Von Markus Brauck
Der Ministerpräsident war eingeweiht. Er kannte Hape Kerkelings Kunstfigur Horst Schlämmer schon vorher und wusste, was auf ihn zukommt. Schlämmer - dieses Abziehbild eines Journalisten, dessen Anfangs-Sch schon lautlich andeutet, was dieser Typ alles ist: schmuddelig, schmierig, schleimig, schlimm.
Schockieren konnte Jürgen Rüttgers also eigentlich nichts mehr. Überraschungen waren nicht zu erwarten. Schlämmer würde ihn interviewen, und das würde in einem neuen Film zu sehen sein. Es war ein abgekartetes Spiel.
Doch offenbar schien der Politiker dies für ein paar Augenblicke selbst zu vergessen. So zumindest wirkt es im Film. Als Schlämmer ihm nämlich eröffnet: "Ich will Bundeskanzler werden", da ist auf Rüttgers Gesicht ein Ausdruck zu sehen, der nicht mehr zum Spiel gehört, sondern der Kunstfigur direkt gilt. "Das meinst du jetzt nicht ernst", heißt dieser Ausdruck.
Dann entspannt er sich: "Darf ich das der Angela Merkel sagen? Soll ich sie vorwarnen?" Das ist ganz lustig. Doch der eigentliche Gag ist Rüttgers' Blick.
Es sind diese raren Augenblicke, die das Publikum liebt: Wenn eine unglaublich bescheuerte Kunstfigur vom Gegenüber für voll und für echt genommen wird. Hape Kerkeling hat ein solches Wesen mit Schlämmer erschaffen. Der Brite Sacha Baron Cohen brachte dem Planeten den kasachischen Irren Borat und die Ösi-Tucke Brüno. Christian Ulmens erfolgreichste Kreation ist der labernde Loser Uwe Wöllner.
Doch diese Kunstfiguren bleiben längst nicht mehr in ihren angestammten Biotopen - in Comedy-Filmen und Comedy-TV. Sie nutzen mittlerweile auch den Journalismus für ihre Inszenierung. Sie geben Interviews, als seien sie real - und Journalisten werden zum Teil des Spiels.
Am 20. August kommt "Horst Schlämmer - Isch kandidiere" in die Kinos. Die Marketingmaschine für den Film wird in dieser Woche so richtig hochgefahren. An diesem Dienstag: Pressekonferenz im Ritz-Carlton in Berlin.
Und die Kunstfigur macht ernst. Kerkeling sitzt auf der Pressekonferenz nicht als Kerkeling, sondern nur als dieser sonderbare Typ mit Trenchcoat, Herrenhandtasche, falschen Zähnen und rheinisch-schnarrendem Timbre. Wer über den neuen Schlämmer-Film reden will, kann das nur mit Schlämmer. Kerkeling selbst beantwortet keine Fragen.
Es ist, zum einen, eine PR-Masche, zum anderen ist es auch ein Test, wie stark die Kunstfigur wirklich ist. Ist sie spannend genug, um allein Gegenstand der Berichterstattung zu sein?
Bisher hat Schlämmer den Realitätsdruck ausgehalten. Er ist - anders als etwa Kerkelings Schöpfung Uschi Blum - den Deutschen mittlerweile als Person vertrauter als mancher B-Promi. Wenn er bei Günther Jauchs "Wer wird Millionär?" auftritt und dem Moderatorenstar die Show stiehlt, verliert der Zuschauer irgendwann aus den Augen, dass er einer Kunstfigur aufsitzt. Und "Isch kandidiere"-Regisseur Angelo Colagrossi, der auch Kerkelings Lebensgefährte ist, erzählt, dass ihn Leute ernsthaft ansprächen, er solle doch mal gemeinsam mit Hape Kerkeling und Horst Schlämmer vorbeikommen, die zwei wären zusammen bestimmt ein lustiges Paar.
Die Eigenständigkeit seiner Figuren am weitesten getrieben hat Sacha Baron Cohen, der Erfinder von Borat und Brüno. Ihn gibt es öffentlich so gut wie gar nicht. Er gibt fast keine Interviews. Nur seine Figuren reden und verlieren so von Interview zu Interview immer mehr von ihrer Fiktivität. "Brüno", so sehr ist das Konzept hier aufgegangen, ist dann nur noch "der neue Film von Borat".
Doch Cohen ist auch ein Beispiel dafür, wie schnell man abrutschen kann auf dem schmalen Grat zwischen künstlerischem Konzept und purer Reklame. Er klemmte die Medien für seine "Brüno"-Kampagne derart ins PR-Korsett, dass alles Spielerische verlorenging und damit auch der eigentliche Witz an der Sache.
Als Brüno im österreichischen Fernsehen auftrat, mühte er sich nach Kräften, die Alpenrepublik zur provozieren. Er habe bewiesen, dass es "eine Alternative zum österreichischen Traum gibt, einen sicheren Job finden und ein Kellerverlies, in dem man eine Familie großzieht", sagte er in Anspielung auf den Inzestfall von Amstetten. Und ein paar Augenblicke später wies er den Interviewer zurecht: "Könnten Sie übrigens mich anschauen und nicht dauernd auf meinen Kugelsack starren? Versuchen wir professionell zu bleiben." Der Journalist blickte ungläubig.
Doch irgendwie schlug diese Kunstfigur nicht in der Realität ein. Was Brüno sagte, war den Österreichern ziemlich egal. Und die Journalisten waren entnervt.
Peter Fritz, Berliner Büroleiter beim ORF, führte das Interview. Er war von Cohen eher entsetzt. Er habe die Fragen tags zuvor einreichen müssen, damit ein Autorenteam die Antworten zurechtbasteln konnte. Der Komiker habe sie dann auf einer Art Teleprompter während des Interviews abgelesen. "Da war nichts spontan, und wenn ich vom Manuskript abgewichen bin, hat er gar nicht reagiert."
Die Kunstfigur erwachte nicht zum Leben. Sie blieb blutleerer Fake.
Das Geniale an Borat war, dass da eine Kunstfigur ein Stück der realen Welt aus den Fugen brachte. Die kasachische Regierung war von dessen Unflätigkeiten übers angebliche Heimatland so erbost, dass erst der kasachische Botschafter in London protestierte und schließlich noch eine Imagekampagne organisiert wurde, um den neuen üblen Ruf zu reparieren. Für diese Story ließ sich die weltweite Journaille die inszenierten Interviews noch gern gefallen.
Borat hatte in der realen Welt solche Verwüstungen angerichtet, dass man ihm zu diesen Dingen sogar sehr reale Fragen stellen konnte. Bei Horst Schlämmer ist das ein wenig anders. Gespräche mit ihm sind witzig und sehr speziell, aber irgendwie sinnlos. Eigentlich geht es um nichts. Was schließlich soll man eine Kunstfigur fragen, die Kanzler werden will? Ein Versuch:
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