AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 33/2009
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Autoren Wer schreiben will, muss leben

3. Teil: "Er war ein wahrer Künstler"

Jung sei David gewesen, sehr förmlich auch. Er sah aus wie ein Fahrradkurier oder wie ein Gruppensex-Freak, so übermaskulin in seinen Timberlands und den abgeschnittenen Jeans, Tabak kauend und spuckend, dazu Fingerhandschuhe, aber er nannte sie "Mrs. Karr". Niemand redet so im Land der Vornamen, sie fragte: "Are you fucking with me?", "Willst du mich verarschen?" Dann ging es schnell, zu schnell: Er verehrte die sieben Jahre Ältere, sie mochte den witzigen Jungen, der ihrem Sohn erzählte, in seinem Bart wohne eine Spinne. David ließ sich ihren Namen auf den Arm tätowieren und wollte heiraten, sie war frisch geschieden und wollte endlichen Spaß, alle zwei Wochen.

"Er war ein wahrer Künstler, mit 25 schon. So ernsthaft. Ich habe ihm gesagt, dass es nicht um Klugheit gehe in der Kunst. Yates war nicht klug, Rilke war nicht klug, nur klug zu sein ist billig. Es geht um Herz, um Gefühl." Mary Karr, Dichterin, trägt ein rotes Kleid, schwarze Haare, "was noch?" Das Ende, Mary?

"Es war tumultös, ein Desaster. Er überlud mich mit Erwartungen, ich sollte seine Anna Karenina sein. Er unterschrieb Briefe mit 'Young Werther'. Das Süßeste, Traurigste an David war, dass er so bedürftig war. Er brauchte Rückversicherung und Aufmerksamkeit." Mary Karr sagt dann, dass der Mann mit dem Markennamen DFW "auch eine Menge Ärger in sich gehabt" habe, er habe einen Rucksack und dann den Kaffeetisch nach ihr geworfen, auch ihre Mutter habe er angerufen. Er sei einer dieser Männer gewesen, "die alle fünf Jahre ihr Leben in die Luft jagen müssen vor Wut, selbstmitleidig, selbstzerstörerisch. Und wenn du nicht mehr trinkst, keine Mösen mehr jagst, was bleibt dir dann noch?"

Dies ist das einzige Thema, bei dem sie sich nicht einig sind im inneren Kreis. Die anderen sagen, David sei höflich gewesen, bescheiden, demütig fast, stets in Sorge um andere, und Mary habe Davids Mutter angerufen, so herum stimme ihre Geschichte. Es klingt so, als sei Mary Karr, die Ex-Freundin, ausgestoßen aus der Gemeinde.

Denn zum inneren Kreis zählen die Beschützer, jene Menschen, die glaubten, den Star in ihrer Mitte vor der Welt und sich selbst hüten zu müssen, die Eltern, die Agentin, die Schwester, die Ehefrau, ein bester Freund auch, der in dieser Geschichte keinen Namen haben möchte, und Michael Pietsch.

Michael Pietsch nennt die Arbeit mit Wallace "den großen Kick meines Verlegerlebens, ein einziges Abenteuer". Pietsch, Verleger bei Little, Brown and Company, trägt blaues Hemd und graue Hose, kurze braune Haare, er hat ein Büro über Grand Central, Manhattan, rote Sitzmöbel. 200 Seiten bekam er damals zu lesen, nach 200 Seiten kann niemand sagen, wohin "Infinite Jest" führen wird, aber Pietsch bot, bis er es hatte. Für 75 000 Dollar raubte er Gerry Howard den besten Autor, den beide je drucken durften.

Pietsch und Wallace trafen sich bei einem Mexikaner auf der Lower East Side, der Käse war nicht gut, Wallace übergab sich. Er sah jung aus, kindlich. Pietsch trank Bier, Wallace trank Limonade.

Danach: Schweigen. E-Mails schrieb Wallace nicht, der auch selten nur telefonierte und keinen Fernseher hatte. Michael Pietsch wartete an der Ostküste, Wallace schrieb im Westen. Manchmal schickte der Verleger dem Autor ein Buch, manchmal lud er ihn in die große Stadt ein, aber Wallace ertrug New York nicht. Den Klatsch nicht, die Fans nicht, die Enge nicht und schon gar nicht den Lärm.

Und dann kamen sie. 3000 Manuskriptseiten. Was sahen Sie, Michael?

"Warten Sie, ich denke mich zurück." Er holt das Buch, blättert, liest. "Ich sah einen brillanten Autor, der Charaktere sezierte, die nicht so brillant waren und eine Menge schlechter Entscheidungen getroffen hatten, Verlierer, die eine Menge Ärger hatten. Und ich sah eine enorme Empathie für diese gefallenen Gestalten. Da waren eine philosophische Tiefe, eine Komödie, eine neue Sprache, da war diese weltumspannende, imaginative, hochkomische und hochpolitische Konstruktion."

Natürlich, ein Verleger wirbt für sein Buch. Aber es ist wahr: "Infinite Jest" ist der Roman über den Zustand der USA, über den Verlust aller Ziele in dem Moment, wenn alles erreichbar wird, über Liebe auch, über Trauer und Sucht. Er beginnt mit einem jungen, kiffenden Tennisspieler, der in einer Akademie Profi werden soll. Er führt zu einem Einbrecher, der nicht begreift, dass der gefesselte Hausbesitzer ihm den Safe gern öffnen würde, denn der Hausbesitzer spricht nur Französisch und nuschelt auch noch, denn er ist ja erkältet, und so erstickt der Hausbesitzer am Ende am Knebel. Ein Bauarbeiter tritt auf und ab, der einen Flaschenzug nutzen will, um sich das Leben zu erleichtern, aber der Flaschenzug reißt ihn hinauf und dann in die Tiefe; so geht das bei Wallace mit allem, was das Leben lebbar machen soll. Dieses Leben zahlloser Chancen führt den Tennisspieler und viele mehr in den Wahnsinn, in der Heilanstalt liegt zu Beginn schon eine junge Patientin, nach zwei Selbstmordversuchen, und sie erzählt von ihrem Gefühl: Angst.

"Ich wollte mir nicht unbedingt wehtun. Oder mich irgendwie bestrafen. Ich hasse mich nicht. Ich wollte bloß raus. Ich wollte nicht mehr mitspielen, das ist alles ... Wehtun hat mir gerade noch gefehlt. Ich wollte mich bloß einfach nicht mehr so fühlen. Ich glaube ... ich glaubte nicht, dass dieses Gefühl je weggehen würde. Glaub ich auch jetzt noch nicht. Lieber fühl ich gar nichts als das hier ... Das Gefühl ist der Grund, warum ich sterben will. Ich bin hier, weil ich sterben will ... Deswegen hat man mir Schnürsenkel und Gürtel weggenommen. Nur das Gefühl nimmt man mir nicht weg, oder?"

Michael Pietsch wusste damals nichts von den Depressionen seines Autors, er las Stellen wie diese einfach als dichteste Stellen eines dichten Romans, Pietsch schlug dennoch Kürzungen vor, 250 Seiten. Es war spielerisch, Wallace argumentierte und kürzte doch. Als sie fertig waren, sagte Wallace, er hoffe, der Verlag werde kein Geld verlieren, "ich lachte und sagte, dass wir ekstatisch seien, aber er glaubte mir nicht", sagt Pietsch.

Wallace studierte am Amherst College, in Tucson und an der Harvard University, dort aber nur ein Semester lang Philosophie; er wollte lieber leben, so gut er konnte, das ging nur auf dem Land, leben und schreiben, das war eins. Er lehrte Literatur, zuletzt am Pomona College in Claremont, er schrieb am "Pale King", er litt am "Pale King". "Ich glaube, er war seiner alten Tricks überdrüssig und wusste nicht, was seine neuen Tricks sein könnten", sagte Karen, seine Ehefrau.

Der Kölner Verleger Helge Malchow machte sich auf den Weg, um den Autor, den er verpflichten wollte, in Los Angeles zu treffen. Wallace, sagt Malchow, sei ja nicht nur moralischer Ankläger der populären Kultur, sondern er berichte von innen, als Teil dieser Kultur, darum subversiv. Sie trafen sich am Bahnhof, Wallace kam per Zug mit Plastiktüte und Parka, "er sah aus, als suchte er ein Plätzchen für die Nacht", sagt Malchow; sie aßen und sprachen über Georg Büchner.

Und in Basel machte sich ein einsamer Mann ans Werk.

Ulrich Blumenbach, blondierte Haare, dicke Brauen, schwarze Jeans, schwarzes T-Shirt, trägt Wasser und Espresso hinauf in die Übersetzerstube mit Rheinblick.

Sechs Jahre für ein Buch.

52.000 Euro Lohn.

Achtmal hat er die 1080 Seiten von "Infinite Jest" gelesen, 1552 Seiten hat die deutsche Ausgabe, "Unendlicher Spaß" ist mehr geworden als eine Huldigung, werktreu und zugleich eigenwillig, mutig und angemessen meisterlich.

Blumenbach hat David Foster Wallace nie getroffen, aber er kennt ihn gut. "Sein Ziel war ein Hyperrealismus, der aller Facetten des Lebens sprachlich habhaft werden wollte, es ging ihm um Sinnlichkeit und größtmögliche Präzision der Weltbeschreibung", sagt Blumenbach. Die Tricks: "ein Rhythmus durch Satzzeichen, unendlich viele Hypotaxen, Semikolons, besonders wenn Morde geschildert werden, dann werden die Satzzeichen zu Atemzeichen, das Ersticken des Opfers überträgt sich. Und außerdem sind da die kleinen Fehler". "Cagatorically" heißt es bei Wallace, am Anfang korrigierte Blumenbach so etwas noch, dann merkte er, dass es Absicht war, weil Wallace' Verlierer so sprechen mussten. "Ein Exempel konstatieren", so heißt es bei Blumenbach, schöner könnte es Lothar Matthäus nicht sagen.

Ulrich Blumenbach wollte Wallace treffen und "mit einem Kniefall" das Werk überreichen. Er hatte eine Liste mit Fragen, ahnte nichts von der Verfassung des Autors, "seine Essays waren so hell, so komisch, sein ständiges Produzieren hat einen falschen Eindruck gemacht".

Es sei wohl so, sagt er, "dass wir alle vieles abblocken, das macht uns lebensfähig. Er ließ alle Flutwellen von Alltagselementen bewusst über sich rollen, um sie dann literarisch bewältigen zu können".

Es gab noch vergnügte Tage im Leben des DFW, auch in den letzten Jahren. Einmal reiste er nach Wimbledon, er schrieb über Roger Federer, "Poesie in Bewegung", verzaubert. DVDs von Federer-Matches schickten ihm seine Eltern, "das waren Davids Pornos", sagte Karen. Sie richtete ihm ein Zuhause ein, endlich mehr als nur Matratzen und Bücher und Tabletten und Werner, der Pitbull. Sie brachte ihn zum Lachen, über seine Phobien, die Angst vor Haien beim Strandspaziergang.

Aber es waren nicht mehr viele gute Tage, und es wurden weniger.

Das Problem, so schrieb er Freunden, war, dass Nardil, das Antidepressivum, seinen Blutdruck erhöhte, es schwemmte ihn auf, es veränderte ihn. Er kam nicht voran mit dem neuen Roman, im Mai 2008 schrieb er das letzte Wort, er glaubte, dass das Medikament seine Emotionen bremse, nicht nur die üblen, die es bremsen sollte, sondern auch jene, die er brauchte, um schreiben zu können. Er konnte mit der Medizin leben, aber nicht mehr schreiben, und Schreiben war Leben für ihn. "Das, was die Existenz erträglich macht, entreißt ihr den Sinn", so sagt es Helge Malchow - der Abgrund postmoderner Existenz?

Im Juni wollten die Eltern nach Kalifornien fliegen, sie hatten die Tickets schon. Am Tag vorher rief David an, "hi Mom, this is David", das sagte er immer. Er hatte zwei Bitten: Sie sollten nicht kommen, und sie sollten nicht beleidigt sein. Dann nahm er Tabletten und überlebte.

Im August 2008 musste Karen für eine Woche verreisen, nun flogen die Eltern nach Kalifornien. Er hatte abgenommen, 30 Kilogramm. Die Mutter kochte, aber er aß und schlief nicht mehr. David fragte: "Wie macht man Smalltalk? Wie kauft man ein?" Zum Abschied die Tränen.

Ende August wollte ihn die Schwester besuchen. "Es ist nicht alles gut", hatte er am Telefon gesagt, aber sie durfte nicht kommen. "Ich verzeihe mir nicht, dass ich nicht trotzdem gefahren bin", sagt sie, "er hatte keine Kraft mehr in sich."

Er hatte Nardil abgesetzt, der Körper musste sich erholen, vier Wochen brauchte es, ehe erwiesen war, ob neue Medikamente wirkten, es waren heikle Phasen. Und nichts wirkte. Die Ärzte rieten ihm, zu Nardil zurückzukehren, aber was 20 Jahre lang gewirkt hatte, wirkte nicht mehr. David Foster Wallace lächelte. Die Jünger im äußeren Kreis ahnten noch immer nichts, die Vertrauten im inneren Kreis dachten, es gehe ihm besser.

Er wollte keine Medizin mehr, er musste es riskieren.

Er wollte leben, dafür musste er schreiben können.

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