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Ausgabe 28/2009
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06.07.2009
 

Kino

Pionier des Humors

Von Lars-Olav Beier und Martin Wolf

Der Brite Sacha Baron Cohen bricht mit den letzten Tabus der Komödie. Nun läuft sein neuer Film "Brüno" über einen schwulen Modejournalisten an.

So beliebt wie jetzt war Michael Jackson seit 25 Jahren nicht mehr. Zu Lebzeiten wurde der Popstar gern überall verhöhnt, ob in der Zeichentrickserie "South Park" oder in der Science-Fiction-Komödie "Men in Black II" - als sehr kinderlieber Außerirdischer, dem manchmal die Nase abfällt.

Auch Sacha Baron Cohen, der britische Guerilla-Humorist, machte einen der besseren Gags in seinem neuen Film "Brüno" auf Kosten von Jackson: Unter einem Vorwand hatte er dessen Schwester LaToya zu einem Interview gelockt. Am Ende des Gesprächs greift sich Cohen ihr Handy, sucht darin nach der Telefonnummer von Michael und beginnt sie laut vorzulesen.

Nur: Die Zuschauer des Films werden dies nicht zu sehen bekommen. Cohen hat die Szene nach dem Tod des Popstars herausgeschnitten - und gleichzeitig dafür gesorgt, dass die Welt (auf dem Umweg über das englische Boulevardblatt "The Sun") davon erfährt. Die pseudopietätvolle Selbstzensur belegt zweierlei: Cohen ist ein Genie der Selbstvermarktung. Und dieses PR-Talent überstrahlt mittlerweile gewaltig die Kunst des Komikers Cohen.

Cohen, 37, ist eine Art Günter Wallraff von Hollywood: In immer neuen Verkleidungen geht er dahin, wo es übel riecht. Als Borat, angeblich ein Reporter aus Kasachstan, entlockte er im Jahr 2006 ganz normalen Amerikanern hanebüchene Statements über Juden und Roma und Sinti. Welche Pistole am besten geeignet sei, einen Juden abzuwehren, fragte Cohen - selbst Jude - einen Waffenhändler. "Neun Millimeter oder eine 45er", antwortete der Mann.

Auch der kasachische Staatschef Nursultan Nasarbajew wurde damals unfreiwillig Teil der Inszenierung. Seine Regierung machte den Fehler, sich über den Komiker zu beschweren, der in "Borat" behauptet hatte, in dem Land seien Inzucht, Vergewaltigung und Judenhetze beliebte Freizeitbeschäftigungen. Cohen sei "ein Schwein von einem Mann", klagte der kasachische Botschafter in London. Der Schauspieler konterte mit dem Satz, auch er sei dafür, "diesen Juden" zu verklagen.

Mit "Borat", dem Film, der über 260 Millionen Dollar einspielte, schuf Cohen ein eigenes Genre: die Dokumödie, die sich zwischen aberwitziger Fiktion und bitterer Realität bewegt. Noch immer sind Prozesse wegen des Films anhängig. Für "Brüno" ist das die beste Empfehlung und höchste Bürde. Cohen, der bei "Borat" mit vielen Tabus brach und die Grenzen der Komödie beträchtlich erweiterte, wirkt wie ein Pionier in der Zeit des Wilden Westens, der an der Küste des Pazifiks steht und sich fragt, was er noch erobern kann.

Nun soll ausgerechnet der weibische Brüno als schwuler Österreicher in Borats übergroße Fußstapfen treten: ein Modejournalist, der um jeden Preis prominent werden will, nämlich "der berühmteste Österreicher seit Adolf Hitler", und deshalb durch die USA reist - Anlass für viele Scherze in knappen Kostümen, manchmal auch ohne. So schleicht sich Cohen als Brüno bei einer Swingerparty ein oder lässt in Gegenwart des republikanischen Politikers Ron Paul die Hosen fallen.

Viele Millionen Fernsehzuschauer machten vor rund einem Monat mit Brüno Bekanntschaft, als er während der Verleihung der MTV Movie Awards in Los Angeles mit Engelsflügeln von der Decke segelte und mit dem Gesäß fast im Gesicht des Rappers Eminem landete, der für seine homophoben Anwandlungen bekannt ist - und scheinbar empört aus dem Saal stürmte.

Tage später kam heraus, dass Eminem eingeweiht und der vermeintliche Skandal inszeniert war. Diese - offenbar ungeplante - Enthüllung über den Mann, der anderen Menschen die Maske vom Gesicht reißt, gibt nun vielen Rezensenten seines neuen Films zu denken: Man müsse davon ausgehen, schreibt etwa Todd McCarthy in Hollywoods wichtigstem Branchenblatt "Variety", dass viele Szenen in "Brüno" mit Schauspielern gestellt worden seien.

Doch unabhängig vom Anteil der fiktiven Szenen - es überrascht, wie sehr sich Cohen abstrampeln muss, um den Amerikanern schwulenfeindliche Äußerungen zu entlocken. Als er mit drei Jägern nachts im Wald auf Jagd geht, um traditionelle Männlichkeit zu erlernen, reagieren die Machos mit Langmut auf seine Provokationen.

Tatsächlich ist die Kunstfigur Brüno, die Cohen wie den Vorgänger Borat in seiner TV-Sendung "Da Ali G Show" entwickelte, als Instrument der satirischen Gesellschaftsanalyse nur bedingt geeignet. Borat wirkte auf viele Amerikaner wie ein kasachischer Höhlenmensch, dem sie nun endlich zeigen konnten, wie fortgeschritten die Vereinigten Staaten sind - und dabei unbewusst preisgaben, wie zurückgeblieben und vorurteilsbeladen sie selbst sind.

Gerade die völlige Fremdheit machte Borat zur Vertrauensperson. Gegenüber einem so offenkundig primitiven Mann aus einem Land, das sie kaum kannten, öffneten sich die Befragten und gaben freimütig zu, dass sie sich die Sklaverei zurückwünschen. Brüno dagegen ist in den Augen seiner Opfer keine vorzivilisatorische, sondern wohl eher eine postzivilisatorische Figur: ein dekadenter Schwuler. Dementsprechend vorsichtig verhalten sie sich.

Und weil sich Cohen in "Brüno", der wie "Borat" von Regisseur Larry Charles inszeniert wurde, so schwertut, mit seinen Scherzen ins finstere Herz Amerikas vorzudringen, verlagert er die Stoßrichtung in tiefer gelegene Körperregionen. In einer rüden Montagesequenz rafft er die bizarren Sexualpraktiken zusammen, mit denen sich Brüno von einem asiatischen Lustknaben befriedigen lässt; minutenlang spielt er später aus, wie sich der Held der Vorstellung hingibt, ein Mitglied der Pop-Band Milli Vanilli oral zu befriedigen.

Das ist oft pubertär und manchmal schreiend komisch. Doch wenn Brüno für eine TV-Sendung Kleinkinder castet und von den Eltern die Einwilligung erhält, ihren Nachwuchs in Nazi-Uniformen zu stecken, stockt den Zuschauern nicht - wie so oft in "Borat" - der Atem. Vielmehr bleibt das schale Gefühl einer Szene, die womöglich nicht vom wirklichen Leben, sondern von cleveren Autoren geschrieben wurde.

Ob das tatsächlich so war, lässt sich nicht klären; Cohen verweigert Auskünfte über den Realitätsgehalt seines Films. Als er Ende Juni zu einem Werbetermin vor dem Brandenburger Tor erschien, trug er einen rosafarbenen Ganzkörperanzug und reckte den Journalisten und Fans einen Penis aus Wolle entgegen. Es war vermutlich der lächerlichste Aufzug, in dem je ein Mann gesehen wurde - und doch die sicherste Rüstung, die Cohen finden konnte.

Denn sie erlaubte ihm, sich ganz und gar hinter der Figur, die er spielt, zu verstecken. Der Komiker tänzelte genauso geziert vor dem Brandenburger Tor wie Brüno im Film, er sprach im gleichen Akzent wie sein Held. Auch Interviews gab er nur im Kostüm, wenn überhaupt. Cohen, dem es wie keinem Komiker vor ihm gelingt, Menschen vor versteckter Kamera zu entlarven, hat offenbar enorme Angst, aus der Rolle zu fallen.

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insgesamt 28 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
15.07.2009 von Herzkasper: NUr im Original sehenswert!

Lag wohl auch an der Synchro. Dadurch gingen schon bei Borat viele Pointen verloren. Ich warte auf die Originalfassung / DVD oder mache einen Abstecher nach London. mehr...

12.07.2009 von juliechristie: .

Ich habe den Film gestern gesehen und er war eine pure Enttäuschung. Außer ein paar wirklich zum Brüllen komischen Szenen (und einem Typen, der in der letzten Reihe so laut gelacht hat, dass es fast schon lustiger war als die paar [...] mehr...

08.07.2009 von Demokrator2007: Geht doch...

Da soll noch mal jemand sagen wir Deutschen hätte keinen Humor, blöde nur wenn wir´s selber nicht merken. Ciao DerDemokrator mehr...

08.07.2009 von CaptainSubtext:

Er nun wieder. War ja klar. Zur Ehrenrettung meiner kontinentaleuropäischen Landsmänner möchte ich anmerken, das DIE Galionsfigur der Metrosexuellen von der Insel ist und sogar in den VSA ein Star ist. Leider, leider ist er [...] mehr...

08.07.2009 von Sideshow-Bob: !

Schon mal einen Gedanken daran verschwendet, dass es vielleicht die Figur Bruno gewesen sein könnte, die da vor dem Brandenburger Tor "tänzelte" und nicht der "Komiker" Sasha B. Cohen? Das wird sogar im [...] mehr...

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