SPIEGEL: Nehmen wir mal an, ein junger Mensch will gerade aktiv in die Politik einsteigen und sieht "Isch kandidiere!". Wird er eher ermutigt oder abgeschreckt?
Kerkeling: Ich hoffe jedenfalls, dass der Film ihm zweierlei zeigt: Politik ist Kärrnerarbeit. Und dennoch kann es Freude und Genugtuung bringen, in einer Gruppe ein gemeinsam
es Ziel zu verfolgen.
SPIEGEL: Wann wird Horst Schlämmer das nächste Mal auftreten?
Kerkeling: Vielleicht kommt er gar nicht mehr zurück. Vielleicht lasse ich ihn wirklich jetzt sterben. Der Film war eine Art Crescendo ...
SPIEGEL: ... oder Overkill?
Kerkeling: Kurz davor. Es könnte zumindest sehr lange dauern, bis ich die Figur wiederbelebe. Aus kommerziellen Gründen würde ich das eh nicht mehr machen. Ich brauchte eine wirklich gute Idee.
SPIEGEL: Was ist das Anstrengendste daran, dieser versoffene Lokaljournalist zu sein?
Kerkeling: Die künstlichen Zähne zum Beispiel tun nach ein paar Stunden extrem weh. Dazu diese Perücke, die mit einem straffen Band am Schädel festgezurrt wird. Der aufgeklebte Fünf-Tage-Bart. Und erst die Brille, auf die ich als Nichtbrillenträger ständig grapsche! Dauernd hat man so einen schlierigen Blick. Furchtbar.
SPIEGEL: Gibt's auch schöne Seiten am Schlämmer-Dasein?
Kerkeling: An die Herrenhandtasche hatte ich mich zum Schluss gewöhnt. An den letzten Drehtagen habe ich die abends sogar mit nach Hause genommen, weil ich da immer alles Wichtige reingepackt habe.
SPIEGEL: Was verrät eine Nation über sich, die so einen Kotzbrocken liebt?
Kerkeling: Dass sie Humor hat. Und Schlämmers Erfolg zeigt wohl auch, dass eben jeder so eine Type kennt. Ich glaube, dass Deutschland auch ein bisschen Schlämmer ist. Ist aber nicht schlimm.
SPIEGEL: Sie machen seit 25 Jahren Fernsehen und haben etliche Figuren entwickelt. Wann wurde Ihnen klar, dass Schlämmer alle anderen Figuren überstrahlen würde?
Kerkeling: Gleich beim ersten Mal vor knapp fünf Jahren, als wir ihn kurz in einem Einspielfilm zeigten. Die Zuschauer im Studio rasteten aus. Ich selbst mochte diese Type am Anfang gar nicht und wollte sie schnell wieder weglegen. Der Spaß kam dann auch für mich mit dem Erfolg.
SPIEGEL: Der "Tagesspiegel" schrieb, Sie seien "kein Anarchist", Ihr Humor wirke "deeskalierend". Ist Schlämmer Ihr Ventil?
Kerkeling: Wir haben gemeinsam, dass wir keine Trends mögen. Wir sind total unmodern. Aber er ist natürlich viel unangepasster. Mit ihm kann ich Dinge tun und sagen, die ich sonst nie wagen würde. Das war bisweilen schon befreiend.
SPIEGEL: Mediale Überraschungsangriffe auf "normale Menschen" wurden früh Ihr Markenzeichen. Sie überfielen Zugreisende mit absurden Quiz-Aufgaben, die Bundespressekonferenz als Zwischenrufer und einen echten Staatsempfang als falsche Königin Beatrix. Heute macht so was jeder Depp im Lokalradio. Sind Sie daran mit schuld?
Kerkeling: Wahrscheinlich ja. Leider ist das Geheimnis ganz simpel: Die Masche ist einfach, sie funktioniert, und die Leute lachen. Immer.
SPIEGEL: Was ist der Unterschied der anderen zu Ihnen? Dass Sie unbescholtene Bürger nicht derart vorführen?
Kerkeling: Schön wär's. Aber auch ich bin streckenweise deutlich zu weit gegangen. Deshalb fällt es mir schwer, Kollegen da heute einen Vorwurf zu machen. Andererseits muss Comedy auch Grenzen überschreiten. Das darf nur nicht zum einzigen Geschäftsprinzip werden.
SPIEGEL: Sie haben in den neunziger Jahren auch dramatische Quotenflops erlebt. Macht das demütig?
Kerkeling: Zunächst mal: Was schiefging, ging zu Recht schief. Danach wusste ich immer, woran es lag. Und vorher hatte ich meine innere Stimme überhört. Da bin ich heute absolut konsequent. Ich habe aber den Job als solchen nie so wichtig genommen, wie Sie vielleicht denken. Jeder Erfolg relativiert sich, wenn man mal erlebt hat, wie Senderchefs sich bei solchen Medienpartys wegdrehen und tuscheln: Achtung, da kommt das Kassengift! Der Absturz ist in unserem Job programmiert. Das wusste ich von Anfang an. Man muss da auch ein bisschen Spieler sein.
SPIEGEL: Heute können Sie sich aussuchen, mit welchem Sender Sie arbeiten. Haben Sie gelegentlich Angst, so ein Kotzbrocken zu werden wie jener alternde TV-Showmaster, den Heinz Schenk einst in Ihrem Kinofilm "Kein Pardon" spielte?
Kerkeling: Man wird in dem Gewerbe ein bisschen das Arschloch, auch um sich abzugrenzen. Es lässt sich gar nicht vermeiden. Man darf es nur nicht verinnerlichen.
SPIEGEL: Sie selbst wollen angeblich nicht im Fernsehen alt werden.
Kerkeling: Komischerweise wurde ich schon mit Anfang 20 gefragt, wann ich denn aufhören wolle. Mit 50 ist Schluss, ohne jede Wehmut.
SPIEGEL: Und dann?
Kerkeling: ... schreibe ich nur noch. Ich habe das Schreiben immer schon mehr geliebt als das Darstellen, das eigentlich nur eine Notlösung war, weil ich einfach niemanden kannte, der meinen Quatsch hätte präsentieren können. Schreiben ist Ganz-bei-sich-sein. Deshalb würde ich auch nie so eine 100-köpfige Produktionsfirma anführen wollen. Ich brauche die Freiheit, unabhängig von so was zu sein.
SPIEGEL: Sie schreiben angeblich an zwei neuen Büchern ...
Kerkeling: ... die ich gerade zu einem verknüpfe, weil ich merke, dass sie prima zusammenpassen. Wahrscheinlich Ende nächsten Jahres wird es erscheinen.
SPIEGEL: Und wenn Sie mit 53 doch noch eine geniale Showidee haben ...
Kerkeling: ... wird sie ein anderer moderieren. Ich will mir nicht dabei zusehen, wie ich vor der Kamera altere.
SPIEGEL: Herr Kerkeling, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Interview führte Redakteur Thomas Tuma.
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horst schlämmer würde auch in vielen anderen ländern ankommen. das problem mit uns deutschen ist, dass wir immer nach england schauen und glauben, da wäre der witz der welt zu hause. ist er aber nicht. da gibts viel trash, den die [...] mehr...
Ich vermute, das romber58 nur ausdruecken wollte, dass dt. Komiker nur in Dtl. und nur fuer Deutsche funktionieren. Es ist fuer Nichtdeutsche immer etwas schwierig zu verstehen, dass wir immer gern trennen zwischen: "jetzt [...] mehr...
Ich kenne keinen besseren und das Interview reicht weit über sein Genre hinaus. Hape ist für mich ein humanistischer Comedian. Wenn Sie Deutsche mit Eier suchen, probieren Sie‘s mal mit Oli Kahn, aber so witzig ist der nicht. [...] mehr...
Ich dachte dass der Kerl ein echte Komiker waere.Aber nachdem Ich dieser Artikel gelesen habe, indem er sich im grunde fuer alles sich entschuldigt hat....pfuie teufel Kerkerling ,Du bist gerade ein beweise das der sogenannter [...] mehr...
gebracht. Aber, schon vorher gab es solche echten Wahlergebnisse. oder war die Statt-partei und Schill eine Fiktion? in manchen Bezirken sind 15 bis 20 % der Wähler, die nur aus Opposition etwas wählen, was sie nie wirklich [...] mehr...
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© DER SPIEGEL 41/2009
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