SPIEGEL: Das ist ja Sinn der Sache: Die Struktur der Banken soll verändert werden, damit sie weniger krisenanfällig sind.
Ackermann: Dennoch gilt es, auch die Wohlfahrtseffekte einer solchen Maßnahme zu bedenken. Wenn eine globale Bank in einzelne Tochtergesellschaften mit jeweils eigenem Eigenkapital aufgeteilt wird, kann sie natürlich leichter abgewickelt werden. Eine integrierte Bank lässt sich dagegen nicht so leicht auseinanderdividieren. Aber eine integrierte Bank bietet betriebliche und auch volkswirtschaftliche Vorteile. Wenn es stimmt, dass ein globales Finanzsystem unseren Wohlstand mehrt, und davon bin ich überzeugt, wirkt eine stärkere nationale Fragmentierung als Wohlstandsbremse. Jetzt in der Krise sehen viele nur die Risiken und Kosten des globalen Finanzsystems. Sie vergessen dabei seinen immensen Beitrag zur Steigerung des Wohlstands in den vergangenen Jahrzehnten.
SPIEGEL: Immerhin musste das bisherige System vom Staat vor dem Kollaps gerettet werden.
Ackermann: Ich bin der Letzte, der bestreitet, dass die Intervention der Staaten notwendig war. Dass ich so etwas nicht noch einmal erleben will, brauchen wir auch nicht zu diskutieren. Aber die Frage ist: Wie weit schlägt das Pendel jetzt in die andere Richtung aus? Wir müssen die anstehenden Reformmaßnahmen so optimieren, dass wir ein stabileres System bekommen, aber zugleich zu hohe volkswirtschaftliche Kosten für die Gesellschaft vermeiden. Das geht nur, wenn Banken und Regelsetzer einen intensiven Dialog miteinander pflegen.
SPIEGEL: Die vergangenen Monate haben bewiesen, dass die Finanzmärkte ein instabiles System sind. Es kann sich nicht selbständig stabilisieren, sondern braucht Hilfe von außen. Nur auf den Markt zu hören geht ja gar nicht.
Ackermann: Wenn Verwerfungen systemische Ausmaße annehmen, ist eine systemische Antwort von Staaten und Zentralbanken erforderlich. Ohne eine solche Antwort hätte der Markt zwar irgendwann auch wieder zu einem Gleichgewicht gefunden, aber die Wohlstandsverluste wären dann viel größer geworden.
SPIEGEL: Inzwischen erzielen viele Banken schon wieder hohe Gewinne. Ausgerechnet die Verursacher der Krise verdienen an den staatlichen Rettungsmaßnahmen und dem billigen Geld, das die Notenbanken zur Stabilisierung ins System pumpen. Sind Sie ein Krisenprofiteur?
Ackermann: Es ist klar, dass die Stabilisierung der Finanzmärkte und die Interventionen der Regierungen und Notenbanken uns geholfen hat. Sind wir deshalb Krisenprofiteure? Von den staatlichen Rettungsmaßnahmen profitieren doch alle und übrigens auch davon, dass viele Banken wieder Gewinne erzielen: Wir sind dadurch in der Lage, die Geschäfte der Industrie zu finanzieren, Arbeitsplätze zu schaffen beziehungsweise zu sichern, Steuern zu zahlen, Wachstum und Wohlstand zu fördern.
SPIEGEL: Was ist die Aufgabe der Banken: Sollen sie ihre Kunden mit Geld versorgen oder aus Geld noch mehr Geld machen?
Ackermann: Die Aufgabe einer Bank ist es, die finanziellen Voraussetzungen für Wachstum und Wohlstand zu schaffen, die vielfältigen Ansprüche von Kunden, Mitarbeitern, Eigentümern und der Gesellschaft insgesamt möglichst gut zu erfüllen. Diese Ansprüche stehen zum Teil im Wettstreit miteinander. Der zentrale Orientierungspunkt ist hier der Gewinn. Gewinn können Sie nur mit zufriedenen Kunden und motivierten Mitarbeitern erzielen. Und nur mit Gewinn können Sie bessere Produkte und Dienstleistungen anbieten, Arbeitsplätze schaffen, Steuern zahlen und damit den Wohlstand mehren.
SPIEGEL: Viele Unternehmen klagen, dass ihnen die Banken kein Geld mehr leihen. Gibt es eine Kreditklemme?
Ackermann: Eine allgemeine Kreditklemme sehe ich bisher nicht. Sicher haben sich die Kreditkosten und -anforderungen für die Unternehmen erhöht. Ich kann aber sagen: Wir als Deutsche Bank stehen unverändert mit Krediten für unsere Kunden zur Verfügung.
SPIEGEL: Dennoch kommt das billige Geld der Notenbanken nicht bei den Bankkunden an. Stattdessen machen viele Banken wieder die alten Geschäfte und erzielen deshalb auch wieder hohe Gewinne. Geht die Party nach der Krise einfach weiter?
Ackermann: Die Fakten sehen anders aus: Erstens sind die Zinsen sowohl für Verbraucherkredite wie für Hypothekenkredite gesunken. Das billige Geld der Notenbanken kann nicht so billig bei den Kunden ankommen, weil es nur einen kleinen Beitrag zu dem Refinanzierungsvolumen der Banken leistet. Der Großteil unserer Refinanzierungskosten ist viel höher. Im Übrigen spiegelt die Zinshöhe nicht nur die Refinanzierungskosten, sondern auch das Ausfallrisiko wider. Und das ist aufgrund der Rezession gestiegen. Zweitens ist es falsch, dass wir einfach die alten Geschäfte weiterbetreiben. Unsere Risiko- und Ertragsstruktur hat sich wesentlich verändert. Die Party geht also nicht weiter. Außerdem stärken wir systematisch unsere stabilen Geschäftsfelder und unsere Position im Heimatmarkt.
SPIEGEL: Wie handlungsfähig sind Sie eigentlich derzeit noch angesichts des schwelenden Machtkampfs mit Ihrem Aufsichtsratsvorsitzenden Clemens Börsig?
Ackermann: Machtkampf? Sie unterliegen da offenbar einem Missverständnis. Ich hatte dem Aufsichtsrat mitgeteilt, dass ich schon zur Hauptversammlung 2009 zurücktreten wolle, nicht erst zur Hauptversammlung 2010. Damit wollte ich eine lange schädliche Nachfolgediskussion vermeiden.
SPIEGEL: Und in dieser Situation wollte sich Börsig zu Ihrem Nachfolger ernennen lassen, worauf Sie gesagt haben, so geht das nicht, und Ihren Vertrag verlängert haben.
Ackermann: Nein. Nicht ich, der Aufsichtsrat hat die angedachte Nachfolgelösung nicht mitgetragen und mich gebeten zu bleiben. In dieser schwierigen Situation für die Bank habe ich mich verpflichtet gefühlt, weiterzumachen. Den von Ihnen beschriebenen Machtkampf hat es damit nie gegeben.
SPIEGEL: Wer sucht jetzt Ihren Nachfolger?
Ackermann: Herr Börsig und ich gemeinsam.
SPIEGEL: Und Sie bleiben bis zum Ende der Laufzeit Ihres Vertrags im Jahr 2013 Vorstandsvorsitzender?
Ackermann: So sieht es mein Vertrag vor. Und den gedenke ich zu erfüllen.
SPIEGEL: Herrn Börsig wird vorgeworfen, Auftraggeber ominöser Bespitzelungen gewesen zu sein, betroffen waren auch ein Vorstand und ein Aufsichtsrat. Datenschützer, die Finanzaufsicht und die Staatsanwaltschaft ermitteln. Drohen weitere Enthüllungen?
Ackermann: Als uns das Thema im Vorstand bekannt wurde, haben wir schnell und konsequent gehandelt. Der Prüfungsausschuss des Aufsichtsrats hat in Abstimmung mit mir eine unabhängige Untersuchung durch eine renommierte Anwaltskanzlei in Auftrag gegeben. Die wesentlichen Ergebnisse dieser Untersuchung hat die Bank der Öffentlichkeit inzwischen mitgeteilt. Dem haben wir derzeit nichts hinzuzufügen. Es laufen ja noch weitere behördliche Untersuchungen. Deren Ergebnisse müssen wir noch abwarten.
SPIEGEL: Sie haben einem Ihrer Sicherheitsleute und dem Chef der Investor-Relations-Abteilung gekündigt. Die Untersuchung durch eine Anwaltskanzlei hat ergeben, dass auch ein kritischer Aktionär und ein Journalist bespitzelt wurden. Das zeugt von einer gewissen Paranoia.
Ackermann: Wir sprechen hier von insgesamt vier jeweils ganz unterschiedlich gelagerten Fällen in einem Zeitraum von zehn Jahren ...
SPIEGEL: ... die alle sehr ungewöhnlich sind.
Ackermann: Allen Fällen lag ursprünglich das legitime Ziel zugrunde, die Bank oder ihr Management vor Schaden zu bewahren. Bei der Verfolgung dieses Ziels kam es dann im weiteren Verlauf leider zu fragwürdigen Aktivitäten.
SPIEGEL: Sie sind nach Ihrer Vertragsverlängerung in der Bank unumstrittener denn je, aber im Land nach wie vor heftig umstritten. Macht Ihnen das zu schaffen?
Ackermann: Umfragen in der Bevölkerung ergeben ein wesentlich differenzierteres Bild. An mir wird, sicher auch wegen meines hohen Bekanntheitsgrades, vieles festgemacht - zu Recht oder zu Unrecht. Ich stelle mich dieser Herausforderung und Verantwortung.
SPIEGEL: Was erwarten Sie von der neuen Regierung? Eine Steuersenkung?
Ackermann: Ich erwarte Veränderungen in Teilbereichen des Steuersystems. Ich hoffe auch, dass wir in der Gesundheits- und Arbeitsmarktpolitik einige neue Akzente sehen. Mein größter Wunsch aber ist, dass zwischen Politik und Wirtschaft der Dialog wieder stärker gepflegt wird - zum Wohle des Ganzen. Die Menschen erwarten von uns Lösungen für ihre Probleme.
SPIEGEL: Als Banker wissen Sie: Wenn Einnahmen fehlen, muss man die Ausgaben anpassen. Wie soll denn die Regierung in der gegenwärtigen Situation überhaupt Steuern senken?
Ackermann: Die hohe öffentliche Verschuldung können wir vor allem über mehr Wachstum abbauen. Dabei helfen Steuersenkungen. Aber sicher ist auch die Ausgabenseite zu prüfen.
SPIEGEL: Herr Ackermann, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
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