SPIEGEL: Die Union wirft Ihnen Panikmache vor.
Müntefering: Die Union verharmlost und will den Atomkonsens wieder aufkündigen. Wir werden aber dafür sorgen, dass der Atomkonsens umgesetzt wird, also schrittweiser Ausstieg. Die problematischen alten Meiler bis Ende der nächsten Legislatur, Krümmel sofort.
SPIEGEL: Sie haben einmal gesagt, man müsse Kampagnen "auf eine witzig-pfiffige, ironische Art" machen, keinen "wilden Hau-drauf-Wahlkampf". Gilt das noch?
Müntefering: Man sollte versuchen, es so oft wie möglich locker zu machen. Allerdings ist auch Vorsicht geboten: Ironie zahlt sich nicht immer aus, weil sie nicht immer verstanden wird.
SPIEGEL: Bei der Auseinandersetzung mit Wirtschaftsminister Guttenberg war wenig Ironie im Spiel, Ihre Partei hat kräftig gepöbelt. Warum hört keiner auf Sie?
Müntefering: Machen Sie sich darüber mal keine Sorgen. Man kann nicht nur immer kalkuliert sein. Ab und zu muss man auch sagen, was einem auf dem Herzen liegt, sonst kriegt man Magengeschwüre.
SPIEGEL: Sie haben über Minister Guttenberg gedichtet: "Lieber links und frei als Freiherr und rechts." Haben Sie was gegen Adlige?
Müntefering: Nein. Es gibt doch nur noch sehr wenige davon. Die müssen wir pflegen.
SPIEGEL: Guttenberg ist wieder so ein Beispiel für Ihren verlorenen Instinkt. Es war ziemlich ungeschickt, gerade ihn gezielt zu attackieren. Die Leute mögen ihn nämlich. Der Fehler ist gemacht.
SPIEGEL: Der Bürger hat offenbar ein anderes Bild. Guttenberg ist derzeit weit beliebter als Müntefering.
Müntefering: Er ist öfter im Fernsehen. Er ist unbeschriebener. Er ist neuer dabei.
SPIEGEL: Sind Sie neidisch?
Müntefering: Ich gönne der Jugend ihre Jugend.
SPIEGEL: Eine weitere Wahlkampfregel von Ihnen heißt: "Keine Personaldebatten während der Kampagne!" Nach der Europawahl aber haben Sie ohne Not bekanntgegeben, dass Sie im November wieder als Parteivorsitzender antreten wollen. Warum verstoßen Sie selbst gegen eiserne Müntefering-Regeln?
Müntefering: Es war und ist klar - und wurde in diesem einen Interview lediglich wiederholt: Ich bin nicht nur für ein Jahr auf Montage hier.
SPIEGEL: Merkwürdig, dass Ihre Ankündigung in Teilen Ihrer Partei Unmut ausgelöst hat. Warum freuen die sich nicht, dass Sie bleiben wollen?
Müntefering: Natürlich können ein oder zwei gemeckert haben, das will ich nicht bestreiten. Angesichts von knapp 520 000 Mitgliedern ist das okay.
SPIEGEL: Sie haben auch mal gesagt, das Wichtigste am Wahlkampf sei, dass man "einen Kandidaten mit einer guten Ausgangsposition hat, den die Leute wollen". Wenn man den Umfragen glaubt, dann haben Sie diesmal ja ganz schön Pech.
Müntefering: Frank-Walter Steinmeier hat zuletzt auf unserem Parteitag am 14. Juni in einer tollen Rede gezeigt: Er hat Kompass, er weiß Bescheid, er kann Kanzler. Er wird es.
SPIEGEL: Es gibt Genossen, die Ihnen Tipps für den Wahlkampf geben wollen. Peer Steinbrück etwa, der sagte: "Angreifen darf man. Aber die Tonlage eines kleinen Hundes, der einem an die Beinkleider geht, kommt bei vielen Wählerinnen und Wählern nicht an." Empfanden Sie das als Mahnung an sich selbst?
Müntefering: Nein. Aber er hat recht.
SPIEGEL: Wen hat er denn gemeint?
Müntefering: Weiß ich nicht. Aber eines ist klar: Ein guter Wahlkampf funktioniert wie ein gutes Orchester. Man könnte auf die Idee kommen, nur Trompeten zu spielen, weil einer Trompeten besonders mag. Das ist aber kein Orchester mehr. Ab und zu muss einer dabei sein, der dann auch mal auf die Pauke haut oder das Blech schlägt. Das tun Peer und ich beide ab und zu ganz gern. Rauferei gehört dazu.
SPIEGEL: Beeinflusst es den Wahlkampf, dass dieser Tage so viel über Ihr Privatleben berichtet wird?
Müntefering: Nein, ich empfinde das auch nicht als viel. Ich habe keinen Grund zur Klage. Ich finde, dass die allermeisten Journalisten ordentlich damit umgegangen sind. Irgendjemand Dummes hat einer Zeitung heimlich über uns erzählt. Ich habe das nicht gesucht. Aber nachdem es öffentlich war, hatte ich auch keinen Grund, das zu verstecken. Ich bin da voller Gelassenheit.
SPIEGEL: Stört es Sie, wenn in der Partei über Sie gefrotzelt wird?
Müntefering: Wenn tatsächlich ein paar unterwegs wären, könnte ich das ab. Aber alles was ich höre, ist: "Ich wünsche euch alles Gute!" Ich finde, dass wir eine ziemlich tolerante Gesellschaft geworden sind.
SPIEGEL: Als Sie Ihre Freundin zu einem Pressefest am Vorabend des SPD-Parteitags mitbrachten und in Ihrer Ansprache über "Michelle" redeten, moserten später viele Genossen, Sie hätten Frank-Walter Steinmeier die Show gestohlen. Warum machen Sie so was?
Müntefering: Unsinn. Ich hatte vorher angekündigt, dass Michelle an dem Abend dabei sein wird. In diesem Stadium ging es für uns darum, uns öffentlich zu verhalten. Sie war Delegierte auf dem Parteitag, und viele wussten davon. Wenn wir das nicht gemacht hätten, wäre das Rätselraten groß gewesen.
SPIEGEL: Es kursiert eine andere Sorge unter Ihren Parteifreunden: dass gerade im klassischen sozialdemokratischen Milieu viele kein Verständnis für eine Liaison mit einer 40 Jahre jüngeren Frau haben könnten.
Müntefering: Ja, es ist ein großer Altersunterschied. Aber auch darauf hat mich noch niemand angesprochen. Und ich glaube auch nicht, dass das in unserer aufgeklärten Gesellschaft so gesehen wird. Erst recht nicht in der SPD. Wenn ja, müsste man es ändern.
SPIEGEL: Lernen Sie eigentlich von Ihrer jungen Freundin? Wissen Sie jetzt besser, wie die jüngere Generation denkt?
Müntefering: Auch in meinen Funktionen der letzten Jahre hatte ich immer Leute um mich, die 20, 30 Jahre jünger als ich waren. Das hat mir immer geholfen. Das ist eine Bereicherung. Man lernt eine andere Lebenssicht kennen, es stoßen unterschiedliche Lebenserfahrungen aufeinander. Man muss bereit sein, vom anderen zu lernen und neugierig zu bleiben.
SPIEGEL: Bringt der Austausch auch eine andere Sicht auf Politik mit sich?
Müntefering: Vielleicht eine größere Sensibilisierung für Bereiche, die mir sonst nicht so nahe sind, zum Beispiel was die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien angeht.
SPIEGEL: SMS haben Sie ja auch vorher schon gern ausgetauscht.
Müntefering: Durchaus, aber es gibt ja noch mehr in diesem Bereich.
SPIEGEL: Sie sagen gern, Opposition sei Mist. Warum eigentlich?
Müntefering: Der ganze Satz heißt: "Zu Demokratie gehört Opposition dazu, aber lasst das die anderen machen. Opposition ist Mist." Wir sind zum Gestalten da. Wenn man in der Opposition ist, hat man dazu keine Gelegenheit. Deshalb kämpfen wir fürs Regieren. Und deshalb werden wir auch nach dem 27. September weiter regieren.
SPIEGEL: Regieren bedeutet aber auch Stress. Hat Ihre Partei nicht das Recht, sich zwischendurch mal zu erholen?
Müntefering: Zu glauben, in der Opposition könne man sich erholen, halte ich für einen großen Irrtum. Es gibt auch in den Ländern und Kommunen keine Sozialdemokraten, die sagen: So, jetzt erholen wir uns erst mal, und in vier oder acht Jahren sind wir wieder dabei. Alle reden nur darüber, dass sie nach vorn wollen, dass sie gestalten wollen. Ich verstehe das. Auf Bundesebene muss ich die Fahne hochhalten, und das tue ich auch gern.
SPIEGEL: Kann es nicht sein, dass sich die SPD einfach wundregiert hat, dass die Leute Ihrer überdrüssig sind, egal, ob Sie jetzt noch einen famosen Wahlkampf hinlegen oder nicht?
Müntefering: Es gibt eine deutliche Mehrheit in Deutschland, die es gut findet, dass die Sozialdemokraten regieren. Stellen Sie sich vor, es gäbe Schwarz-Gelb und die FDP kriegt das Gesundheitsministerium. Da fallen den Leuten doch die Haare aus.
SPIEGEL: Herr Müntefering, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
© DER SPIEGEL 29/2009
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