AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 28/2009

Verkehr: Weil bei Autobahnbaustellen gespart wird, steigt die Gefahr tödlicher Unfälle

Von Guido Kleinhubbert

2. Teil: Staus und Straßengewirr

Dass es in Wahrheit um vergleichsweise kleine Summen geht, belegt der Fall des Autobahndreiecks Nuthetal vor den Toren Berlins, wo täglich fast 80.000 Fahrzeuge von den Autobahnen A 10 und A 115 zusammenfließen. Weil das Straßengewirr dringend erweiterungsbedürftig war, wurde der Verkehr im Herbst 2006 auf schmale Spuren gezwängt. Monatelang gab es jeden Tag Unfälle und Staus. Bis es Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee, der das Dreieck von Dienstfahrten gut kennt, leid war: Zur Beschleunigung der Arbeiten schoss er außerplanmäßig Geld zu. Der Ausbau ist jetzt zwar nicht mehr für 33 Millionen Euro zu haben, sondern für 35 Millionen. Doch wird das Dreieck nun schon in dieser Woche eingeweiht, ein Jahr früher als geplant.

Das Geld scheint gut angelegt, denn neben dem verminderten Unfallrisiko stellen sich auch ökonomisch positive Effekte ein. Staus, so hat der Duisburger Wissenschaftler Michael Schreckenberg ausgerechnet, führten zu unnützem Spritverbrauch und zusätzlichen Personalkosten für Berufskraftfahrer im Wert von "etwa zehn Milliarden Euro". Diesen Mehraufwand schlügen die Unternehmen auf die Güter- und Verbrauchspreise um: "So kommt schlechtes Baustellenmanagement in den Portemonnaies der Bürger an."

Schreckenberg hat sich wie kein anderer deutscher Wissenschaftler mit dem Phänomen Stau beschäftigt. Von seinem Büro in der Duisburger Uni ist es nur ein kurzer Fußmarsch durch einen Park - dann steht er auf einer Brücke über der A 3. Beim Blick hinunter auf die Autos, die sich hier durchs Ruhrgebiet quälen, hat er unter anderem eines gelernt: Noch staufördernder als Dauerbaustellen sind die kurzen Nadelstiche der Autobahnmeistereien. Deren Tagesbaustellen, etwa zum Aufräumen des Seitenstreifens, produzieren doppelt so viele Staus und dreimal so viele Unfälle.

Planspiele mit Spielzeugfiguren

Hans-Erich Kuchenbecker weiß das nur zu gut, er ist ein Mann der Praxis. Auf seinem Schreibtisch stellt der 62-Jährige mit drei Playmobil-Arbeitern in Warnwesten eine Baustelle nach. Der Ingenieur ist Chef der Autobahnmeisterei Dortmund und damit zuständig für die meistbelastete Fernstraße Deutschlands, die A 40. Es gibt hier alle 2.000 Meter eine Ausfahrt, es gibt etliche Einkaufszentren und den Fußballtempel der Borussia. Egal an welchem Wochentag: Wenn Kuchenbeckers Leute tagsüber ausschwärmen, bremst er das halbe Ruhrgebiet aus.

Kuchenbecker hat in den vergangenen Monaten deshalb mit Segen des Landes Nordrhein-Westfalen fast 40 Prozent der Arbeiten in die Nachtstunden verlegt. "Es war ein Quantensprung für den Verkehrsfluss", sagt Kuchenbecker. Deutschlandweit ist er damit aber ein Exot, denn die meisten anderen Bundesländer weigern sich beharrlich, ihren Autobahnmeistereien Zuschläge für Nachtarbeit zu zahlen. Sie lassen die Männer in Orange lieber genau dann das Autobahn-Begleitgrün im Mittelstreifen mähen, wenn der Verkehr am dicksten ist - und das, obwohl die Wartung bei Dunkelheit sowohl für sie als auch für die Autofahrer deutlich sicherer ist: Proportional betrachtet knallt es tagsüber fast doppelt so oft, wenn entlang der Bahn gearbeitet werden muss.

Sogar die Bauunternehmer wünschten sich, ihr Personal öfter über Nacht auf die Autobahn schicken zu können. "Der starke Verkehr tagsüber ist doch auch für uns eine Zumutung", sagt Jörg Eschenbach, Chef der Kirchhoff AG, einer Tochterfirma des Bauriesen Strabag. Wenn er den Auftraggebern aber entsprechende Angebote mache, blitze er regelmäßig ab. "Da gibt es kaum Bereitschaft", sagt Eschenbach.

Der Unternehmer musste daher einen anderen Weg gehen, um seine Leute möglichst schnell wieder von den Baustellen abziehen zu können. Der führte ihn zu einem Gebäude mit Stahlfassade in Bietigheim-Bissingen bei Stuttgart, günstig an der A 81 gelegen. Dort residiert die Porsche Consulting, eine Unternehmensberatung und Tochter des Sportwagenherstellers. Die Menschen in dem Gebäude beschäftigen sich auch mit Geschwindigkeit, allerdings mit der von Arbeitsprozessen.

Verschwendete Zeit

Eschenbach berichtete von einer Baustelle auf der A 8 bei Wurmberg, die trotz hohen Personal- und Materialeinsatzes nicht recht vorankomme. Jörg Kaiser, Prozessmanager bei Porsche Consulting, tauschte seinen Anzug gegen Jeans und Gummistiefel und beobachtete zwei Wochen lang das Treiben an der A 8. Dann war ihm klar, dass der sogenannte Asphalt-Fertiger, der auf vier Kilometern eine lädierte Fahrbahn sanieren sollte, fast immer unter seinen Möglichkeiten arbeiten musste - unter anderem weil sich die Lkw-Fahrer an der 15 Kilometer entfernten Asphalt-Mischanlage gern verquatschten und dann geschlossen zur Baustelle fuhren.

So gab es dort entweder Materialmangel oder aber Rangierchaos. "Da wurde ohne Ende Zeit verschwendet", erinnert sich Kaiser. Das Problem war den meisten Straßenbauern bewusst. Doch der Auftraggeber, das Land Baden-Württemberg, hatte eine so lange Frist für die Abwicklung der Baustelle eingeräumt, dass es niemanden weiter störte.

Ingenieur Kaiser beendete die Bummelei, indem er Streckenposten darüber wachen ließ, dass die Lkw nur in einem festen Takt Zufahrt zur Baustelle erhielten. Das Resultat: Der Fertiger verarbeitete fortan pro Stunde statt 180 Tonnen Asphalt über 300. Inzwischen ist sich Kaiser sicher, dass sich die Bauzeiten auf vielen Autobahnen allein durch Prozessoptimierungen um ein Drittel verringern ließen.

Eine Erkenntnis, die sich bis ins Bundesverkehrsministerium herumgesprochen hat. Minister Tiefensee hat die Länder daher aufgefordert, ein "Bonus-Malus-System" in die Ausschreibungen aufzunehmen. "Wer früher fertig wird, bekommt einen Zuschlag, wer schlampt und später fertig wird, wird bestraft", empfiehlt Tiefensee.

In Nordrhein-Westfalen, immerhin, ist diese Idee probeweise schon mal umgesetzt worden. Mit Erfolg: In dem Bundesland mit dem meisten Autobahnverkehr genügten sechs Millionen Euro, um auf 26 Dauerbaustellen zusammengerechnet fast sechs Jahre Bauzeit einzusparen. Weil es für jeden Tag früherer Fertigstellung 15.000 Euro gab, entwickelten einige Bauunternehmen offenbar ungeahnte Effizienz. Der Umbau des Kamener Kreuzes, jenes neuralgischen Verkehrsknotenpunkts, an dem A 1 und A 2 zusammenfließen, kann deshalb bereits Ende Juli abgeschlossen werden - drei Monate vor der veranschlagten Zeit.

Nur eines konnte auch das Bonussystem nicht verhindern. Das neue Kamener Kreuz wurde Anfang der neunziger Jahre geplant - und basiert daher auf einer Verkehrsprognose, die sich längst erledigt hat. Statt der 150.000 Autos, die für 2009 erwartet wurden, werden diesen Abschnitt künftig wohl fast 200.000 täglich befahren. Bevor eines der wichtigsten Autobahnkreuze der Republik freigegeben wird, ist es mithin schon wieder reif für den Ausbau.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Auto

© DER SPIEGEL 28/2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


  • Datum: Montag 06.07.2009 | 00:00 Uhr
  • Artikel drucken
  • Artikel versenden
  • Feedback
TOP



TOP