Von Maik Großekathöfer
Nachmittags um vier sitzt Günter Eisinger im Biergarten der Sportanlage an der Hahnstraße in Frankfurt-Niederrad, er trinkt ein großes Radler, er wartet auf Ariane Friedrich, Deutschlands beste Hochspringerin, es sind noch vier Wochen bis zur Weltmeisterschaft in Berlin. Plötzlich klingelt sein Handy. Eine Dame vom Deutschen Leichtathletik-Verband ist dran, man würde gern mit Ariane vor dem Meeting in Wattenscheid noch eine Werbeaktion ... "Nee", sagt Eisinger, "da geht nix mehr."
Ariane Friedrich kommt zu ihrem Trainer an den Tisch, schwarzes Laufshirt und schwarze Leggins, blondierte Haare, iPod im Ohr. Sie erzählt, sie habe sich zum Mittag Weizeneiweiß in den Salat geschnippelt, "war lecker". Eisinger putzt sich den Mund ab. "Du hattest gerade wieder eine Anfrage", sagt er. Friedrich seufzt. Können die Leute sie nicht endlich in Ruhe lassen? Die beiden gehen zur Tartanbahn, Sprints stehen auf dem Programm, die Anlaufgeschwindigkeit muss stimmen in Berlin, ideal sind 6,5 Meter pro Sekunde.
Friedrich rennt los, da meldet sich Eisingers Telefon erneut. Dieses Mal ist es ein Sportstudent aus Köln, er will wissen, ob Frau Friedrich für eine Diplomarbeit zur Verfügung stehe, am liebsten vor der WM, aber gern auch während der Veranstaltung. "Warum nicht im Wettkampf?", fragt Friedrich und schüttelt den Kopf. Eisinger sagt: "Ich bin seit 30 Jahren Trainer, ich habe viel erlebt, aber so einen Hype noch nie."
Ariane Friedrich ist der einzige deutsche Star bei der Leichtathletik-WM, die am 15. August beginnt. Sie ist 25 Jahre alt, und wenn sie mit der Polizeihochschule fertig ist, wird sie Kommissarin sein. Im März wurde Friedrich Hallen-Europameisterin, Mitte Juni überquerte sie 2,06 Meter. Nur acht Frauen sind jemals so hoch gesprungen, sie verbesserte den 18 Jahre alten deutschen Rekord um einen Zentimeter.
Jetzt soll sie für Berlin werden, was Ulrike Meyfarth bei den Olympischen Spielen 1972 für München war: das Goldmädchen. In Deutschland hat der Hochsprung der Frauen Tradition, Meyfarth, Rosemarie Ackermann, Heike Henkel. Friedrich soll diese Reihe fortführen. Es gibt Athletinnen, die sind an geringeren Aufgaben gescheitert.
Ariane Friedrich ist eine Grenzgängerin, seit 2001 arbeitet sie mit Eisinger, dem früheren Bundestrainer, er holte sie mit 17 in den hessischen Landeskader, aber vor drei Jahren hätten sie sich fast getrennt. Eisinger hatte den Eindruck, sie verpulvere ihr Talent, "sie war ein Flippi, ihr unstetes Leben hatte mit Leistungssport nichts zu tun". Sie schlief manchmal nachts nur zwei Stunden, telefonierte noch morgens um drei, einmal schickte sie Eisinger nachts um zwei eine SMS: Sie hockte mit einem befreundeten Jäger auf einem Hochsitz, sie schrieb, sie hätten gerade einen Bock geschossen. "Das hatte sie auch im übertragenen Sinn", sagt Eisinger. Sie hat sich ein Band im Fuß gerissen, als sie mit Freunden um die Wette eine Rolltreppe in die verkehrte Richtung hinunterlief, und in ihrem Zimmer im Sportinternat vergammelten Pizzareste tagelang im Papierkorb.
Seit 2006 um 15 Zentimeter verbessert
Eisinger stellte sie zur Rede, jeder sollte aufschreiben, was ihm an der momentanen Situation nicht passte. Friedrich wollte raus aus dem Internat, wollte weniger Kontrolle, mehr Freiheit. Der Trainer listete 30 Kritikpunkte auf. "Erst war Ariane eine Weile still, dann kamen kurze Kommentare, schließlich rollten jede Menge Tränen."
Sie war danach ein paar Mal beim Psychologen, jetzt lebt Friedrich diszipliniert, um 23 Uhr geht sie ins Bett. Ihre persönliche Bestleistung hat sie seit 2006 um 15 Zentimeter verbessert.
Zwei Ernährungsexperten beraten Friedrich, in den vergangenen beiden Jahren hat sie acht Prozent ihres Gewichts verloren, sie wiegt im Wettkampf nur noch 57 Kilo statt 62, bei einer Größe von 1,79 Metern. Eisinger hatte die zehn besten Springerinnen der Welt analysiert und festgestellt, dass Friedrich relativ schwer war. Jetzt isst sie wenig Kohlenhydrate, viele Proteine und drei Tage vor einem Wettkampf keinen Zucker mehr.
Ihre Arme sind dünn, die Beine auch, die Brust ist flach wie ein Brett, aber sie hat keine Substanz verloren, ihre Kraftwerte sind gut. Sie reißt mit der Hantel über 50 Kilogramm und geht mit 120 Kilo in die Knie. Ihr wird immer wieder unterstellt, magersüchtig zu sein, Ariane Friedrich ärgert der Vorwurf, sie sagt, sie habe alles unter Kontrolle. Ein Body-Mass-Index von 17,5 und weniger deutet auf Magersucht hin, ihr Wert liegt knapp darüber, einmal allerdings, als sie nur noch 56 Kilo wog, rutschte er unter die Grenze, aber damals schritt Eisinger sofort ein.
Sechs, sieben Frauen springen bei der WM um den Titel
Ab kommender Woche trainiert Ariane Friedrich zu den Zeiten, zu denen in Berlin ihr Wettkampf stattfindet, ihr Biorhythmus soll sich an die Belastung gewöhnen.
Sechs, sieben Frauen springen bei der WM um die ersten drei Plätze, Friedrichs größte Konkurrentin ist Titelverteidigerin Blanka Vlasic aus Kroatien. "Man weiß nie, was passiert", sagt Günter Eisinger, "aber wenn eine Medaille bis ins letzte Detail planbar wäre, dann wäre es ja langweilig."
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Sport | Twitter | RSS |
| alles zum Thema Leichtathletik-WM | RSS |
© DER SPIEGEL 31/2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH