Von Markus Brauck
SPIEGEL: Herr Schlämmer, erfüllen Sie die Sehnsüchte nach dem starken Mann, der für schnelle Lösungen sorgt?
Schlämmer: Also, der starke Mann ist mir insofern schon gar nicht möglich, dass ich ohne Hilfe morgens gar nicht allein aus und abends nur ohne Hilfe ins Bett komme, wenn ich was getrunken habe. Ich habe Kreislauf, ich habe Rücken, und ich habe Mitte. Ich bin konservativ, ich bin links, ich bin liberal - und das ist im Grunde doch das ganze Land.
SPIEGEL: Wie schätzen Sie ihre Gegnerin ein, die Kanzlerin?
Schlämmer: Ich bewundere an der Merkel, dass sie in den letzten vier Jahren ihrer Kanzlerschaft keinen Skandal gehabt hat. Das spricht für sie. Andererseits ist sie dadurch auch ein bisschen konturlos. Vielleicht hätte ihr der eine oder andere Skandal auch gutgetan.
SPIEGEL: Wo ist eigentlich die SPD geblieben? Verschwunden?
Schlämmer: Die SPD ist wahlsloganmäßig ein bisschen abgetaucht zurzeit. Aber die Wahlslogans aller Parteien haben ja so etwas Ätherisches, ich möchte fast sagen: Esoterisches. Die sind von einer Leichtigkeit, da pusten Sie gegen, und dann kommen die wieder hoch.
Anders als Cohens Kreaturen provoziert Kerkelings Kunstfigur nicht. Nur ihre Klamotten sind schlämmer als schlimm, und sie müffelt nach Schnaps. Doch sie fabriziert keine Skandale, die Journalisten so lieben. Der Nachrichtenwert der Figur Schlämmer ist gleich null.
Schlämmer funktioniert in den Medien nur, weil das Publikum diesen Typen tatsächlich mag - und nicht nur, weil hinter der Maske Hape Kerkeling steckt. Deshalb werden in den nächsten Tagen und Wochen die Zeitungen und TV-Promi-Magazine voll sein mit Schlämmer-Interviews und Schlämmer-Porträts. Er wird behandelt werden wie jede reale Celebrity auch - und wird zwischen all den "Promis", von denen man ohnehin nie wusste, warum man sie kennen muss, nicht einmal besonders auffallen. Es ist ein Vexierspiel, das die Kunstfigur am Ende scheinbar selbst verwirrt:
SPIEGEL: Eines haben wir nur noch nicht verstanden: Kandidieren Sie wirklich, oder spielen Sie nur als Sie selbst in einem Film mit, der sich Ihre Popularität zunutze macht?
Schlämmer: Das ist nicht sicher. Die Constantin hat ja einen Film dazu gedreht. Also ich bin der festen Überzeugung, ich würde kandidieren. So wurde es mir auch verkauft.
Eigentlich ist Schlämmer viel zu bekannt, um noch jemanden in Deutschland mit seiner puren Existenz zu überraschen. Doch bei "Isch kandidiere" gibt es Ausnahmen. Schlämmer hatte sich auch zu Interviewterminen mit Vertretern von sehr kleinen Parteien verabredet - und die reagieren auf ihn so wie die ersten Menschen, auf die Kerkelings Schöpfung vor Jahren losgelassen wurde: entsetzt, dass es so jemanden tatsächlich zu geben scheint.
Über diesen Charme des Noch-Unbekannten verfügt zurzeit noch Uwe Wöllner, das Geschöpf von Christian Ulmen. Die Figur entstand in einem Fernsehformat und ist mittlerweile Kultobjekt einer eher überschaubaren Fan-Gemeinde im Internet. Wöllner kann sich noch relativ inkognito durch die wahre Welt bewegen.
Seine Story ist simpel. Der ziemlich beschränkte, aber haltlos plappernde Arbeitslose Uwe wurde vom TV-Reporter Schorch überredet, Protagonist einer Doku-Serie zu sein. Und genau als eine solche Fernsehproduktion, wie es sie in Deutschland zigfach gibt, melden sich Uwe und Schorch dann bei ihren Opfern an.
Ulmen ist in der Umsetzung dieser Idee einigermaßen radikal. Er erspart es seiner Figur auch nicht, dass sie von Schorch in ein Bordell gedrängt wird, wo sie mit heruntergelassener Unterhose vor laufenden Kameras ihre Unschuld verliert. Das Bordell und die Prostituierte seien echt, versichert Ulmen. Nur der eigentliche Akt sei gefaked. Was Schorch in der Szene erklären konnte, ohne die Prostituierte misstrauisch werden zu lassen. Schließlich arbeiten ähnliche "Doku"-Produktionen sonst ja auch mit gestellten Szenen.
Der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" waren die beiden Kunstfiguren Uwe und Schorch ein langes Interview wert. Frank Schirrmacher, Mitherausgeber des Blattes, war einer der Interviewer. Die Idee sei ihm gekommen, als er den Darsteller des Schorch auf einer Party traf und irritiert feststellte, "dass ich die Figur selbst für ganz real halte".
Eigentlich hatte er erwartet, dass das Interview irgendwann kippen und man mit den Schauspielern über die Figuren reden werde. Doch das Gespräch entwickelte eine Eigendynamik. "Zweieinhalb Stunden hat es gedauert", erzählt Ulmen. "Und Schirrmacher war mit großer Spielfreude dabei. Er wollte unbedingt, dass Schorch endlich gesteht, dass er Uwe eigentlich ausnutzt."
Eigentlich eine absurde Situation, eine Kunstfigur zum Geständnis zu bewegen. Ulmen selbst war begeistert: "Ich hatte gar nicht geahnt, wie sehr meine Figur mittlerweile als real empfunden wird."
Die Kunstfigur Schlämmer hat es in diesem Spiel besonders schwer. Sie muss ihren Schöpfer Hape Kerkeling vergessen machen, immerhin einer der beliebtesten Komiker, der als Autor des Pilgerbuchs "Ich bin dann mal weg" einen der erfolgreichsten Bestseller der vergangenen Jahre hinlegte. Kerkeling schweigt. Dafür kann man Schlämmer in ein grenzkomisches Gespräch darüber verwickeln, ob es ihn überhaupt gibt:
SPIEGEL: Kennen Sie Brüno, den österreichischen Modejournalisten?
Schlämmer: Ja natürlich.
SPIEGEL: Es geht das Gerücht, er sei bloß die Erfindung eines Komikers. Glauben Sie das?
Schlämmer: Mir wird ja auch immer unterstellt, dass ich eine Kunstfigur sei. Aber schauen Sie, ich bin keine Kunstfigur, ich bin real. Ich bin auch mal virtuell, aber generell mehr real.
SPIEGEL: Woran erkennt man das?
Schlämmer: Man kann mich anfassen, und ich rieche.
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© DER SPIEGEL 32/2009
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