Von Jörg Kramer
Einmal hat die Föderation des Präsidenten Pöge etwas Schwerwiegendes aufgedeckt. Italien hätte 1934 im eigenen Land gar nicht Weltmeister werden dürfen. Bei weltweiten Recherchen fand Doktor Pöges IFFHS heraus, dass die Italiener in einem Qualifikationsspiel gegen Griechenland drei nicht spielberechtigte Akteure eingesetzt hatten, außerdem sei ein Spieler zur Halbzeit ausgewechselt worden, obwohl das nicht erlaubt war. Davon berichtete dann sogar die Deutsche Presse-Agentur.
25 Länder haben sich schon neben WM-Gastgeber Südafrika qualifiziert.
ASIEN (4)
- Australien
- Japan
- Nordkorea
- Südkorea
EUROPA (9)
- Deutschland
- Niederlande
- England
- Spanien
- Dänemark
- Serbien
- Italien
- Schweiz
- Slowakei
SÜDAMERIKA (4)
- Brasilien
- Paraguay
- Chile
- Argentinien
AFRIKA (5)
- Südafrika
- Ghana
- Elfenbeinküste
- Nigeria
- Kamerun
AMERIKA (3)
- Mexiko
- USA
- Honduras
Ozeanien (1)
- Neuseeland
Misstrauen ist Alfredo Pöge gewohnt. In Leipzig war er schon mit 28 Jahren Abteilungsleiter für klinische Chemie und Labordiagnostik an der Universitätsklinik. Der Familie, Ehefrau Uschi und den beiden Jungen, ging es gut, sie hatten einen modernen Swimmingpool. Alles änderte sich, als im Mai 1984 der Mann von der Staatssicherheit kam, so erzählt er es. Knapp zwei Monate vorher hatte er mit ausländischen Kollegen - in gar keiner subversiven Absicht - die IFFHS gegründet, die Fußballstatistikföderation.
Als Waisenkind, er war viel allein, hat Alfredo Pöge immer Sportzeitungen aus aller Welt gesammelt und Mannschaftsaufstellungen auswendig gelernt - eigentlich das, was er heute noch tut. Was sollte an dieser Leidenschaft staatsfeindlich sein? Doktor Pöge glaubt, dass der Stasi die Weltföderation IFFHS suspekt war. Nach ersten Repressalien - es gab Vorladungen, die Post wurde unterschlagen - musste er zum Leipziger Stasi-Chef.
Der diktierte ein Urteil. Er sollte zusichern, die IFFHS aufzulösen, weltweit. Er sollte alle Manuskripte abliefern, seine Tätigkeit sei illegal. Der Staat wollte ihm Schizophrenie attestieren. Doktor Pöge weigerte sich. Er war jetzt ein Widerstandskämpfer zum Wohle der Fußballgeschichte und -statistik.
Er wandte sich über einen Bekannten an den Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker. Aber der muss dann etwas falsch verstanden haben. Er hat den Doktor Pöge einfach zur Persona non grata erklärt. Da, sagt Alfredo Pöge mit seiner heiseren Stimme, sei er das erste Mal zu einem Menschen geworden, der nicht existierte.
Man habe ihn loswerden wollen. Bald kam der Sonderbeauftragte der Stasi zu ihm in die Klinik. Die Meinungsverschiedenheiten, sagte der, sollten kurzfristig durch eine Umsiedlung seiner Familie beigelegt werden, und zwar diskret. Ohne Presse, Funk und Fernsehen.
Doktor Pöge nahm natürlich 14 Koffer Statistikmaterial der IFFHS mit in den Zug über Magdeburg in den Westen. Die Familie Pöge kam erst nach Düsseldorf, später auf eigenen Wunsch nach Wiesbaden. Doktor Pöge kannte dort Helmut Schön. Der frühere Fußballbundestrainer, er ist inzwischen tot, hat für Pöges Sohn einen Platz auf dem Gymnasium organisiert.
Doktor Pöge war jetzt anerkannt, und es gab bald Sponsoren. Der Ausrüster Uhlsport bezuschusste die Welttorhüter-Wahl, Adidas die Wahl und Ehrung des Weltfußballers, bis der Weltverband Fifa 1991 dieses Segment übernahm. Die Fifa kooperierte bei Buchprojekten, eine hessische Hotelkette übernahm die Reisekosten der Stars für die Ehrungen im Rahmen der Weltgala. Die Fußballszene braucht Helden und Inszenierungen.
Doch die fetten Jahre sind vorbei. Die Sponsoren sind weg, die Hotelkette ist insolvent. Im vorigen Jahr gab es keine Gala, weil niemand mehr die Reisekosten übernimmt. Für neue Veröffentlichungen fehlt Geld. Die Fußballszene traut der IFFHS des Doktor Pöge nicht mehr so recht.
Inzwischen ist der IFFHS-Präsident, wegen einer Mieterhöhung in Wiesbaden, nach Bonn umgezogen. Sein Schreibtisch, das Hauptquartier der Weltföderation also, steht in der Erdgeschosswohnung in einem Mehrfamilienhaus im Stadtteil Hardtberg.
Zur Katastrophe führte dann schließlich der juristische Streit um eine Rechnung über 3485,22 Euro Versandkosten, die eine Kasseler Druckerei verlangte. Der IFFHS-Präsident zahlte zwar, doch danach ging es um die Kosten des Rechtsstreits und vor allem darum, ob Doktor Alfredo Pöge selbst haftet. Er hatte der Druckerei den Auftrag nicht im eigenen Namen erteilt, sondern "im Namen der weltweit anerkannten internationalen Föderation IFFHS", genau so hatte er das vor Gericht geltend gemacht.
Das Amtsgericht Bonn entschied im Dezember 2006, er müsse haften. Die Föderation besitze keine in Deutschland anerkannte Rechtsposition. Die IFFHS ist nicht als Verein eingetragen und auch nicht als Firma. Das Gericht fand keine Belege dafür, dass es die IFFHS überhaupt gab. Folglich gab es auch keinen Präsidenten.
Pöge sagt, da sei er also zum zweiten Mal für nicht existent erklärt worden. Das Exekutivkomitee der IFFHS beschloss daraufhin den Wegzug aus Deutschland, die Geschäftsadresse heißt nun Al-Muroor Street 147 in Abu Dhabi.
Für Don Alfredo Pöge hat das alles Methode. Auch dass gewisse deutsche Medien seine Ranglisten nicht erwähnen. "Das Totschweigen von wichtigen internationalen Informationen ist eine stalinistische Praktik", sagt er.
Wahrscheinlich soll die IFFHS vernichtet werden. Es gibt Indizien. Franz Beckenbauer beispielsweise sei 2007 als Erster der Welt mit dem Titel "Universalgenie des Weltfußballs" geehrt worden, die deutschen Medien verschwiegen das.
Noch hat die IFFHS nicht zurückgeschlagen. Sie überlegt gerade, einen Nachfolger für Beckenbauer als Universalgenie zu ehren. Der Name ist geheim, Doktor Pöge nennt ihn ganz leise, sollen die Deutschen doch sehen, was sie davon haben, wenn sie ihn vergraulen. Es ist Uefa-Präsident Michel Platini, ein Franzose.
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© DER SPIEGEL 28/2009
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