Von Detlef Hacke
Lance Armstrong kommt zu spät, aber das ist egal. Er kommt fast immer zu spät, wenn er wie alle anderen Rennfahrer seinen Namen vor einer Etappe in die Starterliste eintragen soll, er zelebriert seine Unpünktlichkeit wie der Sänger einer Band, der erst die Bühne betritt, wenn die anderen schon längst bereit sind.
Auf dem Rathausplatz von Avellino laufen drei Männer vor Armstrongs Rennrad her, sie bahnen ihm eine Schneise durch das Gewühl aus Menschen und Autos. Der Giro d'Italia neigt sich dem Ende zu, die Sonne brennt, heute ist der Vesuv das Ziel. Armstrong trägt Bartstoppeln und langes Haar unter dem Helm. Irgendwann kommt er am Podium an, stellt sein Rad ab, stakst das Treppchen zum Pult hoch und sucht die einzig freie Stelle auf der Meldeliste. Die hinter seinem Namen.
Strenggenommen könnte man ihn wegen Zeitüberschreitung disqualifizieren. Aber welcher Direktor erschießt schon sein bestes Zirkuspferd?
So oder ähnlich lief das jeden Tag, ob in Venedig, in Padua, Innsbruck, Mailand oder Neapel. Die Veranstalter des Giro hatten sich Armstrongs Teilnahme zum 100. Geburtstag der Rundfahrt geschenkt und dafür eine Millionengage gezahlt. Ein Geschäft zu gegenseitigem Nutzen. Armstrong lenkte die Aufmerksamkeit auf ein Rennen, das bislang darunter gelitten hatte, dass er es ignorierte. Nun trainierte er hochbezahlt für die Tour de France, die er siebenmal gewonnen hat und die das einzige Rennen bleibt, das ihn ernsthaft interessiert. Auch diesmal, bei seiner Rückkehr nach mehr als drei Jahren Pause.
Vor allem aber nutzte Armstrong die Gelegenheit, Armstrong zu spielen. Den charmanten, gutherzigen Lance, den Vorkämpfer gegen das Weltleiden Krebs. Amerikas Allgemeinheit gilt er als Überlebender einer oft tödlichen Krankheit, einer, der es geschafft hat, dieses Rennen in Frankreich zu gewinnen. Sie mögen nicht viel über die Tour wissen, aber sie haben gehört, es sei das härteste Rennen der Welt. In Europa gilt er eher als jemand, der eine skandalöse Sportart dominiert hat und in dessen Urinproben Spuren des Blutdopingmittels Epo gefunden wurden.
Armstrong widmet sein Comeback seiner Krebsstiftung, die ihren Kampf weltweit aufnimmt. So sagt er es. Aber ebenso versucht er, die Zweifel und Zweifler beiseitezuräumen. Es läuft das Projekt Mr. Nice Guy. Noch vor dem Start des Giro empfängt ihn Italiens Außenminister, sie geben eine Pressekonferenz. Vor Kameras trifft Armstrong Hinterbliebene eines tödlich verunglückten Teamgefährten, und Nachbarn aus den Jahren, als er am Comer See wohnte, tauchen auf und bezeugen, wie nett Armstrong stets gegrüßt habe.
Kann so jemand ein Betrüger sein?
Es gibt aber auch Wegbegleiter Armstrongs, die sich abarbeiten am Bild des Supermanns. Es sind Betreuer, Freunde, Konkurrenten, die seine andere Seite kennengelernt haben. Manche haben geschildert, dass er Doping zugegeben habe, manche haben laut an ihm gezweifelt; sie fühlen sich eingeschüchtert und verleumdet. Man kann sie besuchen auf der Reise in die Vergangenheit des Lance Armstrong.
© DER SPIEGEL 27/2009
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