Von Manfred Dworschak
Die Porno-Industrie wies mal wieder den Weg: Ende der Neunziger warben die ersten Darstellerinnen mit freiem Blick auf ihre Schamlippen; die Intimrasur war damals ein neuartiges Spektakel. Heute, da sich fast alle enthaaren, wird allmählich die Frau mit naturbelassenem Dreieckspelz zur Absonderlichkeit in den Porno-Portalen des Internet. Hie und da erscheint sie schon - neben Zwerginnen und Latexhexen - unter den Spezialangeboten für Fetischisten.
Neu ist, dass inzwischen auch die junge Frau von nebenan sich die Scham gern nackig macht.
Jede zweite Frau in der Altersgruppe von 18 bis 25 Jahren bekennt sich zur Intimrasur. Das ergab eine repräsentative Umfrage des Leipziger Psychologen Elmar Brähler, die an diesem Montag vorgestellt wird. Auch die gleichaltrigen Männer tun, wie sich zeigte, schon wacker mit: Ein knappes Viertel entfernt oder stutzt den Busch ums Gemächt.
Lang ist es noch nicht her, da trug der Mann stolz sein Zottelhaar, wo immer es zu sprießen beliebte. Nun ist offenbar ein Sinneswandel im Gang. Die Anhänger der neuen Mode lassen selbst vom Wildwuchs unter der Gürtellinie höchstens Restbestände stehen, gestutzt zu neckischen Karos oder Penisbärten, einem "N" für Natascha oder sonst einem Ziergärtchen.
Die Motive sind noch unklar. Die Enthaarten beiderlei Geschlechts sagen gern, die nackte, glatte Haut sehe einfach besser und gepflegter aus. Obendrein komme es dem Sex zugute, wenn dabei nicht immerzu Kräuselhaare in den Mund gerieten.
Nun beschäftigen sich allerdings schon Kinder und Jugendliche ernsthaft mit dem Thema Intimrasur. Und dass es von den Älteren beileibe nicht alle machen, entgeht ihnen dabei oft. "Die glauben, dass es anders gar nicht mehr geht", sagt Gudrun Schäfer, Jugendpädagogin bei pro familia in Tübingen.
Schäfer kommt viel herum, sie spricht vor Schulklassen, diskutiert in Jugendzentren und macht Online-Beratung beim Portal Sextra. Ihr Befund: Mit 14 oder 15 Jahren schon gehen die ersten Pubertierenden gegen ihre Härchen vor. "Und die meisten tun es nicht, weil ihnen das gefällt", sagt die Pädagogin, "sondern weil sie Schamhaare für eklig und unhygienisch halten."
Vor lauter Verfolgungseifer sind bei der Jugend die Geschlechtsteile schon mit in Verruf gekommen. Unter Jungs sei es üblich, den Penis mit duftenden Tinkturen einzuschmieren, berichtet Schäfer. Die Mädchen traktieren sich mit Scheidenspülungen und stecken für unterwegs Intimreinigungstücher in die Tasche: "Das grenzt an Hygienewahn."
Die Aufregung kommt wohl nicht von ungefähr. Dass die normal behaarte Scham praktisch nicht mehr akzeptabel sei, kann die Jugend den Medien entnehmen. Eine Studie nach der anderen schürt diesen Glauben - und finanziert sind sie meist von Firmen wie Gillette, Philips und Wilkinson, die mit der Enthaarungsmode gute Geschäfte machen. 61,9 Prozent der Frauen wünschen angeblich, dass sich die Männer auch im Intimbereich rasieren; das fand eine GfK-Studie im Auftrag von Wilkinson heraus. Andersherum scheint es ganz ähnlich zu sein, wie neulich erst gemeldet wurde: "Unrasierte Frauen haben weniger Sex-Chancen."
Selbst der Leipziger Psychologe Brähler wartete noch im vergangenen November mit Zahlen auf, die um einiges spektakulärer geraten waren als sein jetziges Ergebnis. Damals hieß es, unter Studenten enthaarten sich bereits 88 Prozent der Frauen und 67 Prozent der Männer die Intimzone. Die Nachricht geht seither durch die Medien. Freilich wurden damals nur rund 300 Studenten an der Uni-Klinik befragt. Die neue Umfrage dagegen lieferte erstmals repräsentative Resultate von 2512 Testpersonen - und prompt sank bei den jungen Männern die Intimrasur-Quote von knapp 70 auf etwas über 20 Prozent.
Wie kann das sein? "Das wissen wir nicht", sagt achselzuckend Brähler, ein vielbeschäftigter Mann, der gerade, wie er sagt, "23 Forschungsprojekte zugleich" laufen hat. Gleichwohl bleiben die alten Zahlen in der Welt. Vergangene Woche erst wärmte die Wochenzeitung "Die Zeit" sie wieder groß auf: "Die Schamhaare zu rasieren gehört zum modischen Diktat, dem sich inzwischen eine Mehrheit unterwirft", stand da markig im Vorspann eines alarmierenden Berichts. In Wahrheit unterwerfen sich der neuen Studie zufolge gerade mal 18,4 Prozent der Bevölkerung.
© DER SPIEGEL 29/2009
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