Von Jochen-Martin Gutsch
Becker sagte ein paar Sachen über Bauchumfang, Vorfreude, Gottes Segen, Schwangerschaftsmonat und dass er sich stündlich bemühe, ein guter Vater zu sein, was erstaunlich schien, da das Kind noch gar nicht da war. Becker stand dort in Golfspielerkleidung, er hatte Gras an der Hose, vor ein paar Minuten noch war er durch ein Gebüsch gestiegen, weil er seinen Golfball nicht finden konnte. Aber jetzt sprach er in die Kamera und wirkte, als gäbe er eine Regierungserklärung von großer Wichtigkeit ab. Und war es das nicht auch?
Reporter waren ihm bis auf diesen mallorquinischen Golfplatz hinterhergereist. Sie hatten gewartet. Einen Tag, zwei Tage. Nur für ein paar Sekunden mit ihm. Für ein paar mehr oder weniger belanglose Sätze über Vaterschaft und Schwangerschaft, so wie sie ihm früher hinterhergereist waren, für ein paar Sätze über seinen Rückhand-Slice. Musste das also nicht automatisch bedeutsam sein?
Seit Ewigkeiten ist er Boris. Ein Vorname. Einer für alle. Deutsches Gemeingut. Unser Boris. Nie gab es Distanz. Seit Ewigkeiten gibt es Boris-Geschichten. Mit den Jahrzehnten wurden sie fast zu einem eigenen Boulevard-Genre. Früher handelten sie von seinen Siegen, seinen Niederlagen. Heute vom Bauch seiner Frau. Boris Becker ist ein Held ohne Geschäftsbereich.
Becker ließ die restlichen Reporter in der Mittagssonne stehen, widmete sich wieder dem Golfspiel, und Lauterbach, der Berater, sah zufrieden aus. Lauterbach möchte Beckers Image polieren. Die "Marke Becker" neu auffüllen mit Werten.
Mit welchen Werten?
Verlässlichkeit, Ehrgeiz, Engagement, könnte sich Lauterbach vorstellen. Boris Becker, der Familienvater, Boris Becker, der Geschäftsmann, Boris Becker, der der Gesellschaft etwas zurückgibt.
Boris Becker reloaded.
Lauterbach hatte auch die Idee für "Boris Becker TV", Beckers neuestes Geschäftsmodell. Eine Art Internetshow über sein Leben und zugleich der Versuch, die Boulevard-Nachrichten zu steuern, indem man die Beiträge RTL und "Bild" anbietet, den Medienpartnern. In den vergangenen Jahren waren die Nachrichten eher negativ. Besenkammer, Scheidung, Steuerhinterziehung, Sandy Meyer-Wölden. Jetzt sollen sie positiv sein. "Boris Becker TV" zeigt Becker im Urlaub, Vater Becker mit seinen Kindern, Becker verliebt in Frankreich, Becker beim Friseur. Es wirkt wie die Umkehrung dessen, was die meisten Stars unter großen Mühen versuchen: das Privatleben privat zu halten.
In einem Beitrag tritt Becker nach einer Fuß-OP mit Krücken auf. Er steht dort wie ein hinkender, alter Rabe und zeigt seinen frisch operierten Fuß in die Kamera.
Ein rötlicher, geschwollener Klumpen.
In solchen Momenten ahnt man, dass Becker nicht aufhören kann. Er tanzt weiter, immer weiter. Vielleicht kann er die Stille nicht ertragen.
"Boris Becker TV" sei ein Kommunikationsmittel in der Gesamtstrategie, erläuterte Lauterbach kühl und schaute über den Golfplatz. Ein Unterhaltungsportal, das gleichzeitig eine Marke ändere.
Aber wäre die Marke nicht am leichtesten änderbar, indem man Boris Becker eine neue Aufgabe gibt?
Lauterbach nickte. Fernsehen wäre natürlich vorstellbar. Lauterbach hätte auch schon Fernsehideen. Zum Beispiel Golfspielen in einem entspannten Umfeld. Boris Becker zusammen mit deutschen Wirtschaftsbossen. Beim Golf würden sie dann über gesellschaftliche Themen reden. Sehr authentisch. Das sei Beckers Stärke. Oder: Boris Becker hilft dem Sportnachwuchs. Talenten, die in eine Krise geraten sind und den Weg zurück suchen. Da könnte Becker sein soziales Engagement zeigen. Seine Nähe zu Kindern und Jugendlichen, erklärte Lauterbach.
Fernsehen hat den Vorteil, dass Becker direkt dort arbeiten könnte, wo er am liebsten auftaucht. Eine Win-win-Situation sozusagen. Eine Sportsendung würde ihm liegen, sagt Becker, lässt die Fensterscheibe ein Stück runter, schnippst die Ziga-rillo-Kippe aus dem Fenster, Regenluft schwappt in den Mercedes. Thomas Helmer, der Ex-Fußballer, moderiert Sport. Kristin Otto, die Ex-Schwimmerin, auch. Rudi Cerne, der Ex-Eiskunstläufer, hat es sogar bis zu "Aktenzeichen XY ... ungelöst" geschafft. Und ist er, Boris Becker, nicht immer noch die viel größere Nummer? Ein Zugpferd? Becker erzählt von der BBC, für die er jedes Jahr das Tennisturnier von Wimbledon kommentiert, von der englischen Comedyshow "They think it's all over", bei der er mitmachte, und dass die Briten seinen Humor mögen. Boris the funny bone. In Deutschland werde er dagegen immer noch unterschätzt. Er könnte sich ja nicht nur Sport vorstellen. Auch eine Sendung mit allen möglichen Themen von Unterhaltung über Politik, Kultur, was auch immer. Oder Interviews.
"Ich arbeite gern mit einem Sidekick", blickt Becker schon mal voraus. "Jemand, der mir ein paar Dinge abnimmt, so dass ich mich auf meine Sache, das Wesentliche, konzentrieren kann."
Welche Sache? "So zu sein, wie ich bin. Meine Persönlichkeit einzubringen. Einfach Boris Becker zu sein."
Die Frage ist, ob das reicht, aber erst mal steht Becker vor einem ganz anderen Problem. Er hat sich verfahren. Die Autobahn ist verschwunden. Der Mercedes steht auf der einen Seite des Bodensees. Zürich liegt auf der anderen Seite. Becker schaut auf die Karte des Navigationsgeräts, drückt plus und minus. Tipp. Tipp. Tipp.
Will er jetzt nicht doch das Fahrtziel eingeben? "Ich fahre nur mit dem Navi, wenn es unbedingt nötig ist", erklärt Becker, so, als könnte das Gerät seine Seele rauben. "Sonst fahre ich lieber nach meinem eigenen Kopf, auch im Auto bleibe ich lieber unabhängig." Dann wendet er und fährt zurück zur Autobahn.
Eine Zeitlang, es ist eine Weile her, war Boris Becker so etwas wie der lässige Deutsche. Er trug bessere Frisuren als die meisten Sportler, er hatte getönte Brillen, einen Ledermantel, seine Frau war farbig und schön, er hatte ein Haus in Miami, er saß in amerikanischen Talkshows, er spielte Tennis als Drama-Show, und es hieß, er sei mit den Popstars Seal und Elton John befreundet. Er schien ein guter Repräsentant zu sein, dort draußen in der Welt, so wie Jürgen Klinsmann, der in London bei Tottenham Hotspur spielte, noch ein Deutscher, den sogar die Briten mochten.
Herbert Riehl-Heyse, der berühmte Autor der "Süddeutschen Zeitung", beschrieb den Boris Becker jener Tage in einem Buch als einen der "Leuchttürme im Ozean der Beliebigkeit", was heute ironisch klingt und zeigt, wie verderblich Helden sind. Boris Becker, das war klar, würde alle überragen. Schmeling, Beckenbauer, Katarina Witt. Und das tat er auch, bis er sich in seinem Leben verirrte.
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