Es ist schon Nacht, als der Mercedes-Offroader vor dem Hotel in Stuttgart losfährt. Regen fällt, die Straßen glänzen schwarz. Boris Becker schaltet das Navigationsgerät ein. Sie müssen nach Zürich, das ist klar. Sie müssen zur Autobahn. Aber wo ist die Autobahn?
Auf der Rückbank sitzt, liegt fast, Sharlely Becker, die Ehefrau, die alle nur Lilly nennen. Sie telefoniert auf Niederländisch mit jemandem in den Niederlanden. Sie trägt Jogginghosen, Sweatshirt und an den Füßen Socken mit Gumminoppen, so, als säße sie nach Feierabend in einer Altbauwohnung mit empfindlichem Parkett.
Die Beckers haben einen normalen Tag hinter sich. Man könnte sagen, einen Arbeitstag. Am Nachmittag hatte Boris Becker eine Partie Golf gespielt, zusammen mit einigen Prominenten, zugunsten einer Sportstiftung. Am Abend gingen die Beckers dann auf die Players Night des Stuttgarter Tennisturniers, Sharlely Becker trug ein kurzes apricotfarbenes Kleid, sie stellte sich auf zwölf Zentimeter hohen Absätzen vor die Fotografen, sie umarmte kurz Axel Schulz, der einen weißen Anzug trug, als wäre er Don Johnson in "Miami Vice", sie umarmte Heiner Lauterbach, und dann war niemand mehr da, nur unbekannte Stuttgarter High Society.
Vom besten Tisch in der Mitte des Saals konnte sie beobachten, wie ihr Mann, Boris Becker, vorn auf der Bühne eine kurze Rede hielt in seiner Rolle als Chairman der "Laureus Sport for Good"-Stiftung und anschließend die Fragen eines Moderators beantwortete in seiner Rolle als Tennis-Denkmal. Begleitet wurde Becker, wie beinahe täglich, von einer Handkamera des Internetsenders "Boris Becker TV", den Becker im Frühjahr ins Leben rief, um zu zeigen, wie Boris Becker lebt, arbeitet und "wer das ist, Boris Becker 2009". Was klingt, als wüsste er es im Moment selbst gerade nicht so genau.
Noch vor dem Dessert verließen die Beckers die Gala, wechselten die Garderobe und stiegen in den silbernen Mercedes, der sie nun nach Zürich bringen soll.
"A 81, Richtung Singen", murmelt Becker. Er tippt ein paarmal mit dem Zeigefinger auf zwei Tasten des Navigationsgeräts, plus und minus, wodurch sich die Umgebungskarte vergrößert oder verkleinert. Tipp, tipp, tipp. Das Fahrtziel, Zürich, gibt er nicht ein, was eigentlich das Einfachste wäre, um auch in Zürich anzukommen. Aber Becker schüttelt den Kopf. "Für mich läuft es besser, nach meiner eigenen Nase zu fahren."
Ein paar Minuten später hält Becker an einer Tankstelle und fragt nach dem Weg. Er tankt den Wagen voll, kauft ein paar Dosen Red Bull, und die Verkäufer schauen ihm hinterher, als wäre er von einer Titelseite ins wahre Leben hinabgestiegen.
"A 81 ist richtig", verkündet Becker im Auto. "Erst mal Richtung Karlsruhe." Es geht auf Mitternacht zu, der Regen wird stärker, Sharlely liest in einem Modemagazin, und Becker zündet sich einen Zigarillo an, zieht genüsslich, Rauch fließt aus seinem Mund. Die Richtungsfrage ist geklärt. Becker spricht jetzt über seine Lebenskrise. Allerdings nur kurz. Denn wichtiger als die Krise ist die gute Nachricht, dass die Krise auch schon wieder vorbei ist. So hat Becker entschieden.
Sein letztes Match als Profi spielte er vor gut zehn Jahren, im Juni 1999. Er verlor das Achtelfinale von Wimbledon gegen den Australier Patrick Rafter in drei Sätzen. Becker ging vom Platz als dreifacher Wimbledon-Sieger, Daviscup-Gewinner, Olympiasieger, ehemalige Nummer eins der Weltrangliste. Er war der größte deutsche Sportheld. Ein Popstar. Wahrscheinlich war es nicht einfach, von dort oben in das normale Leben hinabzusteigen.
Manche Helden ertragen das nicht. Die Stille danach. Matti Nykänen, der Skispringer, wurde Stripper, Popsänger, er saß im Gefängnis wegen schwerer Körperverletzung und schrieb eine Autobiografie mit dem Titel "Grüße aus der Hölle". Diego Maradona, der größte aller Fußballer, schluckte Kokain, verfettete und stand bereits an der Schwelle zum Tod. Womöglich rettete ihn nur der Job als Nationaltrainer.
Becker fiel nicht. Nicht auf diese Art. Becker kaufte Firmen und Beteiligungen und verkaufte das meiste wieder. Er erfand das Nutella-Messer, er drehte Werbespots, er war Daviscup-Teamchef, hatte aber bald keine Lust mehr, er spielte Schaukämpfe gegen die alten Gegner Henri Leconte und John McEnroe, er trennte sich von seiner ersten Ehefrau, und es ist heute kaum noch vorstellbar, dass die Anhörung vor Gericht in Miami damals live im deutschen Fernsehen übertragen wurde. Becker wechselte die Berater, er wechselte die Frauen, er stand in der Zeitung, er tauchte in Fernsehshows auf, er schrieb seine Autobiografie, er schrieb ein Buch über Kindererziehung, er machte viel, um nicht an Aufmerksamkeit zu verlieren.
Und jetzt?
Becker ist 41 Jahre alt, ein Mann in der Mitte seines Lebens und gerade dabei, sich noch einmal neu zu erfinden. Es ist noch nicht ganz klar, wo es hingehen soll in Zukunft, aber irgendwie Richtung Seriosität, Beständigkeit, Inhalt. Becker hat eine neue Ehefrau und neue Berater. Das ist ein Anfang. Jetzt braucht er noch eine neue Rolle. Am besten eine neue Aufgabe.
Was will er eigentlich in Zürich?
"Geschäftstermine", sagt Becker.
Welche Geschäftstermine?
"Ein Sporttag für Kinder. Von meiner Cleven-Becker-Stiftung. Ich werde den Kindern etwas über Sport beibringen. Die richtige Einstellung, Ernährung, Training."
Der Scheibenwischer ratscht träge hin und her. "Ich muss relativ viel im Büro arbeiten, das bekommt aber die Öffentlichkeit nicht mit", sagt Becker.
Das Letzte, womit man Boris Becker in Verbindung bringen würde, ist vermutlich irgendeine Art von Büro. Es gibt keine Büro-Fotos von ihm, keine Büro-Storys, man sieht ihn nie mit Büro-Tasche, und alles, was man über ihn lesen konnte in den vergangenen Jahren, spielte an bürofernen Orten wie Yachten, Golfplätzen, Casinos, Fincas, Rennstrecken, Clubs, Fernsehstudios und zuletzt in einer Kirche in St. Moritz, in der Becker im Juni Sharlely Kerssenberg heiratete.
"Ich sitze oft in meinem Büro und gehe meinen Aufgaben nach. Bei mehreren Firmen und über 150 Angestellten ist es gar nicht anders machbar. Gerade jetzt in der Wirtschaftskrise", sagt Becker.
Was kann er da tun, in der Krise?
"Auch ich versuche mit meinen Geschäftspartnern, Arbeitsplätze zu sichern."
Becker schaut in den Rückspiegel, die Krise verschwindet wieder aus seinem Kopf, Beckers Stimme wird weich. "Baby, how are you doing?" Aber Baby sagt nichts mehr. Baby schläft. Baby liegt ausgestreckt auf der Rückbank. "Ich werde mich nie mehr von Lilly trennen", sagt Becker plötzlich feierlich, als spräche er in eine Fernsehkamera. "Das ist klar."
Den Hochzeitstermin hatte Becker im Februar bei "Wetten, dass ...?" verkündet. Anschließend war er durch ein brennendes Herz gesprungen wie ein Zirkustier. Die Hochzeit im Juni verkaufte er an den Fernsehsender RTL, und mit "Bild" hat er eine Medienpartnerschaft geschlossen, was zur Folge hat, dass alles Private auf die Titelseiten sickert, als wäre er der Star einer ewigen Becker-Soap-Opera. Womöglich ist es auch das Einzige, was Boris Becker im Moment wirklich anzubieten hat.
Sein Leben.
Vor ein paar Wochen setzte sich Peter Lauterbach in ein Flugzeug und flog nach Mallorca, wo Boris Becker ein Golfturnier veranstaltete. Lauterbach ist einer von Beckers neuen Beratern. Früher gab es Ion Tiriac, einen schnauzbärtigen Rumänen. Jetzt gibt es Lauterbach, 32 Jahre alt und Formel-1-Moderator bei Premiere. Lauterbach saß am Rande des Golfplatzes, und in der Pause führte er ein RTL-Fernsehteam hinüber zu Becker, der schon bereitstand für ein Interview, ein paar O-Töne über die Schwangerschaft von Lilly Becker, die gerade bekanntgeworden war.
© DER SPIEGEL 38/2009
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