Von Matthias Schulz
Der Schatzjäger, kein Zweifel, hat einen Volltreffer gelandet. Überrascht verfolgen Kollegen, was Pfälzner gemeinsam mit seiner Frau Heike da alles aus seinem Claim angelt. Zudem verfügt er über genug Geld, um gleich kubikmeterweise Erde wegzuräumen.
Jährlich 350.000 Euro zahlt ihm die Deutsche Forschungsgemeinschaft. Unterstützung kommt auch vom Auswärtigen Amt in Berlin, von der Lebensmittelkette Lidl sowie dem "Schraubenkönig" und Weltmarktführer in der Befestigungstechnik, Reinhold Würth, 74.
Das Leben vor Ort ist allerdings beschwerlich. Die Mannschaft wohnt in dem 20.000-Einwohner-Ort Tell Mischrife, einer Ansammlung von halbfertigen Betonquadern mit dem Liebreiz von Tiefgaragen. Im Sommer liegen die Temperaturen auch nachts kaum unter 30 Grad Celsius. Hinzu kommt der Radau. Bis spätabends knattern Mopeds, Nachbarn lärmen. Um drei Uhr kräht der erste Hahn, um halb fünf ruft der Muezzin. Da ist an Schlaf kaum zu denken.
Trotzdem klingeln im Camp schon um 5.15 Uhr die Wecker. Wegen der Morgenkühle, heißt es. Dösige Archäobotaniker, Vermessungsexperten und Dendrochronologen besteigen den Pick-up und fahren zu den Ruinen herüber.
Dass sie beim Fegen und Staubpusseln nicht einnicken, verhindert offenbar nur die stete Begeisterung über die vielen Neufunde.
Wer möchte, kann die Schätze aus dem alten Syrien bald auch hierzulande sehen. Die schönsten Qatna-Juwelen werden erstmals ins Ausland ausgeliehen - Empfänger ist das Landesmuseum in Stuttgart. Die Ausstellung beginnt am 17. Oktober.
Goldene Stierkampfreliefs und Zepter aus Elfenbein werden gezeigt. Auch einige der neuentdeckten Keilschrifttafeln sind zu sehen. Ein Text berichtet von einer Qatna-Prinzessin, die für 300 Kilogramm Silber (als Mitgift) in ein benachbartes Fürstentum verheiratet wurde.
Derlei Details werfen endlich Licht auf eine Kulturzone, über der lange ein Schleier lag. Die Herrscher von Qatna waren nicht einmal namentlich bekannt.
Jetzt weiß man: Die Scheiche dort ruhten auf Teppichen, sie jagten Elefanten und ließen sich von Musikantinnen auf der Harfe vorspielen.
Gleich der erste König, Ischchi-Addu (um 1800 bis 1750 vor Christus), tat sich als Bau-Tycoon hervor. Er war es, der wahrscheinlich den gigantischen Stadtwall aufhäufen und den Palast bauen ließ. Um seine Arbeiter bei Laune zu halten, spendierte er ihnen Bier.
Der Bauplatz war klug gewählt. Er lag am Kreuzungspunkt wichtiger Karawanenwege. Vor den Toren der Stadt sprudelten Wasserquellen, es gab sogar einen See.
An dieser Oase kamen die Fernhändler nicht vorbei. Mit ihren Eseln - Kamele standen noch nicht zur Verfügung - schafften sie nur 20 Kilometer pro Tag.
Gehüllt in lange Gewänder, trafen die erschöpften Kaufleute abends an den Tränken ein. Ihre Packtiere trugen Lapislazuli aus Afghanistan und indischen Karneol auf dem Buckel, Weihrauch aus dem Jemen und Zinn aus Persien.
An diesem Getausche verdienten Qatnas Könige kräftig mit. Der Hofstaat saß auf Buchsbaumstühlen, verziert mit Edelmetall. Die Ausgräber fanden sogar einen Löwenkopf aus Bernstein. Das Material stammt von der Ostseeküste.
Reste purpurner Textilien legen nahe, dass die Orientalen auch Meister des Färbens waren. Das Violett ihrer Kleider gewannen sie aus den Hypobranchialdrüsen von Meeresschnecken. Für ein einziges Gramm des Farbstoffs wurden rund 8000 Weichtiere verbraucht.
Ausländische Feinde hielten sich die reichen Regenten mit einer Kette von Festungen vom Leib. Konzentrisch waren sie um die Hauptstadt gelegt. Bei Alarm gaben die Soldaten Rauchzeichen oder akustische Signale.
In der Hochblüte um 1700 vor Christus erstreckte sich der Staat bis zum Mittelmeer. Der fernste Vasall lebte am See Genezareth. "10 bis 15 Könige folgen Hammurapi" (gemeint ist der furchterregende Gesetzgeber von Babylon), heißt es in einem Text, "genauso viele folgen Amut-piel von Qatna."
Um in diesem "Patchwork-Staat" (Pfälzner) politisch handlungsfähig zu bleiben, stützte sich der König auf eine schnelle Eingreiftruppe aus Bogenschützen mit Streitwagen. Wo er konnte, versuchte er seine Untertanen einzuschüchtern.
Schon von fern sahen anreisende Vasallen die fast 30 Meter über Grund ragenden Dächer des Palastes. Über eine Rampe im Westen betraten sie das Gebäude. Erst mussten sie sich durch ein Gewirr von engen Fluren drängen. Dann standen sie jäh in der 36 mal 36 Meter großen Audienzhalle. Das Dach war mit Oberlichtern ausgestattet. "Es ist der größte überdachte Raum, der aus der Bronzezeit in Vorderasien bekannt ist", staunt Pfälzner.
Im dahinterliegenden Thronsaal saß der König im purpurnen "Wulstmantel", einem Gewand mit breiter Krempe. Ihm näherte man sich am besten auf einem Klangteppich aus Höflichkeitsfloskeln und unterwürfigem Gestammel.
500 Jahre lang regierte die lila Dynastie - überwiegend bei edler Kost. Ihre Knochen und Zähne zeugen von bester Gesundheit. Allerdings weist ein bestatteter Prinz einen "Kahnschädel" auf: Der Hinterkopf ist in die Länge gezogen. Mediziner vermuten, dass die Fehlbildung durch Inzucht entstanden ist.
Noch sind es nur Bruchstücke an neuen Erkenntnissen und viele Fragezeichen, die da in der syrischen Wüste auftauchen. Auch die Unterstadt von Qatna gibt Rätsel auf. Pfälzner vermutet, dass dort einst 20.000 Menschen lebten.
Doch merkwürdigerweise kommen bei den Grabungen immer nur Amtsgebäude, öffentliche Paläste und staatliche Vorratskammern zum Vorschein. Wohnstätten von Privatpersonen suchen die Ausgräber bislang vergebens.
Der italienische Grabungschef Daniele Morandi hält Qatna deshalb für eine Art verbotene Stadt, in der nur die gesellschaftliche Elite des Landes lebte: Priester, Künstler und der Beamtenapparat. Womöglich gab es dort sogar eine medizinische Forschungsstätte. Genährt wird der Verdacht durch einen trepanierten - mit Sägespuren und Löchern versehenen - Schädel. "Das könnte ein Übungsobjekt zum Erlernen von Hirnoperationen gewesen sein", glaubt Morandi.
Derlei chirurgisches Feingefühl ließen die Feinde der Prunkoase bei ihrem finalen Ansturm im Jahr 1340 vor Christus dann allerdings vermissen. Sie spalteten die Köpfe der Verteidiger einfach mit Bronzeschwertern.
Das Unheil brach jäh herein. "Befestigt Qatna", heißt es warnend auf einer Tontafel aus der Zeit. Das Land schwebte offenbar in höchster Gefahr. König Idanda vergab zwar noch rasch einen Rüstungsauftrag an seine Schmiede. Er orderte 18 600 Schwerter.
Doch da schmorten ihm schon die Haare. Eine fremde Armee hatte sein Heim angezündet. Noch jetzt finden die Archäologen überall herabgestürzte, verbrannte Dachbalken.
Von diesem Schlag erholte sich die Metropole nie. Sie versank im Nichts, hineingerissen in den erbarmungslosen Kreislauf vom Aufstieg und Fall der Reiche und Imperien. Wie überall lehrt die Geschichte auch hier: Flüchtig ist der Triumph, jäh und lächerlich der Sturz ihrer größten Helden.
Von den gierigen Orient-Tyrannen blieben am Ende nur Knochengrus und bleiches Gebein. Und ein wenig prunkvoller Hausrat.
Schon dieses Bisschen aber ruft den Zauber des alten Orients wach. In Stuttgart können Museumsbesucher bald 400 der funkelnden Objekte sehen: Goldketten, Karneolflaschen und Königsstatuen aus Basalt.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wissenschaft | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Mensch | RSS |
| alles zum Thema Archäologie | RSS |
© DER SPIEGEL 39/2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH