ThemaNick CaveRSS

Alle Artikel und Hintergründe

AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 40/2009
  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
 

Pop Dämonen eines Dandys

Schriftsteller Nick Cave: "Hass, Eifersucht, Scham und Schuld"
Fotos
DDP

2. Teil: "Ich trug immer eine riesige Portion Panik mit mir rum"

Der Roman ist eine Reise in die Hölle, Bunny wird erniedrigt, gedemütigt und zerstört, aber er bewahrt seine verzweifelte Coolness und rast seinem Ende entgegen, ohne nur darüber nachzudenken, den Fuß vom Gas zu nehmen. Nicht einmal der Selbstmord seiner Ehefrau lässt ihn sein Leben ändern.

Es ist Mittagszeit in Brighton, aber die Sonnenstrahlen schaffen es nicht hinein in Caves Keller. "Bunny ist auf der Flucht vor Liebe, Intimität und Verantwortung", sagt er.

Man kann Caves Roman auch als bösartig lakonische Metapher auf eine verkommene Popkultur lesen, eine Welt der Aufputschmittel, der Drogen, öder Fernsehprogramme, schlimmer Frisuren und des schlechten Sex, in der nichts zählt - außer dem nächsten Kick. Es ist, als ob Cave den Scheinwerfer auf das Milieu richtet, das früher seine Heimat war.

Nick Cave sagt, der Lebensstil des Rock'n'Roll habe ihn schon nach ein paar Jahren gelangweilt. Als er nach England kam und sich bemerkbar machen wollte, sei Musik das Beste gewesen, was ihm passieren konnte. Mädchen fanden ihn attraktiv, einige sprachen ihn an. "Das hatte es vorher nicht gegeben", sagt Cave.

Cave, der Rimbaud und Baudelaire bewundert, packte die Furcht, dass er sterben könnte, ohne etwas Wichtiges vollbracht zu haben. "Ich trug immer eine riesige Portion Panik mit mir rum, das Gefühl, dass jeder Song, den ich schrieb, mein letzter sein könnte", erzählt Cave. "Rückblickend gesehen, war es keine besonders schlaue Art zu leben."

Immer wieder versuchte er damals, loszukommen vom Heroin. Vor elf Jahren, sagt er, gelang es ihm, seither habe er nichts mehr angerührt. Nicht einmal Alkohol.

Damals, als ihn die Droge fest im Griff hatte und sein Leben im Chaos versank, verfasste Cave die melancholischsten und aufgeräumtesten seiner Schauerballaden. So wie er heute darüber spricht, waren es Versuche, Ordnung und Orientierung in seinen Alltag zu bringen.

Seit seiner Abkehr vom Heroin und seiner Heirat vor zehn Jahren mit Susie Bick, einem Vivienne-Westwood-Model, hat Cave sich eine übersichtliche Welt samt antiken Spiegeln und goldenen Engeln geschaffen. Wenn er seinen Arbeitskeller betrete, so Cave, suche er eine Welt der "Exzesse, der hochgeladenen Emotionen und der Extreme".

Dort unten hängen gerahmte Bilder von Katzen, ein Künstler namens Louis Wain hat sie im 19. Jahrhundert gemalt. Wain erkrankte an Schizophrenie und starb in einer Klinik. Hinter Caves Schreibtisch sieht man eine Kinderzeichnung, ein Mond und ein paar Sterne sind darauf, mit schwarzem Filzstift gemalt, darunter zwei Särge, in denen Knochen liegen, in Rot. "Hat einer meiner Söhne gemalt", sagt Cave. "Der Apfel fällt nicht weit von Stamm."

Cave hat Zwillinge, die Söhne sind neun Jahre alt, es gibt Leute, die sagen, er achte sehr darauf, ein guter Vater zu sein. Aber das zeigt er nicht. Das wäre uncool, zu nett, zu harmlos, zu bürgerlich. Er lebt in Brighton, weil es seiner Frau hier gefällt, sagt Cave. Er könne es überall aushalten, solange es einen Tisch zum Arbeiten gebe. Vor kurzem hatte er zehnten Hochzeitstag. Es habe ihn überrascht und gerührt. Ein Mann wie er, verheiratet, so lange Zeit.

An dem Tag war er in London in einem Tonstudio. Er hat seiner Frau Blumen geschickt und einen Brief, obwohl Brighton nur eine Stunde mit dem Zug entfernt ist. "Ich weiß", sagt Cave, aber er lasse sich nicht gern von der Arbeit ablenken. Vor 20 Jahren habe er in Berlin zu tun gehabt, als sein Kollege Blixa Bargeld ins Studio gerannt kam und schrie: "Nick, komm schnell, die Mauer fällt."

Cave schüttelte damals den Kopf und sagte: "Hau ab, Blixa, ich muss den Song fertigschreiben."

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
alles aus der Rubrik Literatur
alles zum Thema Nick Cave

© DER SPIEGEL 40/2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Verwandte Themen






TOP



TOP