Von Dialika Krahe
Nachts, wenn der Mond aufgeht hinter den mittelalterlichen Fachwerkhäuschen; wenn die Schachbrettfliesen des Foyers zu verschwimmen scheinen im fahlen Licht; wenn kein Auto mehr zu hören ist und das Gemäuer knarrt und quietscht - dann hat die kleine Grundschule, dreistöckig, doppelt verglast, vielleicht tatsächlich etwas Magisches.
"Dazu", sagt Schulrektor B., "will ich mich nicht äußern." Gleich ist die dritte Stunde, ein Freitag, aber er ist zu Hause, seit jenem Vorfall hat er Hausverbot an seiner Schule. Der Schlüssel, der Rektortitel, das Büro: weg.
Er hat gezaubert.
B., ein lange Jahre überaus respektabler Herr von 61, Leiter, also ehemaliger Leiter der kleinen Grundschule in einem Städtchen im Harz, war vor allem bekannt für seinen Charme: ein gutaussehender Mann, das Haar silberweiß wie Zuckerwatte, dabei stattlich, ein Gentleman - einer, der den Stuhl hinschob, wenn man sich setzen wollte, der Türen aufhielt, sagen die Kolleginnen, kinderlieb, engagiert.
Elterngespräche, Zensurenkonferenzen, Kopiergeld einsammeln: So lief das Leben. Mathe und Werken, berechenbar wie das kleine Einmaleins. B. hatte Leierkasten gespielt auf Schulfesten, hatte Terrarien gekauft, mit scheußlichen Schuppenkriechtieren darin. Er steuerte langsam auf seine Pensionierung zu. Gut möglich, dass er durch den Spalt zwischen den olivgrünen Vorhängen seines Büros auf die Straße blickte und sich dachte: War's das?
Es fällt in diese Zeit, dass der Rektor von einer Leidenschaft erfasst wurde.
Das Trickmünzenset "Illusion Coins", bestehend aus einer Lern-DVD und einem hochwertigen Manipulationsmünzensatz, ist erhältlich für 79,95 Euro. Der "Fliegende Tisch", ein Klassiker der Zauberkunst, Mahagoni-Design, inklusive Abdecktuch: 399 Euro. Den Tuch-Zauberstab, schwarz, vernickelte Enden: 34,95 Euro - Auszüge aus einem Zauberkatalog.
B. kaufte verschiedenste Utensilien. Er übte mit Hingabe, trat auf Schulfesten auf, beim Fasching, wurde besser, war beim Sommerfest schon richtig gut. Er freute sich, weil er die Menschen beeindruckte. Die Kollegen freuten sich, weil der Rektor die Kinder bespaßte. Sie hatten ihren eigenen Zauberrektor, wie bei "Harry Potter", ein Hauch von Dumbledore.
Bis zu jenem Rosenmontag, Fasching in der Schule, als der Rektor vor aller Augen seltsam wurde: Dunkle Mächte, so schien es, hatten von ihm Besitz ergriffen. Er wurde barsch, und das war schon mal auffällig.
B. hatte seinen Frack an, den Zylinder aufgesetzt, 200 Grundschüler in der Aula, erste bis vierte Klasse, Piraten, Prinzessinnen, Cowboys. Er zauberte Münzen hervor hinter Ohren, zog Seidentücher aus dem Stab, ein Profi, hochkonzentriert. Die Kinder folgten gebannt, und er machte zunächst ein glückliches Gesicht: weil seine Tricks funktionierten und, so dachte er wohl, niemand sie durchschaute.
"Ich weiß aber, wie dein Trick funktioniert", rief jetzt ein Kind in die Stille des Saales, entsetzlich laut, unüberhörbar.
B. zuckte zusammen, erstarrte.
Es hätte trotzdem eine gelungene Show werden können. Hätte er sich nicht umgedreht zu diesem Kind und mit eisiger Stimme gesagt: "Glaubst du etwa wirklich, du könntest mich durchschauen?" B. schnaubte. Das Kind, den Tränen nah, verstummte. So erinnern sich jene, die dabei waren, es war, als wäre dem Rektor die Maske vom Gesicht gefallen.
Er war jetzt kein Schulleiter mehr, dem Wohl des Kindes verpflichtet, der Rektor war jetzt ein Zauberer; ein Mensch, der sich selbst verwandelt hatte, vor aller Augen, von einem gutmütigen Schulleiter zu einem nervösen Magier, den nun einige mit anderen Augen sahen.
Merkwürdigkeiten fielen auf. Zum Beispiel, dass er kaum mehr in seinem Büro anzutreffen war: Stattdessen trat der Rektor in Kindergärten auf und verlangte dafür 200 Euro. Hatte sich Visitenkarten gedruckt mit dem Motiv der Spielkarte Herzkönig. Kopiergeld fehlte.
Eine Mathematiklehrerin schaute in ihr Klassenbuch und fand B.s Kürzel unter ihren Stunden: Er hatte sich heimlich als Lehrer eingetragen, der zusammen mit ihr unterrichtet und so der Schulbehörde vorgegaukelt hatte, seine Pflichtstunden zu erfüllen. Tatsächlich soll er 1250 Schulstunden geschwänzt haben.
Des Rektors Meistertrick: In der Schulkasse fehlten 20.000 Euro, die er für Zaubermittel ausgegeben haben soll, und niemand hatte es bemerkt, eine Weile jedenfalls.
Kollegen gaben einen Hinweis an die Schulbehörde, Bücher wurden geprüft, Lehrer befragt. Sie entdeckten den doppelten Boden in seinem Leben, sie durchschauten seine Tricks. Der Rektor war nun kein Zauberer mehr, er war ein Trickser.
Der Rektor wurde suspendiert, das Disziplinarverfahren läuft. Die Lehrer hoffen, dass sie das Zauberzeug wiederbekommen. Sie wollen es versteigern, mit dem Geld Stühle für die Kinder kaufen.
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