Von Christian Reiermann, Christian Salewski und Michael Sauga
Für die Geldinstitute dagegen wurden die Hilfen an so viele Bedingungen geknüpft, dass nun kaum eine Bank mitmachen will. Bis heute hat kein einziges Geldhaus den entsprechenden Antrag gestellt, lediglich drei Banken bekundeten "Interesse". So belasten die toxischen Papiere weiter die Bankbilanzen und binden Eigenkapital, das dringend für die Kreditvergabe benötigt würde.
Am verhängnisvollsten jedoch wirkt sich die Unfähigkeit von Bund und Ländern aus, die siechen Landesbanken zu sanieren. Wie kein anderer Sektor des Geldgewerbes hatten sich Institute wie die WestLB oder die HSH Nordbank am weltweiten Finanzcasino beteiligt. Entsprechend groß waren die Verluste in der Krise.
Sollen die Institute wieder funktionsfähig werden, so empfehlen Experten seit langem, müssten unrentable Geschäftsfelder geschlossen und mehrere Institute zusammengelegt werden. Doch dazu sind viele Ministerpräsidenten nicht bereit. Aus Angst, Kompetenzen und Jobs an den Nachbarn zu verlieren, verzichteten Länder wie Bayern oder Baden-Württemberg sogar auf die angebotene Bundeshilfe - und versuchen, ihre angeschlagenen Häuser auf eigene Faust zu retten.
Die Konsequenzen sind fatal. Weil die staatlichen Sanierungsbemühungen kaum fruchten, steht Deutschlands Bankenbranche so schlecht da wie in kaum einem anderen Industrieland. Auslandsanbieter wie die Royal Bank of Scotland haben sich zurückgezogen, den Privatbanken fehlt es an Eigenkapital, die schlingernden Landesinstitute fallen als Investitionsfinanziers weitgehend aus.
Kein Wunder, dass der Geldstrom stockt. Zwar steigerten die Banken im ersten Quartal dieses Jahres ihr Kreditvolumen um fünf Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Doch ist der Zuwachs vor allem auf kurzfristige Liquiditätskredite zurückzuführen, die Banken noch immer gern vergeben. Bei Ausleihungen für die lange Frist dagegen, die Unternehmen für ihre Investitionen benötigen, hätten die Geldhäuser ihre "Standards über alle Unternehmenstypen und Fristen verschärft", wie die Bundesbank in einer Erhebung feststellt.
Und das Schlimmste kommt erst noch. Im zweiten Halbjahr wird sich die Kreditklemme verstärken, prognostizieren Fachleute. Dann erfasst die Rezession auf breiter Front die Unternehmen, die Kreditwürdigkeit der Firmen sinkt. Die Folge: Die Banken werden sich noch mehr zurückhalten. Die Regierung kennt die Expertisen. Doch anstatt die Ursachen der Misere anzugehen, greift Finanzminister Steinbrück lieber zu Krawallrhetorik. Sollten die Banken nicht endlich spuren, poltert er, werde er "nie dagewesene Maßnahmen" ergreifen.
Umso peinlicher, dass sich seine Ankündigungen bislang als leere Drohungen entpuppten. Mal regte Steinbrück an, die Notenbank solle direkt Kredite vergeben. Mal kündigte er an, die Eigenkapitalvorschriften des Basel-II-Abkommens entschärfen zu wollen. Doch was er auch vorschlug, jedes Mal scheiterte er an der Gesetzeslage und Einwänden europäischer Partnerländer. Gehe es den deutschen Banken schon so schlecht, höhnten EU-Verhandler in Brüssel, dass die Bundesrepublik schon eigene Regelungsideen torpediere?
Inzwischen verfolgt der SPD-Politiker einen neuen Plan. Seine Beamten bereiten eine weitere Variante der Bypass-Finanzierung vor. Statt der Bundesbank darf dabei die staatliche KfW in Aktion treten. Bis zum Beginn der Krise teilten sich KfW und die sogenannten Hausbanken, durch die das Kreditangebot der Staatsbank an den Markt geleitet wird, das Kreditrisiko je zur Hälfte. In Ausnahmefällen übernimmt die KfW auch mal 80 Prozent, die Hausbank 20 Prozent. Der Anteil der KfW könnte künftig noch höher ausfallen, sogar 100 Prozent, so die Pläne der Finanzministerialen. Das Wirtschaftsressort entwickelt ähnliche Pläne.
Die Überlegungen gehen sogar noch weiter. Denkbar sei auch, dass die KfW künftig ihre Kredite direkt an Unternehmen vergibt. Die Mittel für die neuen Kredite sollen aus den bereits aufgelegten Konjunkturprogrammen kommen.
Das Konzept könnte einigen klammen Unternehmen tatsächlich Entlastung verschaffen. Doch einen funktionierenden Geld- und Kapitalmarkt kann es kaum ersetzen. Fehlt es an funktionsfähigen Banken, leiden zuallererst die Firmen, das musste auch Angela Merkel auf ihrer Mittelstandsreise erfahren.
Firmenchef Martin Opitz konnte der Kanzlerin zwar von gutgehenden Geschäften berichten. Mit seinen vorgefertigten Dachstühlen, auf denen teils Sonnenkollektoren montiert sind, profitiert er vom Boom der Alternativenergie. Doch selbst er hat schon Erfahrungen mit der Kreditklemme sammeln müssen. Im Mai erhielt er von einer Großbank eine Zusage über 2,2 Millionen Euro. Doch nachdem der Firmenchef über zwei Monate vergebens dem versprochenen Geld hinterhertelefoniert hatte, ging er lieber zur örtlichen Sparkasse. Von der bekam er das Geld innerhalb von zwei Wochen. Seitdem folgt Opitz einer einfachen Maxime: "Mit Großbanken arbeite ich nicht mehr zusammen."
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