Von Elke Schmitter
Wer dieser Tage nach Deutschland kommt, sieht in den Straßen vor allem: zwei überlebensgroße Gesichter, die lächeln. Der Mann gütig und herzlich, aber auch verhalten spitzbübisch, die Frau leicht schelmisch, aber auch unpersönlich und schwebend: ein Buben- und ein Feenlächeln in hochseriösen Gesichtern. Der Mann zeigt volles weißes Haar, während die dezent frisierte Frau ihr gelebtes Leben in feinen, dynamischen Fältchen präsentiert: Seht her!, sagt die Optik, uns geht es gut, und wir sind vollkommen damit zufrieden, exemplarischer Durchschnitt zu sein. Wir könnten entkoffeinierten Kaffee bewerben oder blutdrucksenkende Mittel, eine erschwingliche Kreuzfahrt oder auch alles andere, das eine Verbindung aus Lebensfreude und Mäßigung, Zuversicht und Gemütlichkeit darstellt.
Die beiden Gesichter sind oft umgeben von anderen Menschen, die allerdings unscharf gezeichnet sind. Es ist in den Bildern gelungen, Individualität und Masse gewissermaßen zu kreuzen: Man kann einzelne Menschen erkennen, wird aber durch das Diffuse ihrer Konturen und das gemeinsam Schwingende ihrer Bewegung darauf hingewiesen, dass es sich um Gruppen handelt, die keine klaren Ränder haben. Es sind Massen ohne Motiv (keine Demonstrationen, keine politischen Massen), die sich in Vertrauensseligkeit und Harmonie um ihren Hirten scharen. Das dritte große Gesicht, das man seltener sieht und dessen Lächeln ins Sardonische spielt, hat eine Herde hinter sich, die geradezu aufgekratzt wirkt, wie nach dem Genuss euphorisierender Drogen. FDP, CDU und SPD, sind das Sekten, die ich noch nicht kenne?
Dass es um politische Wahlen geht, darauf kann der Uneingeweihte nicht kommen. Dass es um ein Land in der Krise geht, scheint ihm absurd. Die Entscheidung geht offenbar um Nuancen des Wohlgefühls. Mutter, Vater und der bebrillte Onkel von der FDP sehen gar nicht nach Reggae aus, aber es summt und singt von diesen Plakaten: Don't worry, be happy, don't worry, be happy ...
Wer den Wahlkampf in Deutschland betrachtet, dem kommt ein gut hundert Jahre alter preußischer Satz in den Sinn, gesprochen von einem Minister nach einer verlorenen Schlacht: "Ruhe ist die erste Bürgerpflicht." Inzwischen scheint es vor allem die erste Politikerpflicht zu sein, Ruhe und Zuversicht zu bewahren, zu empfehlen und zu verströmen. Die Ruhe nach der Schlacht, vor der Schlacht, während der Schlacht?
Nicht sehr inspirierend, aber konfliktarm. Die Deutschen wollen das so.
Eine Weltwirtschaftskrise ist abgefedert und eigentümlich unfühlbar geblieben; zweifellos ein Ergebnis von Geistesgegenwart und Staatskunst. Deren Helden aber erwecken in ihrem Auftreten den Anschein, eine diskrete Art von Expertentum könnte grundsätzlich genügen, jede Art von Krise zu bewältigen. Das sogenannte Fernsehduell der beiden möglichen Kanzler vor einem himmelblauen Hintergrund (allerdings mit feinen schwarzen Linien verfugt, was dem Blau etwas Bodenständiges gibt) verläuft in präzisen Takten und ohne erkennbaren Höhepunkt, wie ein Menuett. Es liegt eine kaffeewärmerhafte Dämpfung über den Gesichtern und Gesten aller Beteiligten, die sich doch redlich um etwas bemühen, das von großer Wichtigkeit ist. Im Vordergrund herrscht Kontrolle, also im Hintergrund Angst: Angst, aus der Rolle zu fallen, Angst, etwas Falsches zu sagen, Angst vor Unsachlichkeit, Angst vor jeder Art Unvorhersehbarkeit. Die Nationalhymne dieses Landes könnte "Don't worry, be happy" auf einer Spieluhr sein.
Ein Minister sagt beim Abendessen "off the record" mit bitterer Leidenschaft: Man solle sich nicht beklagen über mangelndes Pathos, über das Klein-Klein der täglichen Schritte, über die Trägheit der politischen Bewegung. Deutschland sei seit dem Zweiten Weltkrieg doch sehr gut gefahren mit all diesen Elementen der gegenseitigen Kontrolle, des Zwangs zum Konsens, des dialektischen Ausgleichs: der Föderalismus, Gewerkschaften und Verbände, der Bundesgerichtshof, der Bundesrat - all diese Elemente und Hunderte mehr sorgten eben dafür, dass alles sehr langsam geht. Nicht sehr inspirierend, aber konfliktarm. Die Deutschen, sagt der Minister, wollen das so. Die große Inflation von 1923, das Desaster der Weimarer Republik, zwei Weltkriege, die Nazi-Zeit, all das sitzt in den historischen Knochen. Jetzt lieber alles mit Vorsicht, dreimal bedacht. Und bitte ohne Gefühl.
Die Große Koalition ist natürlich die Verkörperung all dieser Tugenden in Permanenz. Dass sie sich bewährt hat, als es darauf ankam, ist jetzt gerade fatal: Denn nach der Erste-Hilfe-Aktion im vergangenen Herbst ist nun die Frage der richtigen Kur des Patienten keine Konsens-, sondern Überzeugungssache. Erst mal stabile Seitenlage, Sauerstoff und eine Spritze: Darauf kann man sich einigen unter Medizinern. Ob es aber weitergeht mit einer strengen Diät oder einer Mastkur, mit vorsichtiger Stabilisierung oder radikaler Umstellung des Organismus, mit Elektroschock, Homöopathie oder konventioneller Medikamentierung - all das ist eben nicht mehr im Konsens zu entscheiden. Voraussetzung für eine Therapie ist aber die Diagnose. War's eine Krise des Systems oder eine Influenza, gegen die man sich impfen kann?
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Vorweg: ich halte von den Demoskopen nichts! Aber "gestümpert" hat in erster Linie die SPD; denn es war sehr wohl eine Aufholjagd, allerdings eine vergebliche. mehr...
Kann mir aber nicht vorstellen, dass der von der Moderation kam, der hatte doch nur seine Aufgabe darin gesehen, SPD-Bashing zu provozieren. Um mal wieder auf den Thread zurückzukommen: das Ergebnis hat gezeigt, dass die [...] mehr...
Ich war mal in einem Forum, wo die Moderatoren eine "Fake Figur" erfunden haben, um die Diskussion anzuheizen. mehr...
Das habe ich bei Knut Beck auch vermutet - und deswegen nach weiteren Ausserungen von ihm bei SPON gesucht.. Entweder ist er ein CSU- oder CDUler oder so einfach gestrickt, daß er das wirklich glaubt, was er in den ganzen [...] mehr...
Wobei man neidlos anerkennen muss, dass Knut Becks Beiträge teilweise richtig gut gemacht waren. mehr...
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