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Ausgabe 39/2009
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21.09.2009
 

Archäologie

Geisterstadt im Wüstensand

Von Matthias Schulz

Qatna: Prunkvolle Relikte aus der Bronzezeit
Fotos
DDP / Wita/ Pfaelzner/ Universität Tübingen

Deutsche Ausgräber legen in Syrien das letzte versunkene Reich des alten Orients frei: Qatna. In den Ruinen des märchenhaften Königspalastes entdecken sie pilzverseuchte Gräber, Schatzkammern und Räume ohne Türen. Lüftet sich endlich der Schleier um das bronzezeitliche Dorado?

Vor 4000 Jahren, unter dem Sichelmond des Morgenlands, geschah der Sündenfall: Die Menschheit begann damit, großflächige Kriege anzuzetteln. Kaum hatten sich die ersten Territorialstaaten gebildet, schlugen sie aufeinander ein.

Fünf Reiche bekämpften sich damals. Soldaten aus Elam (Iran) rückten gegen die Bogenschützen Altbabyloniens vor, deren Pfeile 200 Meter weit flogen. Eschnunnas und Aleppos Armeen zogen mit gepanzerten Lederkappen ins Gefecht. Die Assyrer rissen ihren Gegnern noch auf dem Schlachtfeld die Haut ab.

Doch es gab noch ein sechstes, weitgehend verborgenes Machtgebilde. Seine Könige ritten auf weißen Rössern, sie heizten ihre Luxushäuser mit fahrbaren Öfen und trugen zum Dutt aufgesteckte Haare, die sie mit Bändern umwickelten. Nur verschwommen berichten Keilschriften von diesem sagenhaften Land Qatna. Die Ruinen seiner Hauptstadt liegen in der syrischen Wüste. Es ist eine gigantische Siedlung von 1000 mal 1000 Meter Länge, geschützt von einem hohen Wall.

Nur zu gern hätten Archäologen in diesem Dorado schon früher gebohrt. Doch es war tabu. Bauern hatten das Gelände nach dem Ersten Weltkrieg mit einem Dorf überbaut.

Erst eine Zwangsräumung durch die syrische Regierung in den achtziger Jahren machte den Weg frei. Wer sich heute der Stätte nähert, fühlt sich in die Endzeit versetzt. Im gleißenden Sonnenlicht stehen Dutzende leere Häuser und verwitterte Viehställe. Eine verwahrloste Kirche ragt empor, daneben umgestürzte Grabsteine. Es sind die Reste des verlassenen Dorfs.

Doch neuerdings strotzt die Geisterstadt von Leben. Stromgeneratoren wummern. Helfer mit bunten Turbanen stehen in metertiefen Erdlöchern. Gleich drei Gruppen aus Syrien, Italien und Deutschland, insgesamt über 200 Leute, sind dabei, die letzte Stätte orientalischer Despotie vom Staub zu befreien.

Der deutsche Grabungschef Peter Pfälzner - krauses Haar, Nickelbrille - steht auf dem 20 Meter hohen Befestigungswall. Sklaven schütteten den gewaltigen Damm einst mit Hilfe von Flechtkörben auf. Er diente als Schutz gegen die Rammböcke der Feinde.

Um 1800 vor Christus wurde Qatna errichtet. Es war eine Zeit tiefer Depression. Ägypten lag im Chaos. Viele der Stadtstaaten Mesopotamiens waren zusammengebrochen.

Nun begann ein neues - blutvolles - Kapitel im alten Orient. Es bildeten sich die ersten Flächenstaaten. Qatnas Könige regierten bis nach Palästina. Pfälzner zählt sie zu den "global players", den Großmächten der Bronzezeit.

Behände klettert der Forscher von der Universität Tübingen an Disteln und Tamarisken vorbei in das uralte Stadtgeviert hinunter. Er zeigt auf Mauerstümpfe aus Lehmziegeln: "Das war einmal der Königspalast." Erhalten sind leider nur die Fundamente und Kellergeschosse.

Einst aber ragte die 150 Meter lange Regierungszentrale wie ein Prunkschloss in den Himmel. Sie stand auf einer künstlich angespitzten Felsterrasse. Einige Hallen in dem Rekordbau waren größer als Tennisplätze.

"Um die Säle zu überdachen", vermutet Pfälzner, "wurden tausendjährige Bäume in den nahen Zedernwäldern des Libanon gefällt." Ochsenkarren schafften die schweren Stämme heran.

Was für ein Raubbau! Bis an den Euphrat verkauften die Könige später das kostbare Hartholz. Die sagenhaften Haine sanken dahin.

Die seltsame Residenz aber stand. Die Archäologen stießen auf Räume ohne Türen. Im Untergeschoss lagen Knochen geschlachteter Elefanten. Ein Zimmer war mit Krebsen, Delphinen und blauen Palmen ausgemalt. Solche Bilder sind sonst nur von den Minoern bekannt - die aber lebten tausend Kilometer entfernt auf Kreta.

Was weiter verdutzt: In Qatnas politischem Machtzentrum liegen Leichen im Keller.

Tief unterm Fußboden des Osttrakts wurden Knochen von etwa 20 Individuen entdeckt - alles Mitglieder des Königsgeschlechts. Die Toten waren vor der Aufbahrung bei etwa 250 Grad Hitze gedörrt worden. Wollte man so den Verwesungsgeruch verringern?

Die letzte Entdeckung ist noch ganz frisch. Beim Ausschachten des Raums "DA" im vergangenen August tat sich plötzlich ein Spalt auf. Neugierig leuchtete ein Mitarbeiter mit der Taschenlampe hinein und entdeckte eine weitere, nicht geplünderte Totenkammer.

"Ich zeige Ihnen das Gewölbe!" Pfälzner klettert eine schwankende Holzleiter in den Palastkeller hinab. Dämmerlicht umfängt ihn. Er streift sich einen Mundschutz über: "Wegen der Pilzsporen." Dann öffnet er die Tür zur Totenstätte.

Modrig feuchte Luft schlägt ihm entgegen. Auf dem Boden liegen zerfallene Skelette. Etwa 30 Schädelkalotten sind zu erkennen. Dazwischen blinken Dutzende Goldreifen, Fingerringe und kostbare Diademe. Vorn ist eine Affenstatue zu sehen.

Unter strengen Vorsichtsmaßnahmen begann das Team Anfang September mit der Bergung der Schätze aus der schimmligen Kammer. Altägyptische Vasen kamen ans Tageslicht, Gewandnadeln und mit Patina überzogene Dolche.

"Wahrscheinlich wurden in dem Grab hohe Beamte, Prinzessinnen und Wesire bestattet", vermutet der Archäologe. Die Einzelheiten zu seinem Coup will er diese Woche der Öffentlichkeit präsentieren.

  • 1. Teil: Geisterstadt im Wüstensand
  • 2. Teil

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