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Ausgabe 29/2009
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Jugend "Wir feiern nicht, wir eskalieren"

3. Teil: "An drei Mädels rumgebissen, die wollen auch ihren Spaß"

Lloret mit seinen 38.000 Einwohnern, 199 Restaurants, 93 Hotels und 42 Discotheken verdient zwar gut an den Besuchern, doch seit einiger Zeit machen sich Lokalpolitiker Sorgen über das Bild ihrer Stadt, das die Sauftouristen aus Deutschland, aber auch aus Frankreich, Russland, England, Holland und Italien ruinieren. Lloret hat die Party satt.

Der Stadtrat hat vor vier Jahren mehrere Verordnungen verabschiedet, die unter anderem das laute Zuschlagen von Türen und Fenstern zwischen 22.30 Uhr und 7.30 Uhr untersagen; verboten ist auch Alkohol am Strand und auf den Straßen, was ein großer Witz ist, da es wenige Leute gibt, die auf der Straße und am Strand keinen Alkohol trinken.

Abends stehen Polizisten mit Schlagstöcken auf der Avinguda Just Marlés, der neonfarbenen Disco-Meile, aber die Polizisten können den Exzess nicht verhindern und auch nicht, dass Katastrophen geschehen. Ende Mai stürzte ein 20-jähriger Abiturient aus dem Kreis Osnabrück nach der Disco in der Dunkelheit offenbar eine Böschung hinab. Ein Spaziergänger fand eine Woche später seine Leiche.

Der Polizeichef von Lloret sagt: "Wenn man sich die Versprechen der Reiseveranstalter anschaut, denkt man, es geht hier nur um Sex und Alkohol. Die jungen Leute glauben, sie dürfen alles." Gegen den schlechten Ruf der Stadt kann er wenig tun und warnt also die Touristen weiter vor den Frauen, die an der Disco-Straße rote Nelken verschenken und dabei unbemerkt Scheine aus den Geldbörsen fischen.

Der Tourismus-Beauftragte von Lloret bemüht sich, auch die Santa-Clotilde-Gärten zu erwähnen und den Jugendstil-Friedhof, Nordic Walking sei zudem stark im Kommen, auch das vor kurzem errichtete maritime Museum am Strand begeistere seine Besucher.

Olli sagt: "Ich kenne keine Sau, die ins Museum geht." Neulich wurden zwar drei Abiturienten dabei erwischt, wie sie einen Fisch aus dem Hotelaquarium fangen und in ein Waschbecken mit Wodka setzen wollten, aber selbst die zeigten kein Interesse an Meereskunde.

Am späten Nachmittag liegt das Gymnasium Mittweida am Strand beim Volleyballnetz um ein paar zerknüllte Bierdosen herum. Die Abiturienten sind müde, weil der Bus bei der Anreise am Tag zuvor Schwierigkeiten mit dem Keilriemen hatte und die Fahrt von Mittweida nach Lloret 36 Stunden dauerte, aber auch, weil die Sangria bei Dr. Döner nachwirkt.

Das Gymnasium Syke schläft neben den Mülltonnen 300 Meter weiter seinen Rausch vom Vorabend aus. Das Technische Gymnasium Bühl hatte sich schon vor ein paar Stunden an der Hotelbar Bier geholt und döst jetzt ebenfalls in der Sonne. Das Walther-Rathenau-Gymnasium Bitterfeld ist dagegen hellwach und gibt an, die vergangene Nacht sei erfolgreich verlaufen im Sinn der Annäherung: "An drei Mädels rumgebissen, die wollen hier natürlich auch ihren Spaß." Das Gymnasium Mittweida entgegnet: "Die Jungs labern doch nur."

Das Marie-Curie-Gymnasium Ludwigsfelde wird sich später darüber beklagen, dass letzte Nacht im Aztek trotz anderslautender Versprechungen auf Fotos und Flugblättern keine jungen Mädchen um die Stange in der Mitte des Clubs tanzten. Man fahre doch nicht 1800 Kilometer mit dem Bus nach Spanien, "um einer dicken 60-Jährigen dabei zuzugucken, wie sie sich um eine Metallstange wickelt". Eskalation war das in gewisser Weise zwar auch, nach dem Geschmack des Marie-Curie-Gymnasiums allerdings in die falsche Richtung.

Einige beklagen sich darüber, dass all-inclusive nicht immer heißt, dass wirklich alles im Preis enthalten ist. Bei einigen Reiseveranstaltern muss man eine Rabattkarte für 30 Euro kaufen, um den Eintrittspreis in die Discos ermäßigt zu bekommen, bei anderen Veranstaltern ist die Disco-Karte im Preis mit drin. Ein Glas Wasser im St. Trop', der größten Disco in Lloret, kostet trotzdem 3 Euro, ob mit Rabattkarte oder ohne.

Die Abiturienten sind solche Tricks noch nicht gewohnt, viele sind zum ersten Mal ohne Eltern im Urlaub und hilflos, wenn im Badezimmer das Klopapier aufgebraucht ist. Sie laufen dann nicht nach unten zur Rezeption, sondern tippen die Notrufnummer ihrer Reiseagentur ins Handy. "Für viele musst du hier die Mutti spielen", sagt eine Reiseleiterin.

Abends schaufeln sie sich in den Hotels Nudeln oder Kroketten aus glänzenden Stahlwannen auf den Teller. Das Nachtleben beginnt auf den Hotelbalkonen, kleinen Bühnen, auf denen sich Grüppchen von vier, fünf Leuten sammeln und den anderen Grüppchen auf den gegenüber- liegenden Bühnen mit Bierdosen und Weinkartons zuprosten. Das Gymnasium Achern hat Handtücher mit dem Abi-Motto bedrucken lassen, die über dem Balkongeländer trocknen: "ABIritif - Ein Vorgeschmack aufs Leben".

Die Lampen auf der Avinguda Just Marlés leuchten rot und blau, die Freiheitsstatue aus Plastik grün, und Marilyn Monroe, auch aus Plastik, hält wie jeden Abend ihren Rock fest. Olli unterteilt die Discos von Lloret in zwei Kategorien: in die Vorglüh-Locations und in die Hauptlocations, wobei auch die Hotelbars als Vorglüh-Locations gelten. Um halb zehn sammeln die Reiseleiter die Abiturienten in ihren Hotels ein und ziehen weiter ins Aztek zur Tequila-Randale, so nennt es Olli, wenn die Animateure Schnaps von oben in die Münder der Abiturienten laufen lassen.

Auf der Straße vor dem Aztek steht ein kleiner dicker Mann und spielt mit ein paar Fünfzigern in der Hand. Graham ist 53 und der Manager im Aztek, im Londoner, außerdem noch in einer Bar und einem Burger-Imbiss. Er stammt aus England, kam in den Siebzigern nach Lloret und hat mit dafür gesorgt, dass aus einer kleinen Urlaubsstadt am Mittelmeer die Party-Enklave für Jugendliche wurde. Er hat eine 26 Jahre jüngere Freundin aus Brasilien, mit der er, wie er sagt, eine offene Beziehung führt.

Graham klagt darüber, dass die Verwaltung den Disco-Besitzern das Leben schwermache. "Früher konntest du hier alles tun, das ist jetzt schwieriger." Er sagt aber auch, dass Lloret auch künftig feiern werde - egal, was der Polizeichef und der Bürgermeister sagen, egal, wie viele Verordnungen noch kommen werden. "Das geht immer weiter hier, schau dich um, die ganzen Lichter, das Leuchten, es ist wie auf dem Piccadilly Circus."

Er will nicht auf das Geld verzichten, das die Jugendlichen bringen, zumal sie vor der Hauptsaison kommen. Lloret will Ruhe, Lloret will Geld, womöglich wird der Exzess also nie aufhören. Das Geld geht von den Touristen zu den Hoteliers, zu den Bar- und Disco-Betreibern, zu den Nelkenfrauen, zu Graham, zu den Dealern, die vor dem Tropics stehen, das Geld geht durch so viele Hände, dass sich die Scheine ledrig und abgegriffen anfühlen.

Die Nacht ist jetzt auf dem Höhepunkt, man ist in der Hauptlocation angekommen. Ein Abiturient stolpert aus dem Tropics und kotzt auf den Asphalt, die Leute applaudieren. Er hat das Reiseziel erreicht, die anderen eskalieren weiter.

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