SPIEGEL: Bayern Münchens Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge warf Ihnen allerdings Kinderhandel vor: Arsenal hole jedes Jahr Heerscharen von Spielern, das habe Ausmaße von Kidnapping angenommen.
Wenger: Ich bin überrascht über so ein aggressives Statement, das mit der Realität nichts zu tun hat. Wir holen pro Jahr nur zwei, drei Spieler, und wenn wir Jugendliche holen, dann geben wir ihnen eine richtige Chance. Das alles kann man von Bayern nicht behaupten. Ich bin bestürzt über solch einen Blödsinn. Was passiert denn, wenn wir keine unter 18-Jährigen mehr verpflichten dürfen? Dann kauft ein Agent, der ein paar minderjährige Talente aus Südamerika oder Afrika unter Vertrag hat, irgendwo einen kleinen Club, da steckt er die Jungs rein. Wenn sie 18 sind, verkauft er sie nach Europa. Das Transfergeld wandert über den kleinen Club in die Taschen des Agenten. Das ist Sklavenhandel.
SPIEGEL: Regulieren und kontrollieren die Verbände an der falschen Stelle?
Wenger: Es ist gut, dass sie auf die moralischen Fundamente unseres Geschäfts aufpassen. Ich finde es auch richtig, dass Uefa-Präsident Michel Platini gegen das vorgehen will, was ich finanzielles Doping nenne, also die Fremdfinanzierung. Jeder Club sollte mit den Ressourcen auskommen, die er produziert. Aber hier, bei den Transferregeln, bewegt man sich doch von den Strukturen, die von den Fußball-Autoritäten noch kontrolliert werden können, weg. Und die Welt hat sich total verändert.
SPIEGEL: Was meinen Sie damit?
Wenger: Die Kinder wachsen heute in der ganzen Welt auf, ich wuchs in einem Dorf auf. Als Rummenigge geboren wurde, reichte das Denken bis zu den Grenzen des Heimatorts. Heute gehe ich in Paris ins Restaurant, und neben mir sitzt ein Fan von Arsenal oder Manchester United. Sie haben heute Internet, können jeden Tag ein Fußballspiel sehen.
SPIEGEL: Sie wollen alle Grenzen aufheben?
Wenger: Der Sport hat solch eine Kraft. Er kann Vorreiter sein, wir brauchen nicht einmal eine Sprache, um zu kommunizieren. Ich kann einen Jungen aus dem Elsass mit einem Jungen aus Südafrika in einer Mannschaft zusammenspannen, das ist doch phantastisch. Darum sollten wir uns den Fußball nicht durch künstliche Regeln kaputtmachen lassen.
SPIEGEL: Schon klar, Ihre Mannschaft hat einen Ausländeranteil von 89 Prozent. Das soll Ihnen niemand verbieten?
Wenger: Ich möchte nicht eines Tages beim Zusammenstellen des Kaders sagen müssen: Mist, der kann nicht bei uns spielen, der hat den falschen Pass. Wir hatten in Frankreich eine Debatte, ob man Immigranten durch positive Diskriminierung fördern soll. Wenn die Gesellschaft wie der Sport wäre, brauchte man das nicht. Denn wenn Sie in Deutschland Minister sind und Ihr Sohn nicht gut genug ist für einen Platz in der Elf seines Fußballclubs, dann wird er nicht spielen - trotz Ihres Jobs.
SPIEGEL: Sie sind in einem kleinen Dorf im Elsass aufgewachsen. Inwiefern hat das Ihr Denken geprägt?
Wenger: Ich war neulich erst wieder in Duttlenheim, so heißt das Dorf, meine Mutter feierte ihren 90. Geburtstag. Ich bin 1949 geboren, meine Eltern hatten ein Restaurant. Die Männer kamen vom Feld und tranken dort ihr Feierabendbier. Es wurde so viel geraucht, dass man nicht bis zur Tür schauen konnte. Die Atmosphäre nach dem Krieg war von einem Hass auf die Deutschen geprägt. Als Knirps habe ich immer gehört, wie auf sie geschimpft wurde. Dann, als ich alt genug war, auf die andere Grenzseite zu reisen - oft bin ich nach Baden-Baden gefahren -, da habe ich gemerkt, dass es Vorurteile waren. Gegen solche Verallgemeinerungen kämpfe ich heute noch. Das Restaurant war insgesamt eine gute psychologische Schule.
SPIEGEL: Inwiefern?
Wenger: Jeder redet über jeden im Dorf, man bekommt ein Gefühl für die Menschen, man durchschaut sie schnell. Ich bin überzeugt, dass mir die Erfahrung in meinem Trainerjob hilft. Neulich habe ich mich mit unserem Teampsychologen ausgetauscht. Er sagte: Eigentlich wurde ich als Junge in einem Pub ausgebildet. Oh, sagte ich, was für eine Parallele. Sie glauben gar nicht, wie viele Trainer ich schon mit so einer Kneipenvorgeschichte getroffen habe. Auch der Stammtisch unseres Dorfvereins war im Restaurant meiner Eltern. Da haben sie immer die Aufstellung und Taktik besprochen.
SPIEGEL: Sie wollen uns jetzt nicht erzählen, dass Sie Ihr taktisches Rüstzeug beim Dorfclub erworben haben.
Wenger: Ich habe mich aber seit meinem fünften Lebensjahr damit beschäftigt. Übrigens wurde auch mein Fußballdenken stark von den Deutschen geprägt. Ich habe immer die "Sportschau" geguckt, jeden Samstagnachmittag, Viertel vor sechs. Es war die Zeit von Netzer, Beckenbauer, Overath. Ich habe den Stil von Borussia Mönchengladbach geliebt. Dieses dynamische Spiel ist in mir tief verwurzelt. Als Trainer wurde ich dann in Frankreich ausgebildet, da wurde der Einfluss der Deutschen geringer.
SPIEGEL: Man nennt Sie "le professeur". Lehren Sie eigentlich auch Spielintelligenz?
Wenger: Das geht nicht. Ich kann den Spielern nur Hilfestellungen geben, an ihrer Intelligenz zu arbeiten. Ich erlaube ihnen eine bestimmte Anzahl von Wahlmöglichkeiten, was sie mit dem Ball machen können. Dann entscheiden sie selbst, ob sie ihn zu dem oder zu dem passen. Und wenn der Empfänger nichts daraus macht, spielen sie das nächste Mal woandershin. So wird das Spiel zum Lehrer.
SPIEGEL: Bei Bayern München scheiterte der Trainer Jürgen Klinsmann mit seiner Methode der Persönlichkeitsschulung. Er bot Sprachkurse an, ließ Literatur bereitstellen, doch die Spieler interessierten sich nicht dafür. War das naiv?
Wenger: Der Ansatz verdient Respekt. Aber heute ist jedes Individuum noch individueller. Im Internetzeitalter holen die jungen Leute sich die Informationen, die sie wollen. Gegen das Internet kommen wir mit unseren Angeboten nicht an.
SPIEGEL: Klinsmann galt als moderner Kontrollfreak, der mittels Datenerhebungen den Erfolg planbar machen wollte. Was kommt als Nächstes: Werden nachts noch die Träume der Spieler untersucht, wird beim Duschen die Wasserhärte gemessen?
Wenger: Die Unwägbarkeiten um das Spiel herum auf ein Minimum zu reduzieren, das versuchen wir Trainer doch alle. Aber nehmen Sie nur die Vielzahl an Einflüssen um einen Spieler mal elf, schon ist es unmöglich zu bestimmen, was wichtig und was unwichtig ist. Wenn Sie Ihre Spieler etwa aufgrund wissenschaftlicher Erkenntnisse dazu anhalten, am Vorabend des Spiels ein Steak zu essen, und der Gegner hat Lionel Messi in seiner Elf, dann werden Sie auch mit zwei Steaks geringere Siegchancen haben als der Gegner. Wir wissen immer mehr, aber wenn man zu viel kontrolliert, verliert man den Sinn für das Wichtige. In dieser Hinsicht ist es gut, in England zu arbeiten.
SPIEGEL: Warum das denn?
Wenger: Als ich in der Premier League ankam, war ich erstaunt, dass die Spieler am Vorabend der Partien ausgingen. Manche gingen fröhlich tanzen. In Frankreich und Deutschland hätte man gesagt: So können die unmöglich spielen. Sie konnten es doch. Und warum? Weil sie ein Gefühl dafür entwickelt hatten, wie weit man gehen kann. Sie hatten das Wichtigste überhaupt gelernt: selbständig Entscheidungen zu treffen.
SPIEGEL: Monsieur Wenger, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
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