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Ausgabe 40/2009
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Autoren Maxim und Modest

2. Teil: Maxim Biller ist beides, gebraucht und eingebildet

Henryk M. Broder: Nichts anderes gelerntZur Großansicht
DPA

Henryk M. Broder: Nichts anderes gelernt

Auch die Sätze, die Maxim mir in den Mund legt ("Mein Hebräisch ist so gut wie das von Eichmann") sind frei erfunden. Aber das macht nichts, denn Maxim ist ein Literat, der in einer Welt lebt, die er sich selbst eingerichtet hat, einem Universum aus Weltschmerz, Wehmut und Wehleidigkeit. Zwar ist er nicht imstande, eine gute von einer koscheren Lasagne zu unterscheiden, dafür aber kann er wie ein Drei-Sterne-Koch schreiben. Wäre er 20 Jahre jünger, müsste sein Selbstporträt "Die Leiden des jungen Maxim" heißen; weil er aber auf die 50 zugeht, heißt es "Der gebrauchte Jude", was die Älteren unter seinen Lesern an Alain Finkielkrauts Buch "Der eingebildete Jude" erinnern wird.

Maxim Biller ist beides: gebraucht und eingebildet, im doppelten Sinne des Wortes. Gleich auf den ersten Seiten seines Buchs bringt er sich mit Thomas Mann, Woody Allen, Heinrich Böll, Peter Handke, Franz Kafka und Philip Roth in Verbindung. Er meint es mitnichten ironisch, diese Giganten sind nicht seine Vorbilder, sondern seine Verwandten. Sie sind wie er, er ist wie sie. Nur Lumpen sind bescheiden, und wer von seinen Eltern Maxim genannt wurde, kann der Vorsehung nicht aus dem Wege gehen. Ich weiß, wovon ich rede: Mein zweiter Vorname ist Modest.

Dabei schaut er nur mit einem Auge in die Welt hinaus: "Ich bin Jude und nichts als Jude, weil ich wie alle Juden nur an mich selbst glaube ... Ich bin Jude, weil ich kein Russe, Tscheche oder Deutscher sein will."

Aber Jude zu sein ist kein abendfüllendes Programm, und es waren vor allem Juden, die als "Kosmopoliten" und potentielle Verräter galten, weil sie multiple Identitäten lebten, lange bevor der Begriff "multikulti" erfunden wurde. Billers Herzenswunsch, "nichts als Jude" zu sein, ist nicht das Ticket, mit dem er auf einem Pferdewagen zurück in das Schtetl fahren möchte, wo es kein "Schumann's" und keinen Kir Royal gab; es ist der Versuch, einen Grund für sein Leiden zu finden. Denn Biller leidet gern und ausgiebig. Und das ist in der Tat etwas sehr Jüdisches, das die Juden in der Diaspora von den Israelis unterscheidet, die begriffen haben, dass sie als Opfer auf das Mitleid der Welt rechnen können, aber als Täter die längere Lebenserwartung haben.

Biller ist in diesem Sinne der letzte Jude, zumindest in seiner Generation. Seine Lust am Leiden wäre unerträglich, wenn er nicht ein so unverschämt guter Schreiber wäre, obwohl ihm jede Selbstironie abgeht. "Im Zug nach München dachte ich nach. Draußen war Deutschland, und drinnen war ich." Für Sätze von solcher Klarheit verzeiht man ihm, dass er unbedingt wissen möchte, "wie es ist, nackt in einem Zug nach Osten zu stehen".

Das ist kokett, wohlfeil und unanständig, Trittbrettfahrerei zum Nulltarif. Diejenigen, die in den Osten verbracht wurden, hätten gern gewusst, wie es ist, in einem Armani-Anzug bei "Schumann's" an der Bar zu stehen. Biller dagegen ist "nie mit dem Tisch zufrieden, den man mir gibt", und er findet "es wichtig, besser Deutsch zu können als Deutsche, denn wenn es nicht so wäre, hätte ich einen schlimmen Außenseiterkomplex, aber den habe ich auch so".

Bekäme Biller den Literatur-Nobelpreis - womit er übrigens fest rechnet - würde das an seinem Komplex nichts ändern. Er käme sich weiter benachteiligt, zu kurz gekommen und verkannt vor, weil ihm der Preis viel zu spät verliehen worden wäre - wie Marcel Reich-Ranicki, der auch nach dem neunten Ehrendoktor nicht vergessen hat, dass er bei der "Zeit" nie zu einer Konferenz mitkommen durfte.

Ich habe Maxim immer ein wenig beneidet. Erstens weil er jünger, zweitens weil er größer, drittens weil er ein Literat ist, der seine Phantasie von der Leine lassen kann, während bei mir im SPIEGEL jedes Zitat von einer Dokumentarin überprüft wird. Vor allem aber, weil er eine Melancholie ausstrahlt, die Frauen unwiderstehlich finden. So etwas kann man sich nicht aneignen, so muss man auf die Welt kommen. Ich hätte auch gern Eltern wie er gehabt - gebildete und gesellige Menschen, mit denen man über alles reden konnte, und keine KZ-Krüppel, die schon ausrasteten, wenn ich mal eine Stunde zu spät nach Hause kam.

Und nun lese ich, wie unglücklich Maxim Biller mit seinem Leben ist, wie er mit sich und der Welt hadert. Und wird ihm alles zu viel, setzt er sich ans Klavier und singt ein Lied, dessen Refrain mit der Zeile endet: "I love my Leid".

Wir sind alle Kleindarsteller, die ein Spiel mit verteilten Rollen spielen. Untereinander verkracht und zerstritten, wie es sich für Juden gehört, mühen wir uns, den echten Deutschen zu beweisen, dass es ein Fehler war, uns aus der Geschichte zu entsorgen. Jeder von uns versucht auf seine Weise, der bessere Deutsche zu sein: Michel Friedman, die gegelte Nervensäge, Michael Wolffsohn, der sensible Patriot, Rafael Seligmann, der am liebsten deutsche Phantomschmerzen behandelt, Micha Brumlik, der Professor Unrat der Grünen, ich, der Pausenclown. Wir sind alle "jews on demand", jeder von uns hat sich in einer Nische eingerichtet und achtet darauf, sein Alleinstellungsmerkmal nicht zu verlieren. Ich habe es mit einer zehnjährigen Entziehungskur in Israel versucht, die bedingt erfolgreich war. Seitdem nehme ich mir jeden zweiten Monat vor, aus dem deutsch-jüdischen Zirkus auszusteigen, haue dann ab, nach Holland, Island oder noch weiter weg, nach New England oder in die Karibik.

Aber wenn ich dann lese, dass irgendein "Israel-Kritiker" sich darüber wundert, dass die Juden im Gegensatz zu den Deutschen nichts aus ihrer schrecklichen Geschichte gelernt haben, dann steige ich wieder in die Bütt, obwohl ich weiß, dass ich es ebenso gut lassen könnte. Es macht ja auch Spaß, und außerdem hab ich nichts anderes gelernt.

Ich bin sicher, Maxim Biller geht es genauso, nur dass er sich lieber zum Opfer der Umstände stilisiert, zum "gebrauchten" Juden. Das klingt ein wenig wie "missbraucht". Aber es ist nur ein literarischer Schmäh.

Maxim Biller hört es gern, wenn man ihm sagt, er sei der deutsche Philip Roth. Das ist er natürlich nicht. Aber wenn er einen Schritt zur Seite treten und sich selbst beobachten könnte, hätte er eine gute Chance, ein zweiter verzweifelter Portnoy zu werden.

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Heft 40/2009 Fehlkonstruktion Mensch Warum wir für die moderne Welt nicht geschaffen sind

Zur Person
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Biller wurde 1960 als Kind russischer Juden in Prag geboren und kam mit zehn Jahren nach Deutschland. Er hat Romane, Erzählungen und Essays veröffentlicht, mit der Kolumne "100 Zeilen Hass" im Magazin "Tempo" erwarb er sich einen Ruf als Bullterrier des Feuilletons. Jetzt erscheint sein Buch "Der gebrauchte Jude", in dem er auch eine Begegnung mit SPIEGEL-Autor Henryk M. Broder schildert.

Broder wurde 1946 in Kattowitz als Kind polnischer Juden geboren und war elf, als er nach Köln kam. Er lebte zehn Jahre in Jerusalem.

Maxim Biller: "Der gebrauchte Jude"

Verlag Kiepenheuer & Witsch; 174 Seiten; 16,95 Euro.

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