AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 29/2009
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13.07.2009
 

Körperkultur

Das zweite Gesicht

Von Manfred Dworschak

2. Teil: Die Zahl der Dauerenthaarer wächst zügig

Der Druck tut seine Wirkung. Die weibliche Jugend macht sich vor allem Sorgen, weil die Schamgegend jetzt blank und bloß dem prüfenden Blick ausgesetzt ist. "Es beschäftigt die Mädchen sehr, wie sie da aussehen sollten", sagt Schäfer. Die inneren Schamlippen, die sich in diesem Alter allmählich zeigen, verstören oft in ihrem schrumpelig wuchernden Eigensinn. Die Folge: "Ich werde immer öfter nach Operationen gefragt."

Die Furcht, befremdlich auszusehen, ist nicht auf die Jugend beschränkt. Auch erwachsene Frauen treibt die Sorge, ihre Labien, die bislang im Schutz der Kräuselwolle halb verborgen gediehen, könnten zu groß oder zu lappig geraten sein. "Die Scham wird zum zweiten Gesicht der Frau", sagt Aglaja Stirn, Leiterin der Abteilung für Psychosomatik an der Frankfurter Uni-Klinik. Damit gelten auch die gleichen ästhetischen Ansprüche. "Jugendlich sollen die Schamlippen aussehen, ebenmäßig und straff", sagt Stirn.

Dass der Hang zur Enthaarung die Debatte so aufwühlt, ist durch die Zahl der ihm Verfallenen allein nicht zu erklären. Es geht vielmehr ums Menschenbild. Verhandelt wird mit Getöse das stets heikle Verhältnis zum inneren Säugetier.

Seit Jahrtausenden gilt das Körperhaar als Erbe der Vorzeit, als Ausdruck des tierisch Triebhaften und Wilden im Homo sapiens. Und ebenso lange wirkt das Bedürfnis, das frohwüchsige Gestrüpp gärtnerisch zu zügeln. Viele Kulturen schabten, zwirbelten und zupften daran herum.

Ausmerzen allerdings ließen sich die Körperhaare bis heute nicht ganz. In den verbliebenen Zonen haben sie ja auch einen evolutionären Sinn: Unter den Achseln und in der Schamgegend verhindern sie, dass Haut auf Haut pappt. Zugleich wirken sie als kühlende Schweißverdunster und damit, so vermuten Biologen, auch als Duftwedel, der genetisch passende Liebespartner anlockt.

Am heutigen Enthaarungsdrang ist neu, dass er sich ausbreitet in genau dem Maß, in dem die Kleidung zurückweicht. Mit Unterschenkeln und Achselhöhlen fing es vor Jahrzehnten an, nun steht die Intimzone zur Disposition.

Hinter der Schamrasur argwöhnen Psychoanalytiker den geheimen Wunsch, harmlos, unreif und infantil zu erscheinen, um den Partner nicht zu verängstigen. Warum sonst, lästerte die Zeitschrift "Emma", liefen die Frauen plötzlich mit "Kindermösen" herum? Zudem fällt der Trend zum Kleinmädchenhaften auch anderswo auf: Da lassen sich weibliche Popstars mit einwärts geknickten Beinen und herausfordernder Bambischnute fotografieren - so machen sie auf kindlich, verklemmt und nuttig zugleich.

Ob aber darum schon eine halbe Generation vor dem erwachsenen Triebleben kneift? Es könnte auch das Gegenteil wahr sein, sagt der Leipziger Forscher Brähler: "Die Frau von heute ist vielleicht so selbstbewusst, dass sie es sich leisten kann, ihre Reize entblößt zur Schau zu stellen."

Was dem Trend vielleicht am stärksten entgegenwirkt, ist die Mühsal der Prozedur: Selbst die Modefrömmsten haben es mal satt, alle paar Tage zur Rasur zu schreiten oder alle paar Wochen die Haare erneut mit Wachs oder Epiliergeräten auszureißen. Auf diese Kundschaft zählen die neuen Ladenketten namens Cleanskin oder Hairfree, die nachhaltige Glattheit versprechen. Bei ihnen werden die Haarwurzeln mit kurzen Lichtpulsen verödet. Marktführer Hairfree betreibt deutschlandweit bereits 90 Filialen. Auch zahlreiche Hautärzte freuen sich über neue Einkünfte für ihre teuren Laserapparate.

Freilich sind pro Hautregion mindestens acht Behandlungen im Abstand von etlichen Wochen fällig. Wer mit dem urtümlichen Bärenfell eines Sean Connery ("James Bond") gesegnet ist, kann sich auf eine Gesamtdauer von annähernd zwei Jahren gefasst machen. Denn jedes Haar durchläuft mit seinem Wachstum eine Abfolge von Phasen, von denen jeweils die richtige erwischt werden muss. Das treibt die Preise. Bei Cleanskin etwa kostet allein der Rücken, je nach Dichte des Bewuchses, pro Durchgang 200 bis 300 Euro.

Die Kundschaft lässt sich davon nicht verdrießen; die Zahl der Dauerenthaarer wächst zügig. "Gelegentlich kommen auch schon Eltern mit ihren Kindern", sagt Ossi Casmir, Betreiber einer Cleanskin-Filiale in Wiesbaden. "Die wünschen sich zum 18. Geburtstag ihre erste Enthaarung, wie früher den Führerschein."

Schmerzen bleiben dem Kunden auch bei der Hightech-Lösung nicht erspart. Beim Abrastern der Haut mit dem Lichtrüssel ziept es jedes Mal ein wenig - je dicker und dunkler das Haar, desto vernehmlicher. "Am heikelsten ist oft der Bart", sagt Anita Ruppenthal vom Frankfurter Laserzentrum Laderma. "Da springt uns schon mal einer von der Liege."

Der Bart?

In der Tat: Mehr und mehr Männer lassen sich nun auch das Gesicht enthaaren - "hauptsächlich Bankleute und andere Anzugträger", sagt Ruppenthal. Bei ihnen wenigstens sind die Beweggründe ganz unkompliziert: "Sie wollen morgens keine Zeit mehr mit Rasieren verlieren."

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24.07.2009 von descartes101: .

Das tun die 'Emma'-Leserinnen wohl gemeinhin auch nicht. Ich bin ein uneingeschränkter Unterstützer der Gleichberechtigung von Frauen. Aber der Feminismus à la Schwarzer hat dazu geführt, dass Bemerkungen wie die eines [...] mehr...

22.07.2009 von Heinzel: Kinder-Möse

Apropos "Kinder-Mösen".. kleine Mädchen sind doch auch nicht an den Beinen behaart..wenn es also nach der Argumentation der "Emma"-Macherinnen ginge, dürften Frauen sich auch die Beine nicht rasieren. mehr...

22.07.2009 von Philskow: Panik!

Das ist ja interessant. Genau dieser Punkt beschäftigt mich an diesem Thema. Jahrhundertelang bekamen Männer trotz ausuferndster Schambehaarung "einen geblasen". Mich erstaunt vor allem die Geschwindigkeit, mit der [...] mehr...

22.07.2009 von WvdV: Ringelblume

Passen Sie auf, sonst wird der Name Programm! Nomen est Omen. mehr...

22.07.2009 von Christoph: Schminke

Ich finde sogar, dass zu viele Frauen zu oft viel zu überschminkt sind. mehr...

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