SPIEGEL: Monsieur Wenger, Sie gelten als der Erfinder des modernen Offensivfußballs, die schnellen One-touch-Kombinationen, die Sie seit fast 13 Jahren beim FC Arsenal in London lehren, genießen weltweit Anerkennung. Fänden Sie es unanständig, mit lang nach vorn geschlagenen Bällen die Champions League zu gewinnen?
SPIEGEL: Sie sehen also, wenn Ihr Team spielt, sich selbst im Spiegel?
Wenger: Natürlich. Schon als kleiner Junge konnte ich mir nie vorstellen, in einem Beamtenberuf zu arbeiten. Ich bevorzuge ein abenteuerliches Leben. Und ich mag Sport, wenn er Teamsport ist. Mir gefällt Tennis, aber so richtig erst, wenn Davis Cup gespielt wird. Ich mag Golf, wenn Ryder Cup ist, also Mannschaften spielen. Eine Teamleistung kann etwas Magisches kreieren. Wenn das funktioniert und das ganze Team von einer Elektrizität erfasst wird, das ist phantastisch. Ich sehe ja am Spielfeldrand oft wie ein Eisberg aus, aber wenn alles harmoniert, bin ich leidenschaftlich. Ich nenne es die Seele des Teams - wenn die in Ordnung ist, ist alles möglich.
SPIEGEL: Reden wir jetzt von Kunst?
Wenger: Es sollte ohnehin das Ziel im Leben sein, jeden Tag in Kunst zu verwandeln. Auch die Mannschaft des FC Barcelona, die zuletzt die Champions League gewann, versucht immer dafür zu sorgen, dass man ihr Spiel genießen kann, der Perfektion nahezukommen. Die Engländer sagen: Lebe jeden Tag, als ob es dein letzter wäre - eines Tages wirst du recht haben. Das ist wohl britischer Humor.
SPIEGEL: Bevorzugen Sie deshalb Spieler, die Sie in Ihrem Club selbst ausgebildet und zu diesem Teamdenken erzogen haben?
Wenger: Man erntet mehr Früchte, wenn man ihnen eine gemeinsame Kultur, eine Liebe zum Club vermittelt.
SPIEGEL: Umso schwerer fällt es, sich vorzustellen, dass Sie im Frühjahr ernsthaft über ein Angebot von Real Madrid nachgedacht haben sollen, dem Club, der mit aberwitzigen Summen einfach Ikonen aus aller Welt zusammenkauft.
Wenger: Sie gehen dort einen anderen Weg. Ich habe großen Respekt vor Real Madrid. Es ist der Club meiner Kindheit, ich habe als Junge Ferenc Puskás und Alfredo di Stéfano bewundert. Aber ich bin bei Arsenal in ein Projekt involviert. Wir haben unseren Stil entwickelt, es gibt eine enge Bindung zu den Spielern. Das schafft Verantwortung. Ich möchte das Projekt zu Ende bringen.
SPIEGEL: Das Ende ist wann genau?
Wenger: Die Erfüllung eines Traums sage ich für diese Saison voraus. Diese Saison kann der Prüfungstermin sein. Wir haben jetzt vier Jahre keinen Titel geholt, aber wir waren in den vier Jahren immer mal wieder nahe dran, die englische Meisterschaft zu gewinnen oder sogar die Champions League. Ich glaube, dass die Mannschaft nun ihre Reife erlangt.
SPIEGEL: Sie hat ein Durchschnittsalter von 23 Jahren ...
Wenger: ... und mit 23 bist du als Fußballer besser als mit 22. Mit 33 bist du schlechter als mit 32. Und wir haben seit November in der Liga nur drei Spiele verloren.
SPIEGEL: Sie haben auf dem Transfermarkt im Sommer nur den belgischen Abwehrspieler Thomas Vermaelen von Ajax Amsterdam verpflichtet, zwei Stammspieler abgegeben. War das finanziellen Engpässen geschuldet?
Wenger: Nein. Als Manager bei einem großen Club steht man immer unter Druck, Spieler zu kaufen. Alle wollen neue Spieler. Ich gebe aber lieber meinen Jungen eine Chance. Die Menschen lieben unser Modell, aber sie wissen nicht, wie viel Kraft es erfordert, es gegen Widerstände auch im Club durchzusetzen. Es geht darum, die Spieler sich entwickeln zu lassen und sie auch einzusetzen. Wir haben jetzt Jack Wilshere, Aaron Ramsey, Carlos Vela so weit, sie sind 17, 18 und 20 Jahre alt. Sie sollen nicht den Verein wechseln müssen, um spielen zu können. Dann wäre die ganze Arbeit mit ihnen für uns umsonst gewesen.
SPIEGEL: Sie entdecken die Talente meist bei kleineren Vereinen, das Scouting von Arsenal gilt als vorbildlich. Können Sie verstehen, dass der Weltverband Fifa die Minderjährigen-Transfers nun offenbar strenger überwacht und das Wildern der Großclubs überaus hart bestraft?
Wenger: Den moralischen Antrieb verstehe ich. Aber wo ist das Problem, wenn ein Jugendlicher von Lens nach London geht und die Strukturen in dem englischen Club in Ordnung sind? Die Verbände haben die Macht, das zu kontrollieren.
SPIEGEL: Der FC Chelsea, darauf spielen Sie an, darf nach einem Fifa-Urteil bis Januar 2011 keine Spieler mehr auf dem Transfermarkt verpflichten, weil er einen 15-jährigen Franzosen mit üppigem Handgeld zum Vertragsbruch bei RC Lens angestiftet haben soll. Chelsea bestreitet, dass der Spieler vertraglich gebunden war.
Wenger: Ich weiß nur: Bei Arsenal bekommen die Jugendlichen eine gute fußballerische und eine hervorragende soziale Ausbildung. Sie leben bei Gasteltern, die wir über Jahre ausgewählt haben. Ich erinnere mich, dass Cesc Fàbregas und Philippe Senderos bei derselben Gastmutter waren, sie brachte sie zu Champions-League-Spielen in ihrem kleinen Renault 5.
SPIEGEL: Es sind aber Kinder, die da verschachert werden. Gegen Manchester City wird ermittelt, Chelsea soll sogar einen 11-Jährigen von einem Amateurclub in Marseille weggekauft haben. Wurde der Bogen überspannt?
Wenger: Wir bei Arsenal verpflichten keine Spieler unter 16 Jahren. Die Uefa will ja für Europa sogar alle internationalen Transfers von Spielern unter 18 verbieten.
SPIEGEL: Wenn die Eltern aus Gründen, die nichts mit dem Fußball zu tun haben, ins Land des neuen Vereins ziehen, ist der Transfer der Minderjährigen erlaubt - so lautet derzeit die Regel.
Wenger: Ja. Das ist manchmal ein kurioses Zusammentreffen: Ein Spieler ist supertalentiert, und die Eltern wollen zufällig gerade nach London ziehen. Aber sehen Sie: Wenn Kinder ein besonderes Talent haben - egal ob es Literatur, Musik oder Fußball ist -, dann wollen die Eltern sie natürlich auf die bestmögliche Schule schicken. Und wir helfen den Jungen, sich ihren Traum zu erfüllen.
© DER SPIEGEL 38/2009
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