AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 31/2009
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27.07.2009
 

Fernsehen

Im Himmel wie auf Erden

Von Nikolaus von Festenberg

Ein ARD-Film zeigt das Unglück von Überlingen, bei dem 2002 zwei Maschinen zusammenstießen, als Tragödie moderner Sprachlosigkeit.

Das Unheil spricht mit vielen Stimmen. Aus dem Telefonhörer leiert es freundlich und unerbittlich: "Die Verbindung ist nicht möglich." Vom Himmel schreien derweil die Piloten ihre Verzweiflung zum Fluglotsen herab: "Wir sind auf Kollisionskurs. Was sollen wir machen?" Und dann ist das Verhängnis passiert - aus dem Äther kommt nichts als Schweigen, wie sehr der Controller auch ruft.

So wie es der Film "Flug in die Nacht - Das Unglück von Überlingen" an diesem Mittwoch in der ARD zeigt, hat es sich in jener Julinacht vor sieben Jahren wohl zugetragen: Ein allein diensttuender Fluglotse am Zürcher Flughafen Kloten, eine gestörte Verständigung, und am Ende ein feuriger Trümmerregen aus 11.000 Meter Höhe bei Überlingen, nachdem eine russische Maschine der Bashkirian Airlines und ein Frachtflugzeug zusammengestoßen waren. 71 Menschen starben bei der Katastrophe.

Die Namen sind geändert: Der Filmlotse heißt Johann Lenders und nicht wie in der Realität Peter Nielsen, die privatisierte Luftüberwachungseinrichtung AirGuideControl statt Skyguide.

Aber was die skandalösen Fakten angeht, gibt es keinen großen Unterschied zwischen Film und Realität, dafür eine Erkenntnis: Es sind Kommunikationsprobleme, die Schreckliches gebären, nicht nur am Himmel, sondern auch hinterher auf Erden.

Denn "Flug in die Nacht" ist mehr als die Rekonstruktion einer Flugzeugkollision. Dieses glänzende Fernsehstück behandelt genauso das Zerbrechen von Anstand und Trauer nach dem Geschehen - auf sensationell unsensationelle Weise: Erst hinterher, nach einer scheinbar logisch geordneten Szenenfolge, begreift der Zuschauer, dass er in moralische Abgründe geblickt hat.

Es fängt alles so harmlos an. Ken Duken, der den Zürcher Unglückslotsen spielt, macht deutlich, wie ein ganz gewöhnlicher Mensch in die Stressmühle des Schicksals gerät und zermalmt wird. Wir sehen Lenders als freundlichen Familienvater beginnen und als Zerschmetterten enden und haben nie das Gefühl, einer theatralischen Vorführung beizuwohnen.

Aus dem SPIEGEL-TV-ARCHIV

Foto: SPIEGEL TV
Fünf Jahre nach dem Überlingen-Absturz
(15.05.2007)
Am Unglücksort, der Fluglotsenzentrale am Zürcher Airport Kloten, sind Sparwahn, Schlendrian und leichtsinnige Kameraderie längst vor dem Unglück ein gefährliches Bündnis eingegangen. Wegen dünner Personaldecke durfte sich mit Zustimmung des Kollegen einer der beiden zum Nachtdienst eingeteilten Lotsen schlafen legen, während der andere wacht.

Und wegen Wartungsarbeiten war die Telefonstandleitung nach Friedrichshafen ausgeschaltet. Der Lotse aber weiß das nicht, er muss den Anflug eines verspäteten Fliegers koordinieren. "Die Verbindung ist nicht möglich": Lenders ist so vom Telefon genervt, dass er übersieht, was wenig später zum Crash führt.

"Die Verbindung ist nicht möglich" - das ist zugleich das Leitmotiv für die zweite menschliche Tragödie, die der technischen am Himmel folgt. Sie handelt von der Kollision zwischen persönlichem Anstand und formaler Juristerei, von aufgewühlten Gefühlen und kalter Vertuschung.

Präzise hat Regisseur Till Endemann, der mit Don Bohlinger auch das Drehbuch schrieb, die Verhinderung natürlicher Regungen wie Scham, Trauer und Mitgefühl inszeniert. Der Unglückslotse darf bei den Opfern nicht um Entschuldigung bitten, das würde die Chancen von AirGuideControl im Entschädigungspoker verschlechtern.

Lenders lässt sich zunächst von der Anwältin seines Arbeitgebers (Sophie von Kessel) dazu vergattern, jede öffentliche Geste der Betroffenheit zu vermeiden. Bloß kein Schuldeingeständnis. Er soll seine Gefühle suspendieren - als könnte er auch in seinem Innern der Stimme aus dem Telefon folgen: Verbindung nicht möglich.

Es dauert, bis Lenders erkennt, dass er so nicht weiterleben kann. Er kündigt und entschuldigt sich bei einer Angehörigen der Opfer. Er ist auf dem Weg zurück zu einem halbwegs normalen Leben.

Aber darauf folgt noch ein dritter Akt. Und auch der handelt von der Unmöglichkeit gelungener Kommunikation. Der Architekt Yuri Balkajew (Jewgenij Sitochin), in Wirklichkeit heißt er Witalij Kalojew, gehört zu denen, die eine archaische Rechtsauffassung haben, weit entfernt von der europäischen Justiz. Der Mann, der seine Frau und seine beiden Kinder verloren hat, verlangt die persönliche Entschuldigung des Verursachers. Und den sieht Balkajew in Lenders, dem Fluglotsen. Der Russe weiß nicht, dass Lenders unter seiner Mitschuld leidet, anders als sein kaltherziger Arbeitgeber. So kommt es zum grausamen Finale: Balkajew ersticht den Lotsen.

Hier endet das Fernsehstück, aber nicht die Wirklichkeit. Nach nicht einmal vierjähriger Haft in der Schweiz kehrt der Rächer nach Nordossetien zurück, wird dort als Volksheld gefeiert und zum stellvertretenden Bauminister ernannt. Die "Iswestija" lobt seine "offenen, starken Gefühle", die dem Westen Angst machen würden.

Als hätte es nicht schon genug Kollisionen gegeben.

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insgesamt 10 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
29.07.2009 von tkgk: ein Augenzeuge

Ein großes Lob an die Macher des Fernsehfilms zur Flugzeugkatastrophe von Überlingen!!! Ich war zunächst sehr skeptisch, hab mir den Film aber doch angeschaut und hab keine Sekunde davon bereut. Der Film ist nicht reißerisch [...] mehr...

29.07.2009 von schlechtmensch: Wo ist das Problem?

Jedenfalls ist es doch beruhigend, dass derartige Aufgaben, wie die Flugsicherung gerade auch in Deutschland privatisiert wurden, bzw. demnächst werden können. Das ist dann bestimmt so wie S-Bahn fahren in Berlin. Aber [...] mehr...

29.07.2009 von schlechtmensch: schade...

Ich höre es ja gerade nur noch nebenbei. Aber was mich - rein akustisch nicht dazu reizt mir auch das Bild anzusehen - sind a) die Lindenstraßen Dialoge/ Figuren/Schauspielertyp... b) das ewige "ethno" deutsch a la [...] mehr...

29.07.2009 von Pablo alto: Sprachlosigkeit

Seltsam flache Rezension: Ein, zwei Sätze, die sich überhaupt dezidiert auf die Verfilmung beziehen - der Rest mehr oder weniger eine Nacherzählung der Ereignisse. Kein Hinweis etwa auf die offenbar glanzvolle Kälte der Sophie [...] mehr...

29.07.2009 von Tugrik: übliche Russophobie...

Ich erinnere mich wieviel Dreck damals auf russische Piloten seitens Medien kam, angefangen mit der Unprofessionalität und "mehrmalige Verweigerung der SkyGuide Anweisungen" bis hin dass ein russische Piloten ohne [...] mehr...

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