Wowereit oder gar Steinmeier - egal wer Kandidat der SPD ist oder wird - es geht darum Frau Nahles zu verhindern!
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