AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 31/2009
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27.07.2009
 

Kriminalität

Bombe für den Boss

Von Markus Deggerich

Ende eines Waffenstillstands: Mit neuer Brutalität kämpfen die Rockerbanden Hells Angels und Bandidos um ihren Einfluss im Rotlicht- und Drogenmilieu.

Die vier Zivilfahnder trauten ihren Augen nicht. Gewöhnlich legen Rocker Wert auf einen martialischen Auftritt: großflächige Tätowierungen, Lederkutten, aufgemotzte Motorräder. Doch die rund 50 Muskelmänner, die die Ermittler am vorvergangenen Freitag im Berliner Rotlichtbezirk an der Oranienburger Straße sichteten, entstiegen kleinen Mietbussen, wie sie gern von kinderreichen Familien genutzt werden. Viele tarnten sich mit weißen Theatermasken, als wäre das Ensemble des Musicals "Phantom der Oper" auf Betriebsausflug. Ihr Ziel: die Table-Dance-Bar Gold-Club.

Die geplante Machtdemonstration im Berliner Milieu ging den Rockern jedoch nicht nur optisch daneben. Die Polizei reagierte schnell und schlagkräftig, am Ende hatten die Einsatzkräfte 34 den Hells Angels nahestehende Männer aus der Türsteher- und Hooligan-Szene festgenommen. Spätestens nach der Leibesvisitation war klar, dass die Herren nicht gekommen waren, um sich an erotischen Tänzen zu delektieren: Bei der Gruppe wurden mit Quarzsand gepolsterte Handschuhe, Teleskopschlagstöcke, Schlagringe, ein Funkgerät und eine Schussweste gefunden.

Ermittelt wird nun wegen schweren Landfriedensbruchs, der Bildung bewaffneter Gruppen sowie Verstößen gegen das Waffen- und Betäubungsmittelgesetz - schließlich geht es bei den Kämpfen unter rivalisierenden Rockergangs nicht um Prügeleien unter Männern mit zu viel Testosteron im Blut, sondern um wirtschaftliche Interessen: Die bundesweit in regionalen Clubs organisierten Banden sind im Drogen- und Menschenhandel tätig, als Geldeintreiber und mit Wachdiensten vor allem in der Türsteherszene. Denn wer die Clubeingänge kontrolliert, hat auch Einfluss auf das Geschäft hinter den Türen.

Anfang des Jahres hatten sich die Hells Angels, eine der größten und mächtigsten Rockergilden weltweit, in Deutschland mit ihren Hauptkonkurrenten, den Bandidos, auf einen Waffenstillstand geeinigt. Doch inzwischen sind die Bandidos vor allem im Osten der Republik wieder auf Expansionskurs - und das hat Folgen. Denn nun haben es die Ermittler nicht nur mit den üblichen Schlägereien zu tun, sondern mit einem neuen Phänomen: Immer häufiger wird jetzt Führungspersonal der Gangs attackiert, und zwar mit äußerster Brutalität. Und Angriffe auf die Bosse gelten in der kruden Welt der Rockerehre als klare Kriegserklärung, die nach Vergeltung verlangt.

Dass die Bandidos keine Angst mehr vor den Angels haben, musste erst kürzlich Rayk F. erfahren. Das Führungsmitglied der Nomads, einer Sektion der Berliner Angels, ist ein durchtrainierter Karatekämpfer, dem sich selbst die Polizei in der Vergangenheit nur mit Vorsicht näherte. Doch nun wagten die Bandidos, Rayk F. zusammenzuschlagen; auch der Berliner Präsident der Nomads fand sich jüngst mit einer Klinge im Rücken im Krankenhaus wieder.

Die Antwort war deutlich: Im Juni wurde ein Brandenburger Clubhaus der Chicanos zerlegt, einer Unterstützergruppe der Bandidos; zurück blieben drei Schwerverletzte. Und erst vor wenigen Tagen fand ein Anführer der Chicanos morgens unter seinem Auto in Eberswalde einen scharfen, etwa zehn Zentimeter langen und in Alufolie gewickelten Sprengsatz. Für die Bergung mussten 70 Menschen evakuiert werden.

In diesem wieder aufgeflammten Krieg befürchten die Fahnder nun weitere Eskalationen, bis hin zu Opfern unter Unbeteiligten. Denn für die "Drecksarbeit" haben die Banden unberechenbare Unterabteilungen gegründet. Diese Schlägertruppen rekrutieren nun neue Mitglieder unter Migranten, auch aus der Hooligan-Szene, Verbindungen reichen sogar in das militante rechte Milieu ( SPIEGEL 2/2009). In diesen Untergruppen gelten weniger hohe Standards für die Aufnahme als in den Stammclubs, das einzige Ziel der Rekrutierung sei, so ein Brandenburger Fahnder: "die Kampfkraft erhöhen".

Mit begründeter Sorge blicken die Behörden deshalb auf den für nächstes Wochenende in Berlin geplanten sogenannten City-Run, bei dem die Angels traditionell einmal im Jahr im Massenkonvoi durch die Stadt knattern und in ihrem Clubhaus unweit des Charlottenburger Schlosses feiern. Die Polizei rechnet mit Hunderten "Engeln" aus anderen Bundesländern, die ihren Berliner Brüdern helfen wollen, den Gebietsanspruch im Osten und in der prestigeträchtigen Hauptstadt zu verteidigen. Die Sicherheitskräfte überlegen inzwischen sogar, den City-Run kurzfristig zu verbieten. Eine Maßnahme von wohl begrenzter Wirkung: Rocker zählen nicht zu jenen Staatsbürgern, die sich behördlichen Verboten fügen.

Wie gering ihre Neigung ist, mit der Polizei zusammenzuarbeiten, mussten auch die Beamten erfahren, die im Juni zu einem Einsatz in der Nähe des brandenburgischen Finowfurt gerufen wurden. Mitglieder der den Berliner Angels nahestehenden Brigade 81 und der Nomads hatten sich in zwei Autos eine wilde Verfolgungsjagd mit fünf anderen Fahrzeugen geliefert, zum Abschluss gab es eine Keilerei. Als die Polizisten eintrafen, waren Täter wie Opfer geflüchtet. Nur Enrico K. lag neben einem zertrümmerten Wagen - mit einer Axt im Bein. Den Beamten erklärte er: "Das war ein Verkehrsunfall."

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