ThemaTour de France 2009RSS

Alle Artikel und Hintergründe

AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 27/2009
  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
29.06.2009
 

Radrennen

Projekt Mr. Nice Guy

Von Detlef Hacke

Mit dem Comeback bei der Tour de France will Lance Armstrong zum Supermann des Weltsports aufsteigen - als Vorkämpfer gegen den Krebs und als Athlet, der sogar den Schatten seiner Vergangenheit davonfährt.

Lance Armstrong kommt zu spät, aber das ist egal. Er kommt fast immer zu spät, wenn er wie alle anderen Rennfahrer seinen Namen vor einer Etappe in die Starterliste eintragen soll, er zelebriert seine Unpünktlichkeit wie der Sänger einer Band, der erst die Bühne betritt, wenn die anderen schon längst bereit sind.

Auf dem Rathausplatz von Avellino laufen drei Männer vor Armstrongs Rennrad her, sie bahnen ihm eine Schneise durch das Gewühl aus Menschen und Autos. Der Giro d'Italia neigt sich dem Ende zu, die Sonne brennt, heute ist der Vesuv das Ziel. Armstrong trägt Bartstoppeln und langes Haar unter dem Helm. Irgendwann kommt er am Podium an, stellt sein Rad ab, stakst das Treppchen zum Pult hoch und sucht die einzig freie Stelle auf der Meldeliste. Die hinter seinem Namen.

Strenggenommen könnte man ihn wegen Zeitüberschreitung disqualifizieren. Aber welcher Direktor erschießt schon sein bestes Zirkuspferd?

Als Nächstes bekommt Armstrong einen Ehrenteller samt Schatulle überreicht. Er reagiert darauf mit der gleichen Aufmerksamkeit wie auf den Jungen im Rollstuhl, der ihm vorgestellt wird und dem er Mut zuspricht. Armstrong posiert für Fotografen, sein Lächeln, das diabolisch sein kann, wirkt entspannt - sogar als sich die Bodyguards wieder den Dränglern entgegenwerfen und Armstrong auf dem Weg zum Start nur in Trippelschritten vorankommt.

So oder ähnlich lief das jeden Tag, ob in Venedig, in Padua, Innsbruck, Mailand oder Neapel. Die Veranstalter des Giro hatten sich Armstrongs Teilnahme zum 100. Geburtstag der Rundfahrt geschenkt und dafür eine Millionengage gezahlt. Ein Geschäft zu gegenseitigem Nutzen. Armstrong lenkte die Aufmerksamkeit auf ein Rennen, das bislang darunter gelitten hatte, dass er es ignorierte. Nun trainierte er hochbezahlt für die Tour de France, die er siebenmal gewonnen hat und die das einzige Rennen bleibt, das ihn ernsthaft interessiert. Auch diesmal, bei seiner Rückkehr nach mehr als drei Jahren Pause.

Vor allem aber nutzte Armstrong die Gelegenheit, Armstrong zu spielen. Den charmanten, gutherzigen Lance, den Vorkämpfer gegen das Weltleiden Krebs. Amerikas Allgemeinheit gilt er als Überlebender einer oft tödlichen Krankheit, einer, der es geschafft hat, dieses Rennen in Frankreich zu gewinnen. Sie mögen nicht viel über die Tour wissen, aber sie haben gehört, es sei das härteste Rennen der Welt. In Europa gilt er eher als jemand, der eine skandalöse Sportart dominiert hat und in dessen Urinproben Spuren des Blutdopingmittels Epo gefunden wurden.

Armstrong widmet sein Comeback seiner Krebsstiftung, die ihren Kampf weltweit aufnimmt. So sagt er es. Aber ebenso versucht er, die Zweifel und Zweifler beiseitezuräumen. Es läuft das Projekt Mr. Nice Guy. Noch vor dem Start des Giro empfängt ihn Italiens Außenminister, sie geben eine Pressekonferenz. Vor Kameras trifft Armstrong Hinterbliebene eines tödlich verunglückten Teamgefährten, und Nachbarn aus den Jahren, als er am Comer See wohnte, tauchen auf und bezeugen, wie nett Armstrong stets gegrüßt habe.

Kann so jemand ein Betrüger sein?

Es gibt aber auch Wegbegleiter Armstrongs, die sich abarbeiten am Bild des Supermanns. Es sind Betreuer, Freunde, Konkurrenten, die seine andere Seite kennengelernt haben. Manche haben geschildert, dass er Doping zugegeben habe, manche haben laut an ihm gezweifelt; sie fühlen sich eingeschüchtert und verleumdet. Man kann sie besuchen auf der Reise in die Vergangenheit des Lance Armstrong.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 494 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
29.07.2009 von Pinarello:

Ein Mittelchen ist sogar schon seit vielen Jahren in Gebrauch und fördert die Regenerationsfähigkeit von Ausdauersportler, heißt mit Namen "Geref" und ist lt. Bernhard Kohl bereits seit vielen Jahren im Profiradsport [...] mehr...

29.07.2009 von Pinarello:

Tja, alte Telekom und Erik Zabel Schule, schließlich ist Rolf Aldag sportlicher Leiter bei Columbia, der weiß wie man einen Topsprinter richtig zum Sieg bringt, hat er ja selber viele viele Jahre gemacht. mehr...

29.07.2009 von sifro: TdF

Ich dachte, es geht hier um die Tour 2009 und nicht um irgendwelche "nichtgedopten" Schwimmer. mehr...

29.07.2009 von CaptainSubtext:

jaja. Wer hätte gedacht, dass die "Neger von der Insel" auf einmal und plötzlich in Peking Weltrekorde laufen können, wo doch der 100m-Weltrekord seit 2005 von einem Jamaikaner gehalten wird und sie schon in den 70ern [...] mehr...

29.07.2009 von Voll Mann:

Bevor wir hier alle in der Affäre "Mülleimer untergehen" Der Sprint beim Zieleinlauf in Paris war ja wohl der Hammer. Wie Columbia den Sprint angeführt hat und in den letzten beiden Kurven Hushovd kalt gestellt haben [...] mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Sport
alles zum Thema Tour de France 2009

© DER SPIEGEL 27/2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP