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Ausgabe 41/2009
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Gesundheitspolitik Die Krankmacher

Gesundheitspolitik: So tricksen die Krankenkassen
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2. Teil: Der malade Teil der Bevölkerung stellt in einigen Regionen schon die Mehrheit

Am Anfang der Kaskade steht dabei die "psychische Verstimmung". Aus Sicht der Krankenkasse handelt es sich um eine sehr unerfreuliche Diagnose. Sie trägt ihr keinen Zuschuss aus dem Gesundheitsfonds ein. Besser ist es, wenn der Arzt eine "leichte depressive Episode" verortet. Aus Sicht des Therapeuten ist der Unterschied zur "psychischen Verstimmung" womöglich klein. Für die Krankenkasse hingegen bedeutet er ungefähr 1000 Euro zusätzlich im Jahr.

Darauf lässt sich weiter aufbauen. Für eine "dissoziative Störung" sind beinahe 2000 Euro drin, für eine "bipolare affektive Störung" schon mehr als 3400 Euro. Erst mit der Diagnose "Schizophrenie" (über 6000 Euro) ist das Ende der Codierkaskade erreicht.

Das finanzielle Potential, das in einer Krankheit steckt, ist dabei umso größer, je mehr Betroffene es gibt, und so ist es kein Wunder, dass sich die Kassen derzeit besonders eifrig um die Entdeckung typischer Volkskrankheiten bemühen. Beim Bluthochdruck zum Beispiel geht die Branche von bis zu zwölf Millionen Betroffenen aus. Würden alle diese Menschen auf einen Schlag mit der entsprechenden Codierung versehen werden, ergäbe sich rein rechnerisch ein Zuschlagsvolumen von mehr als fünf Milliarden Euro.

Ärzte stellen sich nicht in den Weg

Tatsächlich zeichnet sich bereits ab, dass es in Zukunft nur noch wenige Menschen geben wird, denen sich keine Krankheiten anhängen lassen. Einige größere Betriebskrankenkassen haben auf der Basis von 10,7 Millionen Versichertendaten herausgefunden, dass der malade Teil der Bevölkerung in einigen Regionen schon jetzt die Mehrheit stellt.

Der internen Übersicht zufolge kommen in Berlin auf 100 Versicherte statistisch bereits 97 finanziell interessante Krankheiten, wobei es vorkommt, dass einige Betroffene unter mehreren Krankheiten gleichzeitig leiden. In den ostdeutschen Bundesländern liegen die Quoten zwischen 70 und 80 Prozent, in Nordrhein-Westfalen bei 64 Prozent. Allenfalls in Baden-Württemberg (41 Krankheiten auf 100 Versicherte) kann davon die Rede sein, dass die Menschen noch eher gesund sind.

Die Ärzte haben sich der Entwicklung bislang nicht in den Weg gestellt, im Gegenteil. Der bayerische Hausärzteverband, dem im Freistaat etwa 75 Prozent aller Hausärzte angehören, hat sich mit der AOK Bayern zusammengetan. Der Vertrag sieht vor, dass die AOK etwa doppelt so hohe Honorare zahlt wie früher üblich. Umgekehrt sollen die Ärzte der AOK helfen, den Gesundheitsfonds anzuzapfen.

"Als Gegenleistung für das Entgegenkommen der AOK bitten wir Sie nochmals, eine entsprechende Codierung bei den AOK-Patienten vorzunehmen", hieß es in einem Brief des Verbands an seine Mitglieder. Die AOK bot den Ärzten sogar an, eigene Leute vorbeizuschicken, um den Ärzten bei der Codierung von Krankheiten gleich am Praxiscomputer zu helfen.

Der neue Gesundheitsfonds bestraft jene, die so dumm sind, nicht mitzumachen. Von einem "absurden System" spricht Hans Unterhuber, Chef der Siemens Betriebskrankenkasse, von "massiven Fehlanreizen" Norbert Klusen, Vorsitzender der Techniker Krankenkasse.

Verweigerer werden bestraft

Jens Luther, Chef der Hanseatischen Krankenkasse (HEK) war geradezu fassungslos, als er feststellte, dass sein Arzt bei ihm plötzlich ein chronisches Gebrechen namens "Ösophagitis, Reflux und andere Erkrankungen der Speiseröhre" diagnostizierte, obwohl sich Luther, abgesehen von einem leichten Sodbrennen, topfit fühlt. Als Kassenmanager freilich muss Luther froh sein. Seine angebliche Erkrankung bringt der HEK einen jährlichen Zuschuss aus dem Gesundheitsfonds von 912 Euro im Jahr.

Ärzte, die sich dem neuen System verweigern, werden bestraft. In Schleswig-Holstein hat die Kassenärztliche Vereinigung (KV) mit Schrecken festgestellt, dass ihr ein Millionenbetrag verlorengeht, wenn die Ärzte vor Ort nicht schleunigst beim Wettkampf um den Fonds mitmischen.

Bei den Medizinern im Norden war es lange Brauch, beim Diagnostizieren von Krankheiten eher sparsam zu sein. Finanzielle Nachteile hatte diese Strategie nicht. Das Honorarbudget, das zwischen den Kollegen aufgeteilt wurde, war im alten System ja schon im Vorhinein festgelegt.

Doch nun wendet sich das Blatt. Eine Untersuchung des Kieler Gesundheitsökonomen Thomas Drabinski kommt zu dem Schluss, dass die Ärzte der KV Schleswig- Holstein etwa 100 Millionen Euro zusätzlich aus dem Gesundheitsfonds herausholen könnten, wenn sie sich so verhielten wie die Mediziner im Rest der Republik. Nun aber landet das schöne Geld in anderen Regionen, etwa im Osten Deutschlands. Und so ist es kein Wunder, dass die Ärzte an der Küste zur Aufholjagd blasen.

In ihrem offiziellen Mitteilungsblatt ruft die KV unverhohlen dazu auf, mehr Geld nach Schleswig-Holstein zu holen. Garniert wird die Titelstory ("Auf der Jagd nach der vergessenen Morbidität") mit Codiertipps der AOK und einem Musterblatt, das zeigt, wie ein Diabetespatient so gekennzeichnet wird, dass er auf jeden Fall Geld aus dem Gesundheitsfonds bringt.

Der Kreativität bei der Diagnosemanipulation sind kaum Grenzen gesetzt. Die AOK Niedersachsen und die Deutsche BKK waren bereits zu Jahresbeginn an die Ärzte herangetreten mit der Bitte, einzelne Patienten noch einmal etwas gründlicher auf mögliche Erkrankungen zu überprüfen. Josef Hecken, Präsident des Bundesversicherungsamts, spricht von "Schweinereien". Doch habe es sich bislang um Einzelfälle gehandelt. Als Chef der zuständigen Aufsichtsbehörde sei es ihm auch gelungen, die Betrugsversuche zu unterbinden, behauptet CDU-Mann Hecken, der sich Hoffnungen macht, in der schwarz-gelben Koalition demnächst zum Bundesgesundheitsminister aufzusteigen.

Kritiker haben Zweifel an Heckens Erzählungen. Bei Abermillionen Codiervorgängen pro Quartal könne das Bundesversicherungsamt unmöglich erkennen, wo getrickst und übertrieben wurde und wo nicht. Ärzte müssen beim Eintippen nur den Buchstaben "V" für "Verdachtsdiagnose" weglassen - und schon wird ein Gesunder zum Kranken.

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insgesamt 1429 Beiträge
terrorzwerg 19.08.2009
Die Probleme der Kassen haben wohl wenig bis nichts mit dem Gesundheitfonds zu tun. Das Hauptproblem sind die vielen Kassen, und damit die zu vielen "Wasserköpfe", die zu finanzieren sind. Zehn Kassen würden [...]
Zitat von sysopDie erste Krankenkasse verlangt von ihren Versicherten einen Zusatzbeitrag, um ihre Kosten zu decken. Das Gesundheitsministerium sieht darin einen Einzelfall. Experten befürchten hingegen, dass bald weitere Krankenkassen nachziehen. Ist der Gesundheitsfonds gescheitert?
Die Probleme der Kassen haben wohl wenig bis nichts mit dem Gesundheitfonds zu tun. Das Hauptproblem sind die vielen Kassen, und damit die zu vielen "Wasserköpfe", die zu finanzieren sind. Zehn Kassen würden ausreichen. Die hätten dann auch nur zehn Vorstände, die gut versorgt sein wollen.
der_durden 19.08.2009
Egal um welches Thema es sich die letzte Zeit dreht, Experten verlauten realistische Einschätzungen, die Ministerien wiegeln ab um ein paar Wochen später genau das einzuräumen, was sie kürzlich noch verneinten. Bei der [...]
Zitat von sysopDie erste Krankenkasse verlangt von ihren Versicherten einen Zusatzbeitrag, um ihre Kosten zu decken. Das Gesundheitsministerium sieht darin einen Einzelfall. Experten befürchten hingegen, dass bald weitere Krankenkassen nachziehen. Ist der Gesundheitsfonds gescheitert?
Egal um welches Thema es sich die letzte Zeit dreht, Experten verlauten realistische Einschätzungen, die Ministerien wiegeln ab um ein paar Wochen später genau das einzuräumen, was sie kürzlich noch verneinten. Bei der Gesundheitsreform ist es besonders deutlich. Was jetzt zu geschehen scheint, wusste jeder schon lange, nur angeblich Ulla Schmidt nicht - unglaublich und dann reden wir hier von so einem Blödsinn wie der Dienstwagennutzung. Manchmal muss man sich über unser Land und dessen Bürger wirklich wundern... Das geht mir mittlerweile so dermaßen auf den Geist. Umsere Politik hat sich in etwas rein manövriert, ich frage mich, wie das enden soll...
fgranna 19.08.2009
Eine Kasse für ALLE und gut ist. Kein Gesundheitsfond, keine "Kassenflüchtlinge", keine Privat- und "Bettel"-patienten mehr.
Eine Kasse für ALLE und gut ist. Kein Gesundheitsfond, keine "Kassenflüchtlinge", keine Privat- und "Bettel"-patienten mehr.
Wolfghar 19.08.2009
In letzter Konsequenz wohl im Bürgerkrieg. Wir fahren voll vor die Wand und keiner wills wissen
Zitat von der_durdenDas geht mir mittlerweile so dermaßen auf den Geist. Umsere Politik hat sich in etwas rein manövriert, ich frage mich, wie das enden soll...
In letzter Konsequenz wohl im Bürgerkrieg. Wir fahren voll vor die Wand und keiner wills wissen
Teenager 19.08.2009
Überrascht das wirklich jemand? Sinn und Zweck des Gesundheitsfonds haben sich mir nie so ganz erschlossen, aber das man trotz höherer Beiträge nicht mit dem Geld auskommen würde war mir sonnenklar. Das "Gute" an [...]
Zitat von sysopDie erste Krankenkasse verlangt von ihren Versicherten einen Zusatzbeitrag, um ihre Kosten zu decken. Das Gesundheitsministerium sieht darin einen Einzelfall. Experten befürchten hingegen, dass bald weitere Krankenkassen nachziehen. Ist der Gesundheitsfonds gescheitert?
Überrascht das wirklich jemand? Sinn und Zweck des Gesundheitsfonds haben sich mir nie so ganz erschlossen, aber das man trotz höherer Beiträge nicht mit dem Geld auskommen würde war mir sonnenklar. Das "Gute" an der Sache ist, dass wir uns um die Wirtschaft keine Sorgen machen brauchen, denn den Zusatzbeitrag zahlt der Arbeitnehmer alleine. Nachdem schon die Beiträge für die Krankenkasse nicht mehr je zur Hälfte von AN und AG gezahlt werden müssen ist das ein weiterer Schritt zur Privatisierung der Lohnnebenkosten - von der Senkung der gesetzlichen Rente zugunsten der Riesterrente mal ganz abgesehen.
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Der Gesundheitsfonds
In den Gesundheitsfonds fließen alle Beiträge der 70 Millionen gesetzlich Krankenversicherten. Für die rund 150 gesetzlichen Kassen setzt die Bundesregierung seit 2009 einen einheitlichen Beitragssatz fest. Zum 1. Januar 2011 wurde er von 14,9 Prozent auf 15,5 Prozent des Bruttolohns erhöht. Die Arbeitnehmer zahlen davon 8,2 Prozent. Der Anteil der Arbeitgeber wurde unabhängig von künftigen Beitragserhöhungen auf 7,3 Prozent eingefroren.

Aus den Einnahmen des Fonds wird den Kassen das Geld dann zugewiesen. Das Volumen ist für ein Jahr im Voraus fixiert. 2011 bekommen sie 178,9 Milliarden Euro. Für jeden Versicherten erhalten die Kassen je nach Alter, Geschlecht und Gesundheitszustand Zu- und Abschläge. Krankenkassen mit älteren und kranken Versicherten erhalten mehr Geld als Kassen mit einer Vielzahl an jungen und gesunden Versicherten.

Erzielen die Kassen einen Überschuss, können sie eine Prämie an ihre Versicherten ausschütten. Die Entscheidung über deren Höhe und den Zeitpunkt der Ausschüttung, monatlich oder jährlich, bleibt der Kasse überlassen.

Kassen, die mit den zugeteilten Mitteln nicht auskommen, dürfen einen Zusatzbeitrag verlangen. Er wird vom Versicherten als feste Summe gezahlt. Theoretisch können die Kassen die Zusatzbeiträge in beliebiger Höhe festsetzen. Mitglieder haben aber ein Sonderkündigungsrecht, wenn Zusatzbeiträge erhoben oder erhöht werden, und können zu einer günstigeren Kasse wechseln.






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