DER SPIEGEL



ThemaTennisspielerRSS

Alle Artikel und Hintergründe

AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 38/2009
  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
14.09.2009
 

Helden

Junger, alter Mann

Von Jochen-Martin Gutsch

Boris Becker: Junger, alter Mann
Fotos
Getty Images

3. Teil: Suche nach einem neuen Sinn

Fragt man Becker heute nach seinem Beruf, dann sagt er Geschäftsmann. Vor allem aber ist er ein 41 Jahre altes Denkmal. Er lebt vom Ruhm und Geld vergangener Tage, und manchmal spürt man, dass ihm das bewusst ist. Dann kriecht die Furcht hervor, dass der Höhepunkt bereits vorbei sein könnte. Ein junger, alter Mann. Ein Frührentner. Ein Luxus-Arbeitsloser. Sporthelden verlieren nicht nur ihren Beruf, wenn sie den Platz verlassen. Sie verlieren ihr einzigartiges Talent, ihre Stellung, die sie weit abhob von allen anderen.

Ihr erstes Leben.

Viele der alten Rivalen hätten sich zurückgezogen nach der Helden-Zeit, erzählt Becker. Ivan Lendl spiele Golf, habe ein sensationelles Handicap und sei ansonsten Privatier. Stefan Edberg wohne wieder in Schweden, in seiner kleinen Heimatstadt, von der aus er einst die Weltrangliste stürmte. Aber Edberg sei auch ein ruhiger Typ. Ohne große Ambitionen. So wie Steffi Graf. "Steffi ist sicher glücklich in Las Vegas, mit ihren Kindern, mit Andre Agassi, aber es kommen ja noch 30, 40 Jahre. Ich habe für mich einen bewegteren Weg gewählt."

Becker hat große Ambitionen. Das macht es ja so schwierig. Er war Boris Becker. Er entschied über Siege, Einschaltquoten, Auflagen, Unternehmensgewinne und zuweilen über die Euphorie oder die Niedergeschlagenheit eines ganzen Landes. Heute ist er immer noch Boris Becker. Aber wofür braucht man ihn jetzt?

In den vergangenen Jahren war es schwer, in Becker noch den alten Helden zu sehen. Er tanzte für den Boulevard. Er gab dort bereitwillig sein Leben preis. Seine Affären, Trennungen, Verlobungen, Verwicklungen. Alles. Er wurde zum Clown in einer Welt des Nichts.

Vielleicht wäre Fußball eine Möglichkeit, ein Job im Management, im weitesten Sinne. Der Bierhoff-Weg. "Klar", sagt Becker. "Das ist mein großer Kindheitstraum. Eine Fußballmannschaft." Er sei Bayern-Fan, aber er würde auch unten anfangen, in der 2. oder 3. Liga. Mit Vertrauten habe er schon locker darüber gesprochen. Einen Verein von unten nach oben zu holen. Der Hoffenheim-Weg. "Was aufbauen", sagt Becker begeistert. "Ich brauchte dafür natürlich ein paar gute Leute an meiner Seite." Bevor geklärt werden kann, wie Beckers Rolle im deutschen Fußball aussehen könnte, meldet sich eine Stimme von der Rückbank und zieht Becker in das Hier und Jetzt zurück.

"Baby, where are we? Already in Zurich? I'm tired and it's so uncomfortable here", sagt Sharlely Becker, seine neue Ehefrau, verschlafen. Sie liegt zusammengerollt auf der Rückbank. Ein Mädchen mit langen Beinen und viel Brust.

"Baby, I'm sorry. It's my fault", entschuldigt sich Boris Becker. "I drove wrong for 20 minutes."

Sie sind seit ein paar Wochen verheiratet. Es ist nicht ganz klar, was sie zusammenhält, aber sie ziehen gemeinsam durchs Leben. Vor kurzem erschien ein Interview mit Sharlely Becker in einem niederländischen Magazin, in dem sie über ihr Liebesleben sprach. "Boris mag es, wenn ich sexy Dessous trage. Er möchte oft, dass ich verschiedene Sachen anziehe, oder bittet mich: Leg doch mal die Strapse an. Ich bin seine Verführerin. Aber er fragt mich auch oft: Kannst du das?"

Becker hat heute drei Kinder von zwei Frauen. Demnächst werden es vier Kinder von drei Frauen sein, und all die Frauen leben mehr oder weniger von ihm. Auch die schöne Sharlely hat eigentlich keinen Beruf, sie arbeitete früher in Bars, war Mannequin, Croupier in Spielcasinos und ist jetzt Frau Becker und bald Mutter Becker. Sie ist mit Judith Kamps befreundet, der Tochter des Unternehmers und früheren Großbäckers Heiner Kamps, und mit Estefania Küster, einer Ex-Freundin von Dieter Bohlen, zwei Frauen aus der Welt der Halbprominenz, in der die Frauen Schmuckdesignerin sind oder Erbin oder Fernsehmoderatorin für irgendwas oder Ehefrau von irgendjemand.

Vor kurzem kaufte Becker ein Haus in London, hundert Meter vom Centrecourt von Wimbledon. Der alten Heldenstätte. In London wohnen sie jetzt meist. Selten, wie Becker bedauert, schaffen sie es in die Finca auf Mallorca, aber vor ein paar Wochen wurde dort plötzlich das Wohnzimmer freigeräumt und ein schwerer Pokertisch vor den Kamin gestellt. Gegenüber, in der offenen Küche, bauten schwitzende Menschen Kameras auf, im Abwaschbecken und neben der Saftpresse standen Monitore, und unter der Dunstabzugshaube tauchte eine Art Regietisch auf. Zwei Tage lang war zudem ein mobiles Übertragungsstudio erschaffen worden, zwei Tage, die die Beckers in einem Hotel verbracht hatten, während 50 Leute der Firma Pokerstars dabei waren, die Finca auf den Kopf zu stellen für eine Pokerpartie in der Reihe "Beat the Stars at Home", die irgendwann im DSF zu sehen sein würde. Ein Prominenten-Pokerspiel also.

Am Pokertisch im Wohnzimmer saßen schließlich acht Spieler in seltsamer Kombination: zwei Pokerprofis, drei Amateurspieler, die die Partie mit Becker im Internet gewonnen hatten, natürlich Becker selbst, Sharlely und ihre Freundin Judith Kamps, deren Ehemann, ein kleiner korpulenter Mexikaner namens Luis Garcia Fanjul, der die Partie vor einem Monitor verfolgte. Fanjul ist auch Beckers Trauzeuge, ein schwerreicher Mann, im Zuckergeschäft tätig, also ein Zuckermogul, wie Becker nicht ohne Stolz erzählte.

Poker ist Beckers jüngste Leidenschaft. Er macht Werbung für Poker. Vielleicht wird er jetzt sogar Pokerspieler, das ist nicht ausgeschlossen. Pokerspieler ist neben Fernsehmoderator, Geschäftsmann und Fußballmäzen eine weitere Karriereoption, seit Becker bei einem Profi-Turnier in Monte Carlo überraschend den siebten Platz belegte. "Da wurde mir klar: Ich kann wirklich Poker spielen."

Währenddessen lag der Mann, der Becker in die Pokerwelt eingeführt hatte, in einer Hängematte im Garten der Finca, aufgespannt zwischen zwei Olivenbäumen. Er heißt Sven Stiel, ist Marketingchef bei Pokerstars, dem weltweit größten Anbieter für Online-Poker, sah aber an diesem Tag in kurzen Hosen, T-Shirt und Turnschuhen aus wie ein Student. Stiel hatte die Idee, Boris Becker als Werbefigur zu gewinnen. Die alte, bekannte Marke Becker sollte Vertrauen schaffen für das Glücksspiel Poker, das gerade hip wurde, gesellschaftsfähig. "Und es passte", sagte Stiel. "Boris nimmt man das ab. Er ist ein Spielertyp. Nicht glatt, sondern mit Höhen und Tiefen. Boris hat werbemäßig absolut überperformt. Er könnte eigentlich viel mehr Geld verlangen", sagte Stiel und lachte. "Hoffentlich tut er das nicht."

Wenn man anrufe, sagte Stiel, dann sei Boris meist schnell bereit. Er setze sich wirklich sehr ein. Werbespots, Turniere, was auch immer. "Das Gute ist ja: Boris ist kein aktiver Sportler mehr. Boris hat Zeit."

Stiel besorgte Becker einen Pokertrainer, der nach Miami flog und Becker tagelang das Spiel erklärte. Regeln, Taktik, ein paar Kniffe. Becker las Pokerbücher, Stiel nahm ihn mit auf Turniere, und Becker fand gefallen an den Casinos, den Leuten und dem Kartenspiel, das ihn seltsamerweise an Tennis erinnerte.

Ist das vorstellbar, Becker als Pokerspieler? Als Profi gewissermaßen?

Stiel schwang sanft in der Hängematte. "Warum nicht? Wenn Boris das will. Ich denke, er kann gut um Geld spielen. Er hat doch beim Tennis nichts anderes gemacht. Seit er 15 war, spielte er um Geld."

Im Wohnzimmer, am Pokertisch, schied Sharlely Becker als Erste aus. Später folgte Judith Kamps, die, vom mexikanischen Zuckermogul auf ihre Fehler hingewiesen, in Tränen ausbrach, über den Innenhof der Finca rannte und sich in ihr Auto einschloss, an dessen Scheibe der Zuckermogul vergebens klopfte. Boris Becker aber gewann die Partie, wie zum Beweis für seine Ambitionen. Anschließend setzte er sich auf eine Ledercouch, lockerte seine Beine, trank etwas Wasser, er wirkte für einen Moment wieder wie der Tennisspieler, der er einst war. Becker analysierte sein Spiel, so wie er es im Stadion Roland Garros oder in Flushing Meadows gemacht hatte, und träumte sich in die Zukunft, die wie die eigene Vergangenheit aussah.

"Sicher würde ich gern mehr Pokerturniere spielen wollen", sagte Becker. Becker erzählte von Las Vegas, wo er im Bellagio 42 000 Dollar gewann, vom Turnier auf den Bahamas, von den Pokerjungs, die ihn anfangs als Tennisspieler sahen, mittlerweile aber als Pokerspieler akzeptieren würden, und überhaupt gefalle ihm die Pokerwelt, die seiner alten vertrauten Welt sehr ähneln würde - der Tenniswelt. Die gleichen Spielorte, sagte Becker. Die gleichen Spielerhotels. Der gleiche Turnierrhythmus. Das alte Leben treffe das neue Leben.

So träumte er einen Augenblick, bis der junge Profi Benjamin Kang, den Becker gerade besiegt hatte, in Badelatschen neben der Couch auftauchte. "Hey Boris, ich würd mit meiner Freundin gern mal in deinen Pool springen", sagte Kang. "Wo liegen denn die Handtücher?"

Die Heldenmacht zerfällt.

Sie springen in seinen Swimmingpool, sie fragen ihn nach Handtüchern, als wäre er hier der Bademeister. Ein Bademeister, der dreimal Wimbledon gewann.

Kurz vor zwei Uhr nachts überquert der silberne Mercedes die Grenze zur Schweiz. "Baby, we're in Switzerland", ruft Becker. "We're already there!" Um halb drei erreichen sie das Hotel in Zürich.

Becker klingelt nach dem verschlafenen Nachtportier, wartet einen Augenblick an der verlassenen Rezeption. "Ich habe einen Masterplan für mein Leben", sagt Becker unvermittelt. "Den hatte ich immer. Aber den Masterplan kenne nur ich."

Dann dreht er sich um, geht zum Auto, nimmt Sharlely, die Frau, von der er sich nie trennen wird, huckepack, trägt sie ein paar Meter durch den Regen und verschwindet im Hotel.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

© DER SPIEGEL 38/2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Verwandte Themen







TOP



TOP