SPIEGEL: Herr Kerkeling, haben Sie gewählt?
Kerkeling: Ja, natürlich. Zwar per Briefwahl, aber das macht im Ergebnis ja keinen Unterschied.
SPIEGEL: Welche Partei?
Kerkeling: Sagen wir mal so: Ich habe versucht, jener Volkspartei zu helfen, die sich gerade anschickt, komplett zu zerbröseln.
SPIEGEL: Sie kommen aus einer sozialdemokratischen Familie?
Kerkeling: Auf jeden Fall. Da gab es zwar auch immer ein paar Christdemokraten. Aber im Ruhrgebiet ist man nun mal sozialdemokratisch und katholisch zugleich. Das widerspricht sich nicht.
SPIEGEL: Ihre Stimme hat der SPD nicht viel genutzt.
Kerkeling: Immerhin ist sie nicht unter die 20 Prozent gerutscht. Das kann man mittlerweile schon eine Leistung nennen.
SPIEGEL: Fiel Ihnen die Wahl schwer?
Kerkeling: O ja. Dieses Mal besonders. Der Wahlkampf war nicht dazu geeignet, sich ein Bild davon zu machen, was die Parteien nach der Wahl überhaupt vorhaben. Nun bleibt es spannend zu sehen, was die neue schwarz-gelbe Regierung wirklich will. Das Interessanteste war für mich allerdings, dass sich eine Mehrheit der Bürger nicht einmal an dieser völligen Abstinenz von Wahlkampf gestört hat. Ich wollte ja auch nicht, dass sich unsere Politiker mit Lehm bewerfen. Aber eine schärfere inhaltliche Auseinandersetzung hätte ich mir doch gewünscht.
SPIEGEL: Von Phlegma und Langeweile des realen Wahlkampfs profitierte am Ende nur Ihr Film "Isch kandidiere!".
Kerkeling: Ich fürchte, Sie haben recht. Aber das konnten wir ja nicht ahnen, als wir im Februar die Idee zum Film hatten.
SPIEGEL: Ganz schön kurzfristig geplant.
Kerkeling: Im Nachhinein ein Ritt über den Bodensee. Normalerweise nehmen solche Projekte allein ein Jahr Anlauf. Wir haben im April schon gedreht, als die letzten Seiten des Buches noch gar nicht geschrieben waren. Das ging aber auch nicht anders. Mit so einem Film hätten wir ja nicht nach der Bundestagswahl kommen können.
SPIEGEL: Wollten Sie nur unterhalten?
Kerkeling: Es ist eine Komödie, ganz klar. Andererseits war der Film dazu gedacht, den realen Wahlkampf zu beleben. Er wurde dann verrückterweise das Einzige, was wenigstens ein bisschen nach politischem Leben aussah.
SPIEGEL: Die Nachrichtensender N24 und n-tv entschlossen sich sogar, die Pressekonferenz zu Ihrem Film live zu übertragen. Drumherum wurden Beiträge gezeigt, als wäre Horst Schlämmer ein realer Kandidat.
Kerkeling: Bei manchen Zuschauern musste das den Eindruck erwecken, die Kandidatur sei ernst gemeint.
SPIEGEL: So begannen die Grenzen zwischen Realität und Fiktion zu verschwimmen, auch weil Sie von Anfang an nur als Schlämmer vor Journalisten aufgetreten sind.
Kerkeling: Es ging nicht anders. Ich konnte ja nicht die Figur erklären oder was sich der Künstler dabei gedacht hat. Als Hape Kerkeling hätte ich Schlämmer jede Kraft genommen.
SPIEGEL: Ist das nicht grenzwertig, wenn Journalisten sich zum Teil des Klamauks machen lassen müssen, indem sie eine Fiktion interviewen?
Kerkeling: Das kann man so sehen. Aber es war auch niemand gezwungen, mit mir zu reden. Ihre Kollegen kamen alle freiwillig. Und die Geschichte dahinter zu erzählen, das macht für mich erst jetzt Sinn mit dem Abstand einiger Wochen.
SPIEGEL: Ging es Ihnen am Ende nicht selbst auf die Nerven, sich dauernd zum Horst machen zu müssen?
Kerkeling: Doch, auf jeden Fall. Mitunter war ich selbst während der Reklame zum Film sechs, sieben Stunden pro Tag Schlämmer. Am Schluss mochte ich das wirklich nicht mehr. Drei, vier Tage nach der Premiere war ich das letzte Mal er. Vielleicht habe ich auch übertrieben.
SPIEGEL: Woran merken Sie das?
Kerkeling: Wenn man zu jeder Tages- und Nachtzeit im Fernsehen dieses grunzende Gesicht sieht, das man selbst ist.
SPIEGEL: Haben Sie mal als Schlämmer geträumt?
Kerkeling: Nein.
SPIEGEL: Sie ziehen ihn einfach an und aus?
Kerkeling: Wollen Sie gerade, dass ich mich für Sie zum Kasperle mache?
SPIEGEL: Na ja ...
Schlämmer: Isch sach Ihnen, dat Tolle is' vor allem die Stimmlage. Sähr angenehm für misch als Raucher, weisse Bescheid.
SPIEGEL: Sie sind es wirklich.
Kerkeling: Es ist eine Rolle. Ich bin immer auf einer Meta-Ebene der, der die Marionette bewegt. Ich verschwinde nie hinter der Figur. Sonst müsste ich ja auch noch heterosexuell werden. Na danke!
SPIEGEL: Laut einer Forsa-Umfrage konnten sich 18 Prozent der Deutschen Horst Schlämmer als Kanzler vorstellen. Das ist doch ... besorgniserregend?
Kerkeling: Ich habe selbst schon so meine Erfahrungen sammeln dürfen mit den Anrufen diverser Meinungsforschungsinstitute. Diese Umfragen sind wahnsinnig kompliziert und werden von Menschen durchgeführt, die darauf angewiesen sind, dass endlich mal einer nicht auflegt. Deshalb nehme ich nicht an, dass diese 18 Prozent Schlämmer wirklich als Kanzler wollten.
SPIEGEL: Sie meinen, die wollten keine schmierig-versoffene Kunstfigur als Regierungschef, sondern hatten einfach Humor?
Kerkeling: Es ist die nettere und wahrschein- lichere Variante, ja. Und mal ehrlich, schon diese Frage kann ja wohl niemand ernsthaft stellen: Wollen Sie Horst Schlämmer als Kanzler? Hallo?
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horst schlämmer würde auch in vielen anderen ländern ankommen. das problem mit uns deutschen ist, dass wir immer nach england schauen und glauben, da wäre der witz der welt zu hause. ist er aber nicht. da gibts viel trash, den die [...] mehr...
Ich vermute, das romber58 nur ausdruecken wollte, dass dt. Komiker nur in Dtl. und nur fuer Deutsche funktionieren. Es ist fuer Nichtdeutsche immer etwas schwierig zu verstehen, dass wir immer gern trennen zwischen: "jetzt [...] mehr...
Ich kenne keinen besseren und das Interview reicht weit über sein Genre hinaus. Hape ist für mich ein humanistischer Comedian. Wenn Sie Deutsche mit Eier suchen, probieren Sie‘s mal mit Oli Kahn, aber so witzig ist der nicht. [...] mehr...
Ich dachte dass der Kerl ein echte Komiker waere.Aber nachdem Ich dieser Artikel gelesen habe, indem er sich im grunde fuer alles sich entschuldigt hat....pfuie teufel Kerkerling ,Du bist gerade ein beweise das der sogenannter [...] mehr...
gebracht. Aber, schon vorher gab es solche echten Wahlergebnisse. oder war die Statt-partei und Schill eine Fiktion? in manchen Bezirken sind 15 bis 20 % der Wähler, die nur aus Opposition etwas wählen, was sie nie wirklich [...] mehr...
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© DER SPIEGEL 41/2009
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