O'Leary, 48, leitet seit 15 Jahren die irische Billigfluglinie Ryanair und gilt als Pionier dieser neuen Reiseform in Europa. Anders als etablierte Konkurrenten steuert er mit seinen rund 200 Jets bevorzugt kleinere Flughäfen an und verlangt für zusätzliche Serviceleistungen hohe Aufschläge.

Ryanair-Chef Michael: "Wir wollen euer zweites und drittes Gepäckstück nicht, lasst es zu Hause"
O'Leary: Die Rezession war vorhersehbar. Wir hatten zu diesem Zeitpunkt bereits drei bis vier Jahre lang ein anhaltendes Wachstum im Airline-Geschäft. Danach kommt es in unserer zyklischen Branche regelmäßig zu einem Abschwung. Solche Phasen sind immer gut für Ryanair. Während Wettbewerber wie Lufthansa oder Air Berlin Strecken streichen, wachsen wir weiter und machen Gewinne.
SPIEGEL: Ist der Tiefpunkt schon erreicht?
O'Leary: Nein, das Schlimmste kommt erst noch. Die Rezession beschleunigt die längst überfällige Neuordnung der europäischen Luftfahrtbranche hin zu drei großen, hochpreisigen Netzwerkanbietern: Lufthansa, Air France/KLM und British Airways sowie einer Billigfluglinie: Ryanair. In drei bis vier Jahren sind das die großen europäischen Fluggesellschaften. Wir selbst werden aus eigener Stärke wachsen und spätestens im Jahr 2017 bis zu 150 Millionen Passagiere befördern. Die anderen werden weitere angeschlagene Wettbewerber einsammeln - und sich damit gewaltige Risiken aufladen.
SPIEGEL: Gleichzeitig dürften die Verluste schwindelerregende Höhen erreichen.
O'Leary: Nicht bei uns, wir wollen unseren operativen Gewinn in diesem Jahr sogar verdoppeln. Von einer Rezession profitiert immer der kostengünstige Anbieter, das gilt für Ryanair in der Luftfahrt genauso wie für Ikea, Lidl oder Aldi im Handel. Deshalb wollen wir bis zum Jahresende bei Boeing oder Airbus bis zu 300 neue Flugzeuge bestellen oder fest optionieren. Wir kaufen gern auf dem Tiefpunkt des Abschwungs. Da sind die Preise nämlich besonders niedrig.
SPIEGEL: Neben Jets sind im Moment auch komplette Airlines günstig zu haben. Sie selbst erwähnten kürzlich, dass Sie sich vorstellen könnten, die Lufthansa zu übernehmen. War das ein Scherz?
O'Leary: Keineswegs. Immerhin sind wir an den Passagierzahlen und gemessen am Börsenwert zurzeit die größte europäische Airline. Ich wurde gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, einen der bekannten Premiumanbieter zu kaufen, und ich sagte: Der einzige wäre Lufthansa. British Airways oder Air France würde ich nicht mal geschenkt nehmen. Die Lufthansa ist wenigstens gut geführt, auch wenn sie nicht besonders profitabel ist. Wir haben im Moment 2,3 Milliarden Euro auf der hohen Kante, ich müsste dafür nicht einmal einen Kredit aufnehmen.
SPIEGEL: Ein klassischer Netzwerkcarrier mit Umsteigeflughäfen würde ohnehin nicht zu Ihrem Geschäftsmodell mit Punkt-zu-Punkt-Verkehr passen ...
O'Leary: ... die Frage ist doch, ob Ryanair die Lufthansa besser führen könnte als das vorhandene Management, und das könnten wir mit Leichtigkeit.
SPIEGEL: Sie geißeln gern die angeblich überhöhten Ticketpreise der Lufthansa. Doch auch bei Ryanair kann ein Trip ganz schön ins Geld gehen - zum Beispiel wenn man mit der Kreditkarte zahlt, mehrere Gepäckstücke aufgibt oder an Bord etwas essen und trinken will. So billig, wie Sie vorgeben, sind Sie in Wirklichkeit gar nicht.
O'Leary: Unsinn. Was verstehen Sie unter billig oder teuer?
SPIEGEL: Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Wenn man bei Ryanair drei Koffer am Flughafen einchecken will, muss man pro Strecke bis zu 60 Euro zahlen, 10 oder 20 Euro für den ersten, weitere 20 für den zweiten ...
O'Leary: ... und der dritte müsste eigentlich 1.000 Euro kosten.
SPIEGEL: Wie bitte? Mehr als das 20fache des Ticketpreises?
O'Leary: Sicher, der Grund ist ganz einfach: Wir wollen euer zweites und drittes Gepäckstück nicht. Lasst es zu Hause. Schließlich ist die Mehrheit der Ryanair- Passagiere nur zwei bis drei Tage unterwegs. Unser Durchschnittspreis betrug im vergangenen Jahr gerade mal 40 Euro, bei der Lufthansa waren es auf vergleichbaren Routen 200 Euro. Wir lassen dem Passagier die Wahlmöglichkeit: Wenn er Extras haben will, soll er sie separat bezahlen. Das ist wie beim Autokauf. Am liebsten sind uns Passagiere, die nur mit Handgepäck reisen. Dazu wollen wir unsere Kunden erziehen.
SPIEGEL: Es kann doch nicht Aufgabe einer Airline sein, die Kunden umzuerziehen.
O'Leary: Doch, beim Gepäck ist uns das schon gelungen. Als wir die Zusatzgebühren vor zwei Jahren einführten, gaben noch 80 Prozent der Kunden Koffer und Taschen auf. Heute sind es nur noch 25 Prozent. Die Passagiere werden von den Traditionscarriern doch seit 1945 bewusst irregeführt. Fliegen, so wird ihnen suggeriert, sei eine geradezu mystische Erfahrung - mit Gratis-Champagner ab sechs Uhr früh am Morgen und wunderbaren Menüs, die schon 16-mal aufgewärmt wurden. Die Leute wollen pünktlich, billig und sicher von A nach B kommen. Darum geht es.
SPIEGEL: Manche Passagiere genießen es, schon an Bord ein bisschen Luxus zu erleben.
O'Leary: Das macht doch allenfalls auf längeren Flügen Sinn. Auf Kurzstrecken wird es bei der Lufthansa und anderen europäischen Traditionscarriern in fünf Jahren keine Business-Class mehr geben. Die Leute wollen diesen ganzen Schnickschnack nicht mehr und für ein Frühstück an Bord 600 Euro zahlen. Das haben die hohen Herren Doktoren und Ingenieure bei der Lufthansa nur noch nicht realisiert. Wenn wir die wirklich kaufen sollten, schaffen wir in den Kurzstrecken-Jets als Erstes die Business-Class ab und senken die Tarife auf 50 Euro pro Strecke.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wirtschaft | Twitter | RSS |
© DER SPIEGEL 27/2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH