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Ausgabe 35/2009
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24.08.2009
 

Mythen

Die Feuer der Hölle

Von Cordula Meyer

Mumia Abu-Jamal: "Und dann brach die Hölle los"
Fotos
AFP

Der als Polizistenmörder verurteilte schwarze Autor Mumia Abu-Jamal ist der berühmteste Todeskandidat der Welt. Linke verehren ihn, die Witwe Maureen Faulkner aber kämpft für ihre Wahrheit. Nun sieht es so aus, als würde sie gewinnen. Von Cordula Meyer

Er sieht älter aus als auf dem Foto. Die Rastalocken sind schütterer geworden, die Stirn wirkt höher, seine Augen blicken müde im Neonlicht der Besuchszelle. Todeskandidat AM 8335 klopft zur Begrüßung mit der Faust gegen die Scheibe aus Panzerglas. Sein Anwalt auf der anderen Seite klopft zurück. "Madame Mitterrand bittet mich, dir ganz herzliche Grüße auszurichten", sagt der Anwalt, "sie war gerade auf einer Veranstaltung für dich in Berlin." Er drückt den Brief der Gattin des verstorbenen französischen Präsidenten gegen das Glas. "Wir starten eine neue weltweite Kampagne", sagt er, "eine Petition an Obama, unterschrieben auch von Nobelpreisträgern."

Mumia Abu-Jamal heißt der Häftling auf der anderen Seite der Scheibe, nach dem Besuch legt ihm ein Wärter Handschellen an und bringt ihn zurück in Zelle 9, Trakt G. Die State Correctional Institution Greene in Waynesburg im Bundesstaat Pennsylvania ist ein Hochsicherheitsgefängnis. Mumia Abu-Jamal verbringt 22 Stunden des Tages allein in einer zwei mal drei Meter großen Zelle, seit 28 Jahren ist er in Haft. Zwei Stunden am Tag darf er nach draußen, in einen Käfig, der aussieht wie ein großer Hundezwinger, dreimal 15 Minuten in der Woche telefonieren, dreimal duschen. Abendessen gibt es manchmal schon um halb vier.

Durch einen Fensterschlitz kann er aus der Zelle den Käfig sehen und manchmal nachts den Mond. Meistens aber sieht er fern. "Nachrichten", sagt er. Am 6. April sah er CNN. Eine Eilmeldung lief über den Bildschirm: Der Oberste Gerichtshof hatte seinen Antrag auf einen neuen Prozess abgelehnt. Was das bedeutet, erklärt sein Anwalt Robert Bryan erst, als er an diesem Tag das Gefängnis verlässt: "Mumia könnte in einem Jahr tot sein."

Die juristische Lage ist kompliziert, die Verteidiger wollen eine Berufung, zwei Entscheidungen von Gerichten stehen noch aus, sie können aber bald kommen.

Mumia Abu-Jamal ist der berühmteste Todeskandidat der Welt. Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu besuchte ihn im Gefängnis, der Schriftsteller Salman Rushdie setzt sich für ihn ein, auch Oscar-Gewinnerin Susan Sarandon. In Paris ist er Ehrenbürger.

Im Gefängnis hat er Bücher geschrieben, das sechste ist gerade erschienen. Die Kolumnen über den Alltag in der Todeszelle waren am erfolgreichsten. Abu-Jamal hat aber auch über die Geschichte der Black Panthers geschrieben und über Todeskandidaten, die sich in Rechtsfragen nur von anderen Gefangenen helfen lassen können. Der internationale Schriftstellerverband PEN hat ihn aufgenommen, in deutschen Städten wird für ihn demonstriert. Der Schauspieler Rolf Becker verteidigt ihn, Günter Wallraff sowieso. Abu-Jamal schreibt Kolumnen für die "Junge Welt" in Berlin, oder er spricht Radiokommentare: "Live aus der Todeszelle, dies ist Mumia Abu-Jamal."

Mumia ist eine globale Marke. Es gibt sogar Teddybären mit seinem Konterfei. Er gilt für die globale Linke als Symbol, sein Foto mit dem strahlenden Lachen ist eine Ikone wie das Bild von Che Guevara, millionenfach gedruckt auf T-Shirts und Protestplakaten.

Er eignet sich als Galionsfigur für Protestbewegungen gegen die Todesstrafe, gegen Rassismus, gegen Unrecht im US-Justizsystem, gegen Globalisierung, gegen alles, was Linke weltweit an Amerika hassen. Ein politischer Gefangener, ein schwarzer Aktivist, der Amerikas Rassismus anprangerte und dem die Polizei deswegen einen Mord an einem Polizisten anhängte - diese Geschichte glauben viele. Die Wahrheit aber verschwindet hinter der Legende.

Vielleicht hat es sein ehemaliger Verteidiger Daniel Williams am besten ausgedrückt: Die Überzeugung von Mumias Unschuld sei für viele Menschen "eine Glaubensfrage". Die Geschichte funktioniert deshalb so gut, weil sie so viele hässliche Wahrheiten über die USA bündelt.

Es gibt eine andere Geschichte, und sie klingt anders als die, die Nobelpreisträger, Literaten und Musiker kennen. Diese Geschichte erzählt Maureen Faulkner, die Witwe des erschossenen Polizisten. 28 Jahre ist es her, dass ihr Mann Danny auf einem Bürgersteig in Philadelphia starb.

Mumia Abu-Jamal und Maureen Faulkner haben nie miteinander gesprochen. Aber seit dem Tag, an dem Danny Faulkner starb, sind ihre Leben aneinandergekettet. Mumia Abu-Jamal kämpft für seine Freiheit, Maureen Faulkner für seinen Tod. Sie fühlt sich oft hilflos gegen all die gutmeinenden Menschen dieser Welt. Aber nun sieht es so aus, als könne sie gewinnen.

In ihrem Haus in Südkalifornien, wo sie jetzt wohnt, erzählt Maureen Faulkner von dem Tag, der ihr Leben für immer veränderte.

Am 9. Dezember 1981 waren Maureen und Danny Faulkner gerade 13 Monate verheiratet. Sie waren beide 25. Auf den Hochzeitsfotos schauen zwei junge Menschen in die Kamera, ein bisschen bieder. Faulkner hatte die Schule abgebrochen. Inzwischen war er schon fünf Jahre bei der Polizei, die Akademie hatte er als Zweitbester seines Jahrgangs abgeschlossen. An der Volkshochschule nahm er Kurse in Strafrecht. Sieben Belobigungen gab es in seiner Personalakte. Manchmal sprachen sie darüber, wie ihre Kinder mal heißen sollten. "Danny hatte alles, für das es sich zu leben lohnt", sagt Maureen.

Er kochte an jenem Abend, um acht Uhr ging er ins Bett. "Er hat gesagt: Leg dich neben mich. Du weißt doch, dass ich mit dir viel besser schlafen kann." Zwei Stunden später klingelte der Wecker. Danny zog seine Uniform an. "Das war's."

Maureen stellt die Kaffeetasse weg. "Das war das letzte Aufwiedersehen." Ihre Stimme versagt. "Ich war so jung."

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insgesamt 130 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
24.01.2010 von xxmxx: niemand

in diesem forum, da bin ich mir sicher, weiß ob mummia unschuldig ist oder nicht. deshalb finde ich es unsinnig darüber zu urteilen. fakt ist dass er kein faires Gerichtsverfahren hatte, einige beweise und zeugenaussagen nicht [...] mehr...

12.12.2009 von helmutkarsten: Abu-Jamal/Life w/o parole.

Das ist richtig, eine lebenslange Strafe kann, in Georgia nach 15 Jahren abgesessen sein, wenn in der Verhandlung nichts weiteres bestimmt wird. Dann können Ersttäter schon nach 7 Jahren einen Antrag auf "Parole" [...] mehr...

28.11.2009 von ThorstenNYC: Auch in Amerika gibts lebenslang mit Entlassung auf Bewährung

So pauschal stimmt das nicht, siehe z.B. http://en.wikipedia.org/wiki/Life_imprisonment_%28United_States%29 Wenn nicht ausdrücklich "life without the possibility of parole" verhängt wird, kann es in vielen [...] mehr...

05.09.2009 von Diomedes: Schuldig oder nicht schuldig...

...dass ist hier eigentlich nicht mehr die Frage: Ist der Delinquent schuldig und dies finden die Gerichte, so muss er auch aufs Schafott und wenn die Welt Zetermordio schreit, denn die Justiz darf sich nicht von der öffentlichen [...] mehr...

03.09.2009 von PeteLustig: .

Falls Sie meinen Beitrag vollständig gelesen hätten, wäre Ihnen aufgefallen, dass ich mich _gegen_ die Todesstrafe (jedoch für eine wirklich lebenslange Haft) ausgesprochen habe. mehr...

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