Von Dinah Deckstein, Frank Dohmen und Cordula Meyer
Noch einen letzten Wunsch äußerten die Manager der finnischen Stromfirma TVO, bevor sie bei Siemens und dem Nuklearkonzern Areva das größte Kernkraftwerk der Welt bestellten: Der Meiler sollte doch bitte möglichst einen ochsenblutroten und weißen Anstrich bekommen. Genauso sehen die niedlichen Sommerhäuser an der Küste Westfinnlands aus.
Das immerhin haben die beiden Konzerne hingekriegt: Derzeit befestigen Arbeiter eine farbige Verkleidung an der Turbinenhalle. Ansonsten aber läuft nicht viel nach Plan auf Europas größter Atombaustelle.
Auftraggeber und Herstellerfirmen sind heillos zerstritten, sie kämpfen vor einem Schiedsgericht um Milliarden. Die Kosten explodieren, die Fertigstellung verzögert sich um Jahre. Vor allem aber werfen Kritiker dem Konsortium vor, gefährlich zu pfuschen. Beton sei porös, Stahl sei rissig, und manche Konstruktionsprinzipien seien so gewagt, dass es die Experten von der finnischen Atomaufsicht schaudern lasse.
Nach außen hin bemühen sich TVO und Areva weiterhin, alles im besten Licht erscheinen zu lassen. Scheinwerfer beleuchten das künftige Reaktorgebäude. Betonmischer kurven im Konvoi drum herum. Bauarbeiter mit Warnjacken laufen umher, sie sprechen Polnisch, Finnisch, Deutsch, Französisch, Slowakisch, Serbokroatisch. Im Verwaltungsgebäude daneben zählt TVO-Projektmanager Jouni Silvennoinen einen Superlativ nach dem anderen auf: Hier in Olkiluoto am Bottnischen Meerbusen wird der erste Atomreaktor der dritten Generation gebaut, der Europäische Druckwasser-Reaktor, kurz EPR. Der leistungsstärkste Meiler der Welt könnte eine Millionenstadt komplett mit Strom versorgen.
Silvennoinen hantiert mit einem Laserpointer und großen Zahlen. 4300 Arbeiter aus 60 Ländern und 700 Subunternehmen werden 200.000 Kubikmeter Beton auf ihrer Babel-Baustelle gießen: "Es ist beeindruckend, wie alle diese Tausenden Menschen für ein gemeinsames Ziel arbeiten."
Die Bauprobleme seien nichts, was ihm Sorgen bereite, sagt auch Areva-Projektmanager Jean-Pierre Mouroux: "Wir haben viel gelernt und Erfahrung gewonnen, die wir für den nächsten EPR nutzen können."
Doch in Wahrheit sind die Pannen beim Vorzeigeneubau eine schlechte Nachricht für die Atomwirtschaft; denn eigentlich hofft die Energiebranche auf ein Comeback ihrer Großtechnik. Und Olkiluoto sollte ihr Schaufenster werden - daraus wird wohl nichts.
Renaissance durch die Hintertür?
Mehr noch als auf Neubauten setzen die Atommanager in den Industrieländern ohnehin auf eine Art Billig-Renaissance: Ihre Uraltkraftwerke aus einer Zeit, in der VW in Deutschland noch den Käfer baute, sollen einfach weit über ihre ursprünglich geplante Lebensdauer hinaus Strom produzieren. Selbst im atomkritischen Deutschland will die künftige schwarz-gelbe Regierung der Atomindustrie längere Laufzeiten ermöglichen.
Modernisierung statt Neubau - ist das die neue Strategie, die auf eine Renaissance durch die Hintertür hinausläuft? Zumindest zeigt das Chaos um den Olkiluoto-Reaktor, dass die Branche gar nicht ohne weiteres in der Lage ist, in der westlichen Welt günstig und sicher genug neue Kraftwerke zu bauen. Und Energieversorger können solche Mammutprojekte mit ihren gewaltigen Finanzrisiken nicht mehr stemmen - das geht nur, wenn der Staat einspringt.
Mit einem Desaster hatte kaum jemand gerechnet, als Frankreichs Staatsbetrieb Areva und der deutsche Siemens-Konzern den Finnen ihren EPR-Prototyp schlüsselfertig anboten: zum Komplettpreis von drei Milliarden Euro. Die Franzosen übernahmen den nuklearen Teil und die Leittechnik, Siemens sollte hauptsächlich Dampfturbinen und Transformatoren liefern. Ein gutes Geschäft, dachten sich die TVO-Manager, damals im Dezember 2003.
Ursprünglich hätte das Kraftwerk schon in diesem Frühjahr ans Netz gehen sollen. Doch nun soll es erst 2012 so weit sein - vielleicht. Ob es klappt, "hängt vom Verhalten meiner Kunden ab", sagt Areva-Manager Mouroux spitz. Damit meint er TVO.
Außerdem wird der Bau mindestens 2,3 Milliarden Euro teurer als geplant. Die Rückstellungen für den erwarteten Verlust fressen fast den gesamten Konzerngewinn von Areva auf. Auch Siemens musste bereits dreistellige Millionenbeträge zurücklegen.
Zwitter aus einer deutschen und französischen Reaktorentwicklung
Anfang dieses Jahres verklagte Areva deshalb TVO auf eine Milliarde Euro Entschädigung. TVO habe viel zu lange gebraucht, um Blaupausen und andere Dokumente zu bearbeiten. TVO konterte mit einer Gegenklage und fordert nun seinerseits 2,4 Milliarden Euro als Ausgleich für entgangene Gewinne wegen der verspäteten Fertigstellung. Das Gerichtsverfahren wird wohl noch länger dauern als die Bauarbeiten.
Die Konzernbosse attackieren sich inzwischen ohne Unterlass: Areva-Chefin Anne Lauvergeon drohte unlängst, in Olkiluoto nicht weiterzubauen, wenn TVO nicht festen Regeln der Zusammenarbeit zustimme und alles zackiger genehmige. Ein Siemens-Sprecher wollte diese Drohung wegen des laufenden Schiedsverfahrens nicht kommentieren. Aber hinter vorgehaltener Hand rügten auch hochrangige Siemens-Manager die finnischen Auftraggeber. TVO habe die Verzögerungen mitverschuldet, weil die Firma Bauunterlagen viel zu spät an die Aufsichtsbehörden weitergeleitet habe.
Alles falsch, keilte TVO-Verwaltungsrat Timo Rajala vor gut zwei Wochen zurück, Areva habe "den Reaktor verkauft und dann erst mit dessen präziser Planung begonnen". Es gebe keine normalen Geschäftsbeziehungen zwischen den Unternehmen mehr. Mehrfach hat die finnische Atomaufsichtsbehörde Stuk Arbeiten in Olkiluoto gestoppt, weil die Firmen sich nicht an Auflagen hielten.
Der EPR ist der erste Reaktor der sogenannten dritten Generation, die modernste Atommaschine der Welt, ein Zwitter aus einer deutschen und einer französischen Reaktorentwicklung. Der EPR verfügt innen über eine betonverstärkte Stahlhülle, welche die äußere Betonkuppel sicher abdichten soll, sowie über ein Keramikbecken unter dem Reaktor. All diese Neuerungen sollen die Höllenglut auffangen, wenn einmal alles richtig schiefgehen sollte.
Aber Zwitter sind komplizierte Wesen: Mehr als 3000 Fehler gab es bislang beim Bau. Die wichtigste ungeklärte Frage betrifft "die Sinne, die Nerven und das Gehirn des Reaktors", sagt Petteri Tiippana, Direktor bei der finnischen Atomaufsichtsbehörde Stuk: das automatische Leitsystem des Atomkraftwerks.
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...in der Diskussion. mehr...
Ich habe nirgends ausgeschlossen, dass es auch noch andere Bereiche gibt, die diesen fixen Begriff verwenden. Ihre billigen Rechtfertigungsversuche wirken in meinen Augen allerdings recht erheiternd... vor allem dass [...] mehr...
http://www.n-tv.de/panorama/93-000-statt-4-000-Tote-article179005.html Wem glaubt man? Die Zahl von 47 ist natürlich Unfug, bezieht sie sich doch nur auf die faktisch sofort Verstorbenen. mehr...
Was konkret bezeichnen Sie als Unsinn? Seltsame Message. Verstehe ich nicht. mehr...
Unsinn. Fertigung, Betrieb und Entsorgung sind sehr viel berechenbarer als der Betrieb von Kernkraftwerken. Von Photovoltaikanlagen ganz zu schweigen. Sie betreiben gefährlich unsinnig-dumme Verharmlosung und Desinformation, [...] mehr...
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