Von Sandra Schulz
Dabei sind es meist die Eltern selbst, die ihre Kinder angefixt haben. Schon im Kindergartenalter rüsten manche ihre Söhne und Töchter mit einem Computer aus. Das, hoffen sie, werde ihnen bei der Ausbildung nützen. Als dann überall Internetcafés aus dem Boden schossen, wo die Datenübertragung schneller ist als zu Hause, wo es Snacks gibt statt keifender Eltern und jede Menge Gleichgesinnte, wurden diese Treffs zum Rückzugsort für Chinas Teenager.
Tao, selbst im Rang eines Obersts, gehört zur Expertengruppe, die im vorigen Jahr erstmals einen Leitfaden zur Diagnose von Internetsucht veröffentlicht hat. Zu den Symptomen zählen demnach: mehr als sechs Stunden täglich im Netz; Desinteresse an anderer Freizeitbeschäftigung; Unfähigkeit, die Dauer im Web zu begrenzen.
Dennoch gibt es bisher keine verbindliche Definition des vermeintlichen Krankheitsbildes. Zong Chuansan, Direktor von Chinas Vereinigung für psychische Gesundheit, warnt, dass es bisher meist vom moralischen Urteil der Eltern abhänge, ob sie ihr Kind als suchtkrank betrachteten oder nicht. Zudem würden viele Menschen nicht zugeben, wie lange sie online sind, wenn Internetabhängigkeit als "geistige Störung" angesehen werde, so wie es Tao tut. Schließlich würden in China Geisteskranke immer noch diskriminiert. Das eigentliche Problem, sagt Zong, sei die Einstellung der Menschen: "Sie machen das Internet zum Monster."
Das sieht Tao Ran anders. Der Schaden, den die Jugend weltweit durch Internetsucht nehme, sagt er, sei größer als der, den die Schweinegrippe anrichte. Seine Klinik ist seine Mission. Auf der Broschüre steht: "Wenn die Jugend stark ist, ist auch das Land stark."
Li Ming*, Anfang zwanzig, studiert eigentlich Flugzeugbau, jetzt sitzt er auf seinem Doppelstockbett in Tarnfleck-Uniform, nur am Wochenende darf er seine eigene Kleidung tragen. Zwei Monate und elf Tage schon lebt er hier in dem kleinen Raum mit dem vergitterten Fenster. Er hat Glück, heute stehen nur sechs Zahnputzbecher in gerader Linie auf dem Fensterbrett, hängen nur sechs Plastikschüsseln mit sechs Waschlappen übereinander auf dem Holzständer, normalerweise sind sie zu acht im Zimmer. Die Jungs waschen ihre Kleidung selbst, sie machen ihr Bett, sie räumen auf. Das kennen die meisten nicht, sie sind aufgewachsen als Einzelkinder.
Sechs Uhr aufstehen, halb acht Frühstück, halb zwölf Mittagessen, halb zehn schlafen gehen, dazwischen Psychotherapie oder marschieren. So vergehen Lis Tage, streng nach Stundenplan. An der Universität hing er bis spät nachts vor dem Computer, schaffte es am nächsten Tag erst mittags aus dem Bett. Dabei hätte er schon um acht Uhr in der Vorlesung sein müssen.
Warum er so gern spiele? Li Ming beißt sich auf die Lippe, knetet seine Hände. "Da kann ich meine Sorgen vergessen", sagt er mit leiser, hoher Stimme. Früher sei er glücklich gewesen, auf dem Basketballplatz mit Freunden. Als Student aber kam er mit der Freiheit nicht zurecht. Keine Kontrolle wie zu Hause, ein Studienfach, das er nicht mochte, an einer Universität, die seine Eltern für ihn ausgesucht hatten. Sein Onkel hatte gesagt, mit so einem Abschluss bekomme er später einen guten Job.
Sieben Stunden täglich verbrachte er im Netz, er vermasselte das Examen. "Du ruinierst unsere Familie!", schimpften die Eltern. Li Ming aber spielte weiter, es war alles viel leichter im virtuellen Leben. Und wenn er im Computerspiel tötete, sagt er, konnte er endlich den ganzen Stress rauslassen. "Das kann man ja sonst nicht."
Auch Li Mings Mutter wohnt jetzt in der Klinik, denn Direktor Tao setzt nicht nur auf Medikamente für die Depressiven und Hyperaktiven. Er will auch die Eltern schulen. "Respektiert eure Kinder", sagt er ihnen. "Gebt euren Kindern Raum!"
Viel Raum aber haben die auch in der Klinik nicht. Der Schlaftrakt ist abgesperrt durch ein hohes Gitter und ein schweres Vorhängeschloss. Um das Gitter haben sie künstliche Blumenranken drapiert, damit es hübscher aussieht. Das Arztzimmer liegt auf demselben Gang wie die Zimmer der Teenager. Dort sitzen sie in ihren weißen Kitteln und wachen und bewachen, 24 Stunden am Tag.
Er habe viel gelernt hier, sagt Li Ming, doch am Anfang wollte er einfach nur raus. "Ich habe mich gefühlt wie ein Vogel im Käfig." Jetzt aber muss er los, hinaus in den Hof, mit den anderen antreten im Karree. Ein paar Meter Dauerlauf, dann wieder strammstehen. Manche hängen mehr, als dass sie stehen, einer gähnt. Es gehe um die Körperhaltung, erklärt eine Schwester, die meisten hätten einfach keine Spannung mehr nach dem vielen Sitzen.
Oberst Tao sieht es so: 90 Prozent seiner Patienten sind Jungs, und den meisten fehlt es an Zuwendung vom Vater. Der ist oft zu beschäftigt damit, Geld zu verdienen, als dass er seinem Sohn als Vorbild dienen könnte. Heraus kommen weiche Jungs, denen es an Männlichkeit mangelt, die keinen Schmerz aushalten und keine Frustration. "Die Kaserne schafft eine Männerwelt", sagt Tao, das findet er gut. Bei ihm in der Klinik gibt es drinnen Palmen-Fototapete und draußen Soldatengebrüll.
Ab und zu dürfen seine Patienten sogar selbst zur Waffe greifen, dann spielen sie im Gelände ein Computerspiel nach, in voller Montur, mit Helm, Schutzweste und speziellem Gewehr, nur ohne Munition.
Sie sollen, sagt Tao, die körperliche Anstrengung spüren, nicht nur den Klick auf die Maustaste. Teamarbeit, Konzentration, all das soll die Kinder zurückholen in die Realität. "Es fühlt sich toll an, das Gewehr zu halten", sagt Li Ming. Sie können sogar vorher festlegen, wer wie viele Leben hat.
Die Eltern von Deng Senshan aber warten noch immer darauf, dass sie ihr totes Kind zu sich holen können. Sie haben jetzt eine Entschädigung bekommen, über eine Million Yuan (etwa 100.000 Euro).
Wenn die Polizei ihnen Bescheid gibt, werden sie noch einmal nach Nanning fahren, in die fremde Stadt, zur Einäscherung ihres Sohnes. Seine Urne aber wollen sie mitnehmen nach Hause.
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© DER SPIEGEL 35/2009
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